11.11.2019

Was die Evangelische Allianz im Zukunfts-Tsunami erlebte

In Hannover trafen sich 230 Christen zu einem Zukunftsforum der Evangelischen Allianz Deutschland. Ihr Ziel: Ideen für die Zukunft des Reiches Gottes in Deutschland entwickeln. Die idea-Redakteure Karsten Huhn und Lydia Schubert berichten.

(idea) Ein Ideen-Tsunami war über die Zuhörer hinweggefegt. Drei Tage mit 12 Vorträgen, 19 Arbeitsgruppen, lautstarkem Lobpreis, stillem Gebet, zahlreichen Wortmeldungen und vielen Pausengesprächen lagen hinter den Teilnehmern. Es war eine Mitmach- und Mutmachveranstaltung, bei der jeder nicht nur Zuhörer, sondern auch Akteur war. Das Fazit? „Ich bin total fertig“, sagte ein Teilnehmer. „Es war wie aus dem Feuerwehrschlauch trinken.“ Ein anderer fand die Worte „dankbar, begeistert, genial“ und ein dritter: „Evangelische Allianz ist einfach nur geil.“ Sechs Themenfelder hatten die Veranstaltungsplaner von der Evangelischen Allianz auf die Tagesordnung gesetzt: Diskutiert wurde über Bibel, Gebet, Evangelisation, Gesellschaftsverantwortung, Digitalisierung und Einheit. Unmöglich, hier einen vollständigen Bericht zu geben, daher nur eine streng subjektive Auswahl: Die Leiterin der Jüngerschaftsschule im Gebetshaus Augsburg, Elke Mölle, erinnerte daran, Gebet als Kraftquelle zum Auftanken zu entdecken. Bisher habe Gebet in vielen Gemeinden keine Priorität: „Selbst bei uns im Gebetshaus sehen wir, wie der natürliche Sog immer in die Arbeit hinein ist und uns aus dem Gebetsraum herausziehen will.“ Mölle sieht in der Gesellschaft einen wachsenden Hunger nach Spiritualität. Yoga-Kurse und buddhistische Zentren seien gut besucht. Gefragt seien aber auch christliche Angebote wie Taizé-Treffen und Kloster-Aufenthalte. Mölle empfiehlt: „Weg von nüchternen Gebetstreffen, hin zu Treffen mit mehr Spaßfaktor.“ So habe es sich bewährt, Musik und Gebet zu verbinden. Nicht nur für persönliche, sondern auch für politische Anliegen solle gebetet werden. Dabei sollten Gebete nicht nur als Feuerwehr zur Schadensbegrenzung in Krisenfällen eingesetzt werden, sondern vorausschauend für Regierungen, Nationen und politische Ereignisse wie den G20-Gipfel. Mölle verwies dazu auf eine Aussage Martin Luthers: „Gebet ist Teilhabe an der Weltregierung Gottes.“

Wie Einheit entsteht

Das Leitungsmitglied im Gebetshaus Freiburg, Daniel Gruber, bezeichnete Gebet als „Ringen mit Gott“. Auch Jesus habe mit Gott im Gebet gerungen („Lass den Kelch an mir vorübergehen“). Gebet sei ein „Schlüssel für göttlichen Rat“, und es bewirke „Vision, Verständnis und Agilität“. Zudem entstehe durch Gebet Einheit. So betete im Gebetshaus Freiburg ein ICF-Pastor neben einem rumänisch-orthodoxen Priester und einem katholischen Weihbischof. So entstehe eine „Ökumene der Herzen“. Zugleich zeichnete Gruber ein skeptisches Bild zur christlichen Lage der Nation: Deutschland sei in ein post-christliches Zeitalter eingetreten, in dem das Christentum verblasse. Die Werte des Christentums seien noch vorhanden, sie entkoppelten sich jedoch von ihren Ursprüngen. Gruber: „Die Menschen wollen das Königreich ohne den König.“

Christen, macht den Trainerschein!

Der Leiter der christlichen Sportorganisation SRS, Hans-Günter Schmidts, forderte Christen dazu auf, sich in Sportvereinen zu engagieren, etwa als Trainer von Jugendmannschaften. Trainer würden händeringend gesucht. In Sportvereinen könne man Vorbild sein und Werte vermitteln. Schmidts: „Ein Trainer prägt mehr als Lehrer, Pfarrer oder Eltern.“ Schmidts verwies auf die gesellschaftliche Bedeutung des Sports: In Deutschland sind 28 Millionen Mitglieder in 91.000 Sportvereinen organisiert. 42 % der Deutschen machen regelmäßig Sport, bei den Kindern sind es sogar 64 %. Sportübertragungen wie die Fußballweltmeisterschaft oder die Olympischen Spiele gehörten zu den meistgesehenen Fernsehsendungen. Sport versöhne und habe die Kraft, die Welt zu verändern. Kirchengemeinden sollten die Arbeit ihrer Mitglieder in Sportvereinen unterstützen, etwa indem sie den Trainerschein bezahlen, so Schmidts. Durch die Arbeit als Trainer lasse sich eine ganze Generation verändern.

Beziehungen sind der Schlüssel

Wie hat Jesus evangelisiert? Durch Beziehungen, sagte der Referent für Neugründung und Neubelebung im Gnadauer Verband, Oliver Ahlfeld (Magdeburg). Beziehungen seien das Zeitlose, was bleibt. Durch Beziehungen werde Neugier geweckt, Glaube entfacht, und es entstehe Nachfolge. Und wie knüpft man Beziehungen zu Nichtchristen? Jedenfalls nicht, indem man durch „Köderveranstaltungen“ Heiden anlockt oder im öden Jugendkreis sitzt, sondern indem man gemeinsam aktiv wird. Ahlfeld war früher Lehrer. Wenn er seine Schüler aus der 7. Klasse fragte: „Was fällt euch bei Kirche ein?“, hörte er nie: „Hey, Kirche und Glaube, da sind immer so geile Events!“ Die Antwort sei oft „langweilig“ gewesen. Das müsse sich ändern. Also zusammen feiern, essen, Kaffeetrinken gehen, Fußball schauen oder Musik machen. Ahlfeld: „Haut richtig auf die Sahne!“

Themenfülle im Barcamp

Nach dem Vortragsmarathon geht es ins Barcamp, eine Nicht-Konferenz, bei der die Teilnehmer selbst die Inhalte bestimmen und in Kleingruppen besprechen. Diskutiert wurde in vier Runden, zwischen 35 und 75 Minuten lang. Dabei gilt das „Gesetz der zwei Füße“ – wenn einen die Gruppe doch nicht interessiert, zieht man einfach weiter und schließt sich einer anderen Gruppe an. Über welche Themen soll gebrütet werden? Eine lange Schlange mit mehr als 30 Teilnehmern bildet sich. Jeder hat etwa 30 Sekunden Zeit, seinen Vorschlag zu präsentieren. Dann wird abgestimmt. Finden sich genug Interessenten, bekommt das Thema einen Gruppenraum. Schon prasseln die Vorschläge: Jesus digital erleben; Prostitution abschaffen; eine Nachbarschafts-App, um Christen zusammenzubringen; Beziehungsevangelisation in der Generation Z + Y; CO2 einsparen; wie geht eine generationsübergreifende Ortsallianz? Auch der Allianz-Vorsitzende Ekkehart Vetter hat sich eingereiht. „Kassenprüfungskriterien der Evangelischen Allianz reformieren“, schlägt er als Thema vor. Kurze Ratlosigkeit. „Nein, das war ein Scherz!“, sagt Vetter. Stattdessen schlägt er „Interkulturelle Gemeinden entwickeln“ vor. Die Themenwand füllt sich weiter: Einheit zu einem Thema der Leidenschaft machen, Miteinander der Generationen fördern, Christen in politischer Verantwortung unterstützen, die Kirche für Single-Arbeit begeistern, Unternehmerisches Denken im Reich Gottes fördern, eine Evangelisationskultur fördern, einen professionellen christlichen YouTube-Kanal entwickeln, Mission in christlichen Kitas und Schulen betreiben, Männer für Nachfolge begeistern, eine multikonfessionelle Gemeinde gründen, eine neue „Sex-Theologie“ für Gemeinden und und und. Themenvorschläge, die einander ähneln, werden mit anderen fusioniert. Nach einer halben Stunde ist die Schlange abgearbeitet und der Moderator k. o. von der Themenfülle.

Sehnsucht nach einem Leben in Fülle

Nun geht es in die Teambesprechungen. Eine Gruppe widmet sich der Frage, wie die Generationen Y und Z (die zwischen 1980 und 2015 Geborenen) mit dem Evangelium erreicht werden können – und dann selbst zu begeisterten Botschaftern werden. Die meisten Teilnehmer gehören altersmäßig selbst zur Zielgruppe. Am Anfang steht die Frage, was die junge Generation überhaupt ausmacht. Schnell füllen sich die Plakate auf den Tischen mit Schlagworten: „Sehnsucht nach einem Leben in Fülle“, „ausgeprägtes Toleranzverständnis“, „Einheit statt Abgrenzung“. Landeskirchlich aufwachsen, als Jugendlicher zu einer Freien evangelischen Gemeinde wechseln und zwischendurch mal bei einer ICF-Kirche vorbeischauen? Kein Problem! Und statt „Schaffe, schaffe, Häusle bauen“ habe die jungen Generation eine „unfassbare Feierkultur“. Außerdem suchen die jungen Menschen nach Anerkennung, Wertschätzung und Authentizität – aber was bedeutet das jetzt für Evangelisation? Nach und nach setzen sich die Ideen wie Puzzleteile zusammen. „Es muss auf jeden Fall nachhaltig sein – nichts, wo man einmal hingeht, und das war‘s dann“, „Ästhetik ist ganz wichtig“, „Wie wäre es mit persönlichen Zeugnissen?“, fliegen die Vorschläge durch den Raum. Gegen Ende der Sitzung einigt sich die Gruppe auf eine Abendveranstaltung, in der junge Christen von ihren Lebensentwürfen erzählen und wie sie ihren Glauben im Alltag leben.

Das digitale Angebot ist leider oft peinlich

Die Gruppe „Christen in der digitalen Welt“ denkt über einen Kurs nach, der Gemeinden fit macht, um aktuell, ästhetisch und ansprechend auf den sozialen Plattformen aktiv zu sein. „Bislang gibt es leider nicht viele Formate – und wenn, fallen die christlichen oft leider eher in die Kategorie ‚peinlich’“, sagt ein Teilnehmer. Weniger Klarheit herrscht bei der Frage, ob so ein Kurs online oder besser doch vor Ort angeboten werden sollte. Und die Inhalte? Natürlich sollte Wissen zu den wichtigsten Plattformen wie Facebook, Twitter und Instagram vermittelt werden, aber auch Infos zu Datenschutz, Bildrechten und den Umgang mit Hasskommentaren, so die Gruppe. Und natürlich brauche es individuelle Lösungen: Will eine Kirchengemeinde nur einmal pro Woche einen Bibelvers posten oder sich auf mehreren Plattformen und vielleicht auch mit Videos oder einem Podcast präsentieren?

„Großartig! Ran an den Speck!“

Am dritten Tag sind die Wände des Veranstaltungssaales mit Konzepten gefüllt. Eine „Galerie der Zukunft“ ist entstanden, jeder Teilnehmer kann von Plakat zu Plakat schlendern und die Entwürfe bewundern und kommentieren. Mit schwarzem Stift dürfen sachliche Hinweise, mit rot Kritik und mit grün Ermutigung geäußert werden. „Großartig! Ran an den Speck!“, lautet ein Kommentar, ein anderer schreibt: „Stark! Unbedingt machen.“ Auch Einwände werden geäußert: „Viel zu unklar formuliert. Muss praktischer werden“, oder auch: „Muss da was ‚Neues‘ entstehen?“, und es wird auf bereits bestehende Angebote verwiesen. Und bei der Arbeitsgruppe für eine neue „Sex-Theologie“ warnt jemand: „Optimaler Beitrag als Zerreißprobe für die Evangelische Allianz.“

Bitte mehr Positives über Sex

Im Plenum stellen 19 Gruppen ihre Ergebnisse vor. Wieder muss es schnell gehen, jedes Team hat nur drei Minuten Zeit. Als Erstes spricht die Sexualität-Gruppe. Sie fordert, weniger über die problematischen Seiten von Sexualität wie Pornografie, Sex vor der Ehe und Ehebruch zu reden und die positiven Seiten stärker zu betonen: „Gott ist Sex-Schöpfer. Sex ist gut.“ Sehr konkret wird es bei der Gruppe „Digitale Ressourcenplattform“. Wenn der Allianz-Vorstand sein Okay gibt, soll am 31. Juli eine Datenbank starten, die über Veranstaltungen und Kontakte (etwa: Gesucht wird ein Tontechniker) informieren soll. Aus dem Publikum regt sich der Einwand: Das gab es doch in den 1990er Jahren schon mal. Aber wer pflegt alle Veranstaltungen ein? Und wer nutzt das Angebot dann auch?

Und wo sind die Migranten?

