15.03.2023

Heimowski: „Mehr ‚Wumms‘, als man manchmal wahrnimmt“

Nach gut sechseinhalb Jahren beendet Uwe Heimowski seine Aufgabe als Politischer Beauftragter in Berlin

Uwe Heimowski mit Dorothea Kirschner

Interview zum Holocaust-Gedenktag am 27. Januar mit der Berliner EAD-Büroleiterin Dorothea Kirschner

Nach gut sechseinhalb Jahren beendet Uwe Heimowski seine Aufgabe als Politischