14.04.2024

Zeit-Zeuge der Evangelischen Allianz: Wir schließen uns dem Osten an

Fritz Laubach: Wie wächst Einheit? (EiNS-Artikel von 2019)

[EiNS 2019] Die Wendezeit hat Dr. Fritz Laubach als Vorsitzender der Deutschen Evangelischen Allianz in Westdeutschland er-lebt. Er erinnert sich daran, wie angespannt die Situation im Sommer 1989 war. Im August reiste er zusammen mit seiner Frau mit der Bahn in die DDR, um als Gast an der Allianzkonferenz in Bad Blankenburg teilzunehmen. Die Behandlung am Grenzübergang hat er als absolut entwürdigend in Erinnerung: „Man wusste nie, was einem passiert. ‚Nehmen Sie die Brille ab‘, sagte der Grenzer in harschem Tonfall. Er schaute mich scharf an und nahm mir zunächst die Papiere ab.“ Das war die Einreise in die damalige DDR. Ganz anders war es in Bad Blankenburg. Auf der Konferenz erlebten die Gäste aus Westdeutschland eine völlig andere Welt. Unter den Teilnehmern herrschte eine fröhliche Glaubensgewissheit. „Wir wollten zuerst hören“, das ist einer der Sätze, der im Gespräch mit Fritz Laubach immer wieder fällt. „Wir wollen keine Ratschläge erteilen, wir wollen hören, wie ihr die Situation beurteilt“, so hat er auch damals aufmerksam zugehört. Er spürte im Leitungskreis durchaus eine gewisse Spannung wegen der politischen Situation. Es gab unter den Geschwistern unterschiedliche Meinungen zur beginnenden Ausreisewelle aus der DDR. Für die Geschwister im Osten war es damals ein ungewöhnlicher Gedanke, dass der Allianzvorsitzende im Westen gute Kontakte zur Regierung hatte. Auch auf diesem Gebiet empfand der Gast eine gewisse Zurückhaltung bei den Geschwistern. Insgesamt blieb die Allianzkonferenz als wunderbare Begegnung mit den Glaubensgeschwistern im anderen Teil Deutschlands in Erinnerung. Dann fiel die Mauer – und damit war die Situation eine ganz andere. Viele Brüder aus dem Hauptvorstand meldeten sich zu Wort mit Vorschlägen, was nun passieren sollte. Zum Hauptvorstand gehörten seinerzeit 25 Personen, ausschließlich Leute, die bundesweit bekannt waren. Angesichts der neuen Situation rückte das Thema „Intensivierung der Kontakte zwischen beiden deutschen Allianzen“ bei der Sitzung des Hauptvorstandes der Allianz in der Bundesrepublik Ende November 1989 an vorderste Stelle. Die Brüder aus der DDR waren eingeladen, wollten aber bei dieser Sitzung noch nicht dabei sein. Sie begründeten das damit, dass ihr Komitee zu-nächst selbst eine umfangreiche Tagesordnung abzuarbeiten hatte. Ein kurzer Bericht von Superintendent Jürgen Stabe, Vorsitzen-der das Allianzkomitees in der DDR, wurde verlesen. Die Brüder des Hauptvorstandes fragten sich, wie man helfen könne. Der idea-Leiter Helmut Matthies verwies darauf, dass erste Betriebe planten, Niederlassungen in der DDR zu gründen. Auch die Allianz soll-te eine gemeinsame Kommission bilden. Die bestimmende Frage war: Wie wächst Einheit? Auf jeden Fall wollte man darauf warten, welche Anregungen von den Brüdern aus der DDR kamen. Auch sollte man nicht vergessen, dass auch die Brüder aus der DDR etwas zu geben hätten. Generalsekretär Hartmut Steeb bekam den Auftrag, Kontakt mit Jürgen Stabe aufzunehmen. Eine Spurgruppe, bestehend aus 13 Mitgliedern des Hauptvorstandes, wollte die Kontakte zur Allianz in der DDR vorbereiten.Zur Sitzung des geschäftsführenden Vorstandes am 12. Januar 1990 in Berlin-Tegel saßen das erste Mal Vorstandsmitglieder aus beiden Allianzen an einem Tisch. Zu Beginn schickte Fritz Laubach voraus, dass es vor allem darum gehe, Einblicke in die Situation in der DDR, unter besonderer Berücksichtigung der Situation der Gemeinde Jesu und der Evangelischen Allianz, zu bekommen. Ihm war wichtig, zu signalisieren: Ihr seid unsere Brüder. Wir wollen hören, was sind eure Perspektiven für die Zukunft?

„Wir schließen uns dem Osten an“
Man wusste darum, dass die DDR abgewirtschaftet hatte. Im Osten machte sich das Ge-fühl breit, dass im Westen die Meinung herrsche: „Wir kommen als eure Befreier. Wir haben alles und ihr kriegt jetzt von uns was ab.“ Das Gespräch sollte nicht von diesem all-gemeinen Eindruck bestimmt werden. Die Brüder sollten sich nicht vereinnahmt fühlen. Aus dem Allianzkomitee war viel zu berichten. Jürgen Stabe sah die unerwarteten Veränderungen in der DDR als Zeichen der Realität Gottes. Er berichtete aber auch davon, dass erschreckend deutlich wurde, wie das System gewirkt hatte. In dieser Zeit kam zu-tage, wie viele Menschen für den Staatssicherheitsdienst gearbeitet hatten, auch in Nachbarschaften, Familien und Gemeinden. „Das Ausmaß der Bespitzelung übersteigt al-les Vorstellungsvermögen“, hieß es in seinem Bericht. Stabe machte sich Sorgen darüber, wie man mit dieser Vergangenheit umgehen werde und sah die Gefahr von Selbst- und Lynchjustiz. Man hatte kurz vorher 45 Güterwaggons mit Akten der Staatssicherheit vor der Vernichtung bewahrt. Im Mai sollte in der DDR gewählt werden. Noch war nicht vor-stellbar, wie diese Wahl ausgehen würde und welche Konsequenzen sie haben würde. Die Kirche habe in dieser Situation ein politisches Mandat, dies sei jedoch begrenzt. Allianzhausdirektor Karl-Heinz Mengs ergänzte, dass man den Christen derzeit am ehesten traue und berichtete von der Mitwirkung an den Runden Tischen vor Ort und Friedensgebeten. „Nach wie vor gehen wir mit Kerzen zu Demonstrationen. Auf eine Hand, die Kerzen trägt, schlägt man nicht. Wer unter Gottes Wort stand, bevor er auf die Straße geht, schlägt keine Fenster ein“, wird er zitiert. Stabe sieht das Gebet in dieser Situation als Schwerpunkt an. Manfred Kern spricht an, dass die große Mehrheit der Christen nicht angepasst gelebt habe und darum auch manche Folgen zu tragen hatte. Jedoch seien die Evangelikalen auch nicht in der Opposition gewesen. Er bedauerte sehr, dass man manches Mal den Regierenden „auf den Leim gegangen“ sei. Den Voten folgte eine offene Aussprache. Man beschloss zunächst, einmal jährlich eine gemeinsame Tagung abzuhalten und dass jeweils ein oder zwei Vorstandsmitglieder an den Sitzungen des anderen Vorstands teil-nehmen sollten. An der Sitzung des Hauptvorstandes im April 1990 in Siegen stellten Vertreter des Allianzkomitees die Evangelische Allianz in der DDR vor. Das Komitee be-stand damals aus zwölf Brüdern, sechs aus Freikirchen und jeweils drei aus Landeskirchen und dem Gnadauer Verband. Etliche Brüder sprachen sich dafür aus, dass es künftig einen gemeinsamen Hauptvorstand geben sollte. Jürgen Stabe rechnete mit einer Übergangszeit von einem Jahr. Fritz Laubach verwies darauf, dass der Vorstand sich automatisch wieder verkleinern würde, wenn man in den Folgejahren beim Ausscheiden von Mit-gliedern auf eine Nachwahl verzichten würde. Am 3. April beschloss der Hauptvorstand die Zusammenführung der Evangelischen Allianz in der Bundesrepublik mit der Evangelischen Allianz in der DDR zur Deutschen Evangelischen Allianz. Eine Kommission be-kam den Auftrag, eine Beschlussvorlage für die Zusammenführung und einen Stellenplan für derzeitige und künftige Mitarbeiter zu er-arbeiten. Für die Allianzgebetswoche 1991 sollte ein gemeinsames Programm erarbeitet werden.Für Fritz Laubach war damals schon klar: „Wir schließen uns dem Osten an. Viele Be-triebe gingen an den Westen. Unter der Bevölkerung machte sich Resignation breit, weil Versprechen nicht gehalten wurden. Wir schließen uns dem Osten an, wir machen eine Allianz und der Vorsitzende ist der aus der DDR.“ Dankbar erinnert er sich an die gute Zusammenarbeit mit Jürgen Stabe, dem ersten gesamtdeutschen Vorsitzenden. „Wir waren eine Blutgruppe“, sagt er. Im November beschloss der Hauptvorstand dann offiziell, sich der Deutschen Evangelischen Allianz Ost anzuschließen. Es sollte nicht zwei gleichberechtigte Vorsitzende geben. Laubach unter-strich seinen Vorschlag, dass Jürgen Stabe 1. Vorsitzender und er sein Stellvertreter würde. Alles andere sei zu kompliziert. Im April 1991 war es dann soweit. Am 9. April konstituierte sich der neue Hauptvorstand. Neuer Vorsitzender wurde Superintendent Jürgen Stabe aus Annaberg/Erzgebirge. Hartmut Steeb wurde einstimmig zum Generalsekretär gewählt, Manfred Kern als sein Stellvertreter. Zum 30. Juni 1991 legte die vereinigte Deutsche Evangelische Allianz ihren Sitz nach Bad Blankenburg. Auch die Geschäftsstelle wurde später von Stuttgart nach Bad Blankenburg verlegt.

Zusammengestellt aus Gesprächen mit Dr. Fritz Laubach und Protokollen der Deutschen Evangelischen Allianz von Margitta Rosenbaum

(EiNS-Artikel von 2019)

 

Serie: Zeitzeugen der Evangelischen Allianz

2019/3 EiNS-Magazin

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