Aus zwölf Nationen kommen die Teilnehmer der Gruppe „Einheit, die Vielfalt wertschätzt“. Sie weist darauf hin, dass es in Deutschland mittlerweile etwa 3.000 Migrationsgemeinden gebe. In der Evangelischen Allianz seien sie aber bisher kaum vertreten. Ein anderes Team schlägt vor, Best-Practice-Beispiele auszutauschen. (An dieser Stelle ein Hinweis in eigener Sache: Erfolgsmodelle zu Männer-, Single-, Familienarbeit, Christen in Politik und Wirtschaft, evangelistischen Initiativen usw. gibt es jede Woche in idea). Die Arbeitsgruppe zur Männerarbeit wünscht sich mehr maskuline Angebote. Schon im nächsten Jahr sollen sich die Herren der Schöpfung zu einem „Männergipfel“ versammeln.

„Könnt ihr noch?“, fragt der Moderator zwischendurch. Die Luft ist verbraucht, der Kopf schwirrt, die Aufmerksamkeit schwindet, aber noch immer geht das Ideengewitter weiter. Es geht um Netzwerke für christliche Musiker und Schauspieler („Künstlerallianz“), den Zusammenhalt der Generationen, Gebet und Evangelisationskultur in Gemeinden und die Belebung der Ortsallianzen.

Diskussion im Goldfisch-Glas

Dann die allerletzte Runde des Forums: „Fishbowl“ (etwa: Goldfisch-Glas) ist angesagt. Auf dem Podium sitzen acht Teilnehmer, um ihr Fazit zum Forum abzugeben. Das Besondere: Außer den Moderatoren kann jeder Diskutant ausgetauscht werden, nachdem er mindestens einmal zu Wort gekommen ist. Los geht’s mit dem Austausch im Bäumchen-wechsel-dich-Format. Bunter und vielfältiger solle die Allianz werden. Man wolle es den jüngeren Leuten leichter machen, in der Allianz mitzuarbeiten. Und auch wer nicht hauptamtlich in einem christlichen Werk arbeitet, sondern sich ehrenamtlich engagiert, dem soll der Zugang erleichtert werdenn. Die Bibel sei als Thema untergegangen, beklagt ein Teilnehmer, ein anderer widerspricht. Eine erinnert an die Notwendigkeit des Gebets, ein anderer an die Möglichkeit, jungen Leuten als Mentor zu dienen. Zum Schluss spricht Allianz-Generalsekretär Reinhardt Schink. Er empfinde große Dankbarkeit für die letzten drei Tage. Nun gelte es, „keusch und weise davon zu erzählen, was man hier erlebt hat“.

Teilnehmerstimmen: Was wünschst Du Dir für die Zukunft der Evangelischen Allianz?

Judith Ebert (Mitarbeiterin Liebenzeller Mission):
„Es kommt darauf an, die jungen Leute mit hineinzunehmen und Formate anzupassen – etwa im digitalen Bereich. Erste Bemühungen sind da, aber es gibt noch Luft nach oben.“

Anna Müller (Lektorin bei SCM Hänssler):
„Die Vielfältigkeit, die die Evangelische Allianz bietet, ist ein Schatz. Das Zukunftsforum zeigt, dass Platz ist für das, was uns beschäftigt, und sich jeder einbringen kann. Das wünsche ich mir auch für die Zukunft: die jungen Leute einladen, ihnen zuhören und sie mitnehmen – und dabei auch den Austausch zwischen den Generationen nicht vergessen.“

Niklas Ebert (Missionar der Liebenzeller Mission):
„Ich bin mega beeindruckt von der Power, die auf dem Zukunftsforum sichtbar wird. Mein Wunsch ist, das nicht nur einmal im Jahr, sondern auch im Alltag zu erleben.“

Christopher Dehn (Jugendreferent CVJM Lutherstadt Wittenberg):
„Ein wichtiges Anliegen lautet für mich Partizipation. Die Jugend sehnt sich nach Möglichkeiten der Teilhabe, um Dinge selbst zu bewegen. Konkrete Schritte dazu wären etwa, die Allianzjugend zu stärken – oder warum nicht junge Leute als Allianzbotschafter aussenden?“

Daniel Scharf (Jugendreferent der Evangelischen Kirchengemeinde Oberrahmede Lüdenscheid):
„Ich wünsche mir, dass Jugendliche weiter den Glauben kennenlernen und darin gestärkt werden. Sie sollen die Vielfalt an Gaben an sich selbst und anderen entdecken und lernen, über den Tellerrand hinauszuschauen in dem Wissen, dass Gemeinde Gottes nicht nur Ortsgemeinde ist, sondern sich durch die Welt zieht – in all ihrer Buntheit.“