Brücken bauen, bevor Gräben wachsen
Unsere Gesellschaft steht unter Spannung. Debatten werden härter, Gräben tiefer und die Bereitschaft zuzuhören schwindet. Wir reagieren auf Schlagworte und meinen schon im Voraus zu wissen, was unser Gesprächspartner sagen möchte. Damit ist ein wirkliches Verstehen des anderen kaum möglich. Mein Einverständnis zu seiner (vermuteten) Meinung hängt davon ab, in welche Schublade ich ihn einordne. Wobei es häufig nur noch zwei gibt: Freund oder Feind. In diesem Klima wächst das Misstrauen und es stellt sich die Frage: Was hält uns eigentlich noch zusammen? In der Gesellschaft, aber auch in christlichen Gemeinden.
Als Christen stehen wir vor der Herausforderung, diesen Entwicklungen nicht einfach zuzusehen. Jesus Christus hat seine Nachfolger nicht dazu berufen, neue Frontlinien zu errichten, sondern Versöhnung zu leben. Wo Menschen einander aus dem Blick verlieren, sind wir eingeladen, Brücken zu bauen. Brücken zwischen Generationen, zwischen unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen, zwischen Menschen mit verschiedenen politischen Überzeugungen und insbesondere auch zwischen Geschwistern mit divergierenden theologischen Erkenntnissen. Dies tun wir nicht alleine und schon gar nicht aus eigener Kraft. Vielmehr beteiligen wir uns am Werk des größten Brückenbauers aller Zeiten Jesus Christus – ER hat die entscheidende Brücke gebaut. Die Brücke zwischen Gott und den Menschen. Wir laden unsere Mitmenschen ein, diese zu betreten und werden dabei erstaunt feststellen, dass die Brücke zum Herzen Gottes immer auch zum Herzen der Geschwister führt.
Die Evangelische Allianz lebt seit ihrer Gründung diese Überzeugung. Christen unterschiedlicher Prägungen finden zusammen, weil sie entdecken, dass sie mehr verbindet als trennt. Einheit ist nicht das Aushandeln des kleinsten gemeinsamen Nenners, sondern das Erkennen des größten gemeinsamen Nenners überhaupt: Jesus Christus, den auferstandenen und wiederkommenden HERRN. Die Erfahrung der Einheit in Vielfalt ist heute wichtiger denn je. Dies gilt sowohl für die christlichen Gemeinden und Kirchen als auch für unsere Gesellschaft. Denn eine Gesellschaft, die dauerhaft nur in Gegensätzen, Konkurrenz und Abgrenzungen lebt, verliert mit ihrer Lebensfreude auch ihre Zukunftsfähigkeit. Wo Menschen nicht mehr miteinander sprechen, entstehen Vorurteile. Wo Begegnungen fehlen, wachsen Entfremdung, Misstrauen und Vereinsamung.
Brücken entstehen allerdings nicht von selbst. Es brauchen Menschen, die bereit sind, den ersten Schritt zu gehen. Menschen, die zuhören, statt sofort zu urteilen. Menschen, die andere nicht tauf ein Vorurteil, eine Herkunft oder ein Schlagwort reduzieren. Menschen, die Hoffnung stiften, wo Resignation um sich greift. Menschen, die aus einer Kraftquelle leben, die größer ist als sie selbst. Menschen, die bereit sind, die zweite Meile zu gehen, weil ihr Blick nicht am Horizont endet, sondern auf die Ewigkeit gerichtet ist.
Als Evangelische Allianz möchten wir genau dazu beitragen. Durch Gebet, Begegnung und gemeinsame Projekte, mit denen wir Verbindungen zwischen Christen, Gemeinden, Werken und Menschen unterschiedlicher Hintergründe fördern. Wir sind überzeugt: Unser Land braucht nicht weniger Miteinander, sondern mehr. Nicht mehr Polarisierung, sondern mehr Verständigung. Nicht mehr Rückzug, sondern mehr Engagement.
Dabei wissen wir: Die eigentliche Kraft zur Versöhnung kommt nicht aus uns selbst. Sie kommt von Gott. Gebet verändert Situationen und die Herzen von Menschen. Es öffnet den Blick für den anderen und erinnert uns daran, dass Gott seine Menschen liebt, um jeden persönlich ringt, weil keiner verloren gehen soll und jedem einzelnen eine unveräußerliche Würde verliehen hat. Deshalb setzen wir auf das Gebet als Grundlage unseres Handelns und als Quelle neuer Hoffnung.
Mit unserer Initiative „Brücken bauen“ möchten wir dieses Anliegen sichtbar machen und Menschen ermutigen, selbst Brückenbauer zu werden. Gemeinsam können wir dazu beitragen, dass Hoffnung wächst, Beziehungen gestärkt werden und christlicher Glaube in unserer Gesellschaft positiv wirksam wird.
Übrigens: Brücken werden zwischen getrennten Einheiten gebaut. Deshalb sind Brückenbauer Menschen, die um Zerrissenheit und Trennung wissen. Dass es ein Drinnen und auch ein Draußen gibt. Auch bei Gemeinden: Ein Körperglied ist am Leib angewachsen oder amputiert. Man ist als lebendiger Stein im geistlichen Haus eingefügt (1.Petr 2:4-5) oder liegt irgendwo rum. Nicht alles und jeder ist automatisch Teil des Leibes Christi. Aber innerhalb des Leibes existieren leider mutwillig gezogene Gräben, die Schmerzen verursachen. Für beides braucht es Brückenbauer.
Mehr Informationen, Hintergründe und Möglichkeiten zum Mitwirken finden Sie auf unserer Sonderseite: https://www.ead.de/bruecken-bauen.
Dr. Reinhardt Schink
Vorstand der EAD
Esplanade 5-10a
07422
Bad Blankenburg
Telefon: 036741 21 2424
Telefax: 036741 3212
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Herausfordernde und gesegnete Zeiten
Niemand wird bestreiten, dass wir in sehr besonderen Zeiten leben. Tiefgreifende Erschütterungen, verbunden mit einer hohen Unsicherheit und häufig auch einer verzweifelten Hoffnungslosigkeit. Wir spüren: So wie bisher geht es nicht weiter, aber es gibt kaum überzeugende Alternativen. So "wurschteln" wir uns weiter durch und versuchen, wie bei einem einstürzenden Haus die wichtigsten Pfeiler irgendwie zu halten. Aber wir können nicht überall sein und alles Halten. Unsere Kraft reicht nicht aus.
Gleichzeitig erleben wir das segensvolle Handeln Gottes. Häufig noch im Verborgenen, aber sehr überraschend und ermutigend. Nicht marktschreierisch, aber machtvoll und souverän. ER spricht sehr unmittelbar zu Menschen, verändert Situationen und öffnet Türen, die wir davor gar nicht gesehen haben. In Seiner Treue bestätigt ER Berufungen und vertieft sie gleichzeitig. All das erleben wir in den letzten Monaten im Netzwerk der Evangelischen Allianz. Es gäbe hier viele - im wahrsten Sinne des Wortes - wundervolle Geschichte zu berichten. Aber: All dies ist auch mit Arbeit verbunden. Ja, es ist unser HERR , der handelt und ohne Sein Eingreifen würde all dies nicht geschehen. Aber ER nimmt uns in Sein Handeln mit hinein - und das ist herausfordernd.
Kurz: die Veränderungen in unserem Umfeld sind mit äußeren und auch innerlichen Anstrengungen verbunden. Und dann kommen noch all die Veränderungen, die Jesus sehr unmittelbar anstößt. Ich komme mir da häufig schlicht überfordert vor und merke, dass meine Kraft vorne und hinten nicht ausreicht. Deshalb bin ich auch für das jüngst erschienene EiNS-Magazin so dankbar, das unter dem Motto steht "EiNS aber fehlt dir ...". Es nimmt Bezug auf die Geschichte von Maria und Martha (Luk 10:38 ff). Ohne Zweifel, Maria arbeitet. Sie arbeitet viel und hart, damit es Jesus und der hungrigen Jüngerschar gut geht. Und sie ehrt Jesus damit. Dies schätzt Jesus wert, und doch ermahnt ER Maria liebevoll: "Martha, Martha, du bist wegen so vielem in Sorge und Unruhe, aber notwendig ist nur wenig - eigentlich nur eines."
Dass die Notwendigkeit besteht, in und aus der Gegenwart von Jesus her zu leben, war schon immer klar und keine Frage. Gleichzeitig nehme ich in der letzten Zeit verstärkt das Reden von Jesus wahr, dies nicht nur theoretisch zu wissen, sondern auch ganz praktisch zu leben. Und ich höre es in einer verstärkten Dringlichkeit. Stille bei Jesus ist nicht nur eine gute Option oder ein erstrebenswertes Ziel. Nein, es ist das eine, das notwendig ist, genauer überlebensnotwendig. Es ist nicht "nur" die Einladung unseres Himmlischen Vaters, es ist auch mehr als "nur" ein Ratschlag. Es ist die ernste Anweisung unseres wiederkommenden HERRN. Es ist unverhandelbar und durch nichts zu ersetzen. Ohne dieses verborgene Leben in der Gegenwart des Auferstandenen HERRN werden wir angesichts aller Anforderungen, Herausforderungen und Verführungen (die auch einem frommen Gewand daherkommen), das Ziel nicht erreichen.
Deshalb erschrecke ich über mich: Sowohl wie selten ich dieser Anweisung wirklich nachkomme, als auch wie wenig Sehnsucht ich eigentlich nach diesen Zeiten habe. Wie häufig ich an anderen Quellen versuche meinen Lebensdurst zu stillen. Daher hat sich in letzter Zeit meine Antwort auf die Frage verändert, was für ein Gebetsanliegen ich denn hätte. Meist antworte ich, dass ich mir wieder neu die Sehnsucht nach Gott wünsche. Die Lebenshaltung, von der David im Psalm 63 spricht, den er in der Zeit eines seiner Wüstenaufenthalte geschrieben hatte: "Gott, mein Gott bist du, dich suche ich.
Wie ein Durstiger, der nach Wasser lechzt, so verlangt meine Seele nach dir.
Mit meinem ganzen Körper spüre ich, wie groß meine Sehnsucht nach dir ist in einem dürren, ausgetrockneten Land, wo es kein Wasser mehr gibt. (...) Deine Nähe sättigt den Hunger meiner Seele wie ein Festmahl." (Psalm 63:2&6a).Diese Sehnsucht, die stärker als alle Herausforderungen und als alle Arbeitsnotwendigkeiten ist. Diese Sehnsucht, die mich in die Nähe Gottes treibt und der Schlüssel dafür ist, dass wir nicht als fromme Funktionäre, sondern als Söhne und Töchter unseren Lauf beenden. Diese Sehnsucht, die durch nichts anderes als durch IHN selber gestillt werden kann - und die damit die Wüste zum Quellgrund werden lässt.
So werden aus herausfordernden Zeiten, gesegnete Zeiten.
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Einheit, die wir nicht machen müssen - aber sichtbar werden lassen dürfen
Die Einheit der Christen ist nicht zuerst etwas, das wir herstellen müssen. Sie ist längst schon da.
Das ist zunächst entlastend – und zugleich sehr herausfordernd. Denn wenn Einheit eine Wirklichkeit ist, die Jesus selbst geschaffen hat, dann verschiebt sich die entscheidende Frage. Sie lautet nicht mehr: Wie „produzieren“ wir Einheit? Sondern: Wo lassen wir sichtbar werden, was Christus bereits getan hat – und wo stellen wir uns ihr – und damit auch IHM - vielleicht sogar in den Weg?
Wenn ich ehrlich bin, ertappe ich mich häufig dabei, Einheit „machen“ zu wollen: Gespräche führen, Positionen austarieren, Formulierungen finden, die möglichst vielen gerecht werden. Das alles hat seinen Wert und mag hilfreich sein. Es mag helfen das die Einheit unter Christen sichtbar wird, aber all diese menschlichen Bemühungen werden nicht die Basis der Einheit in Christus sein. Denn das Entscheidende liegt wesentlich tiefer.
Einheit ist keine Leistung.
Sie ist ein Geschenk.Wir machen die Einheit nicht – wir können sie höchstens verhindern, wenn wir uns Gottes Wirken verschließen. Und genau das fordert mich heraus. Denn plötzlich geht es nicht mehr zuerst um Strategien, sondern um mein Herz. Um meine Haltung. Um mein Sein.
Einheit nicht auf unser Denken oder unsere Theologie reduzieren
Ich merke: Einheit beginnt weder bei Strukturen noch bei übereinstimmenden theologischen Erkenntnissen oder Absichtserklärungen. Einheit beginnt im Herzen und ist in unserem Sein verankert.
Natürlich ist es wichtig, dass wir in zentralen Glaubensfragen übereinstimmen. Unser Bekenntnis verbindet uns – und das ist gut und nötig. Ohne diese gemeinsame Grundlage wäre Einheit beliebig oder ein illusionäres Konstrukt eines bloßen Wunschdenkens.
Demgegenüber liegt der Ursprung und die Basis der christlichen Einheit in dem, was wir in Christus sind. Wir sind verbunden, weil wir zu IHM gehören.
Das klingt so selbstverständlich – und ist doch so weitreichend. Denn es bedeutet: Unsere Einheit hängt nicht daran, ob wir in allem gleich denken, sondern daran, dass wir denselben Herrn haben.
Wir als Evangelische Allianz haben genau diesen Weg immer gesucht:
Nicht den kleinsten gemeinsamen Nenner, auf den wir uns mühsam einigen können.
Sondern den größten gemeinsamen Nenner, der uns trägt: die lebendige Beziehung zum wiederkommenden Herrn Jesus Christus.Gerade darin liegt eine große Freiheit. Wir müssen Unterschiede nicht negieren. Wir können sie aushalten. Weil uns der lebendige Gott verbindet, der größer ist als all diese Unterschiede.
Wir beten nicht zu einem theologischen System oder Gedankengebäude, sondern zu einer lebendigen Person. Und genau darin liegt die Kraft: Wenn Jesus im Zentrum steht, verbindet ER seine Nachfolger – in alle ihrer Unterschiedlichkeit.
Kongress „Mission:is:Possible“: Ein Vorgeschmack
Wie das konkret aussehen kann, habe ich im Juni 2026 beim Kongress Mission:is:Possible auf eine sehr eindrückliche Weise erlebt.
Christen aus unterschiedlichen Konfessionen – katholisch, evangelisch, freikirchlich, orthodox – kamen zusammen. Unterschiedliche geistliche Prägungen, unterschiedliche Traditionen, unterschiedliche Sprachen des Glaubens. Und doch war da eine gemeinsame Mitte, die nicht zu übersehen war.
Es ging nicht darum, Differenzen kleinzureden. Es ging darum, gemeinsam auf Jesus zu schauen.
Bischof Stefan Oster hat dabei in einer besonderen Klarheit daran erinnert, wo alles beginnt: im Gebet – und dies beinhaltet sowohl das Reden als auch das Hören auf den Dreieinigen Gott. Die Basis ist unsere persönliche Beziehung zu IHM. Sie prägt unsere Herzenshaltung, die das eigene Ego zurücknimmt und Gott Raum gibt. Missionarisches Leben – und ich würde ergänzen: auch gelebte Einheit – wächst nicht aus Aktivität, sondern aus dieser Beziehung heraus.
Johannes Hartl vom Gebetshaus Augsburg hat zugespitzt formuliert, woran Kirche manchmal krankt und warum wir die Evangelisation so leicht aus dem Blick verlieren: Wir investieren viel Energie in Strukturen und Abläufe – und übersehen dabei leicht, dass das Entscheidende nicht die Kirche selbst ist, sondern Jesus Christus.
Neben diesen beiden betonten auch die anderen Sprecher: Einheit entsteht dort, wo wir uns auf Jesus Christus fokussieren.
Genau da berühren sich Mission und Einheit: Denn wo Jesus der Mittelpunkt ist, entsteht beides.
„Einheit, die man sehen kann“
Ein Teilnehmer des Kongresses hat das Erlebte mit einem Satz beschrieben, der mir seitdem nachgeht: „Einheit, die man sehen kann.“
Ich finde das treffend. Denn genau darum geht es in unserer Zeit:
Nicht um eine gedachte Einheit.
Nicht um eine beschlossene Einheit.
Sondern um die gelebte Einheit.Eine Einheit, die sichtbar wird, wenn Christen miteinander beten.
Wenn sie einander zuhören.
Wenn sie einander nicht zuerst nach Differenzen bewerten, sondern als Geschwister wahrnehmen.Gerade darin liegt eine enorme Kraft und Verheißung. Wir leben in einer Gesellschaft, die zunehmend von Polarisierung, vorschnellen Verurteilungen und Spaltungen geprägt ist. Die Versuchung ist groß, dass wir als Christen in dieselben Muster verfallen.
Aber unser Auftrag ist ein anderer.
Unser Miteinander soll ein Zeichen sein – dafür, dass die Liebe Gottes stärker ist als der Zeitgeist der Spaltung und Empörung.Ich bin überzeugt, hier entscheidet sich viel – vielleicht mehr, als wir ahnen.
Was wir heute tun können
Wenn ich das zusammenfasse, bleibt für mich eine sehr konkrete Frage:
Wie wird diese von Jesus geschenkte Einheit in meinem Alltag sichtbar?Vielleicht beginnt es damit,
dass ich nicht sofort rede, sondern zuerst zuhöre.
dass ich nicht gleich bewerte und in Schubladen stecke, sondern zuerst verstehe.
dass ich nicht die Diskussion gewinnen will, sondern das Herz meines Gesprächspartners.
dass ich nicht zuerst auf die Unterschiede schaue, sondern auf Christus.Einheit entsteht nicht durch große Programme.
Sie wächst im Alltag.
In Begegnungen.
In Haltungen.
Und vor allem: In der gemeinsamen Ausrichtung auf Jesus.Ein leises, starkes Zeugnis
Am Ende bleibt mir ein Bild aus Augsburg:
Leiterinnen und Leiter unterschiedlicher Kirchen stehen nebeneinander, beten miteinander, segnen miteinander.Vielleicht ist dies das stärkste Zeugnis, das wir heute geben können:
dass wir unsere Einheit nicht selbst machen müssen –
weil sie uns in Jesus bereits geschenkt ist.Deshalb dürfen wir sie sichtbar werden lassen dürfen.
Tag für Tag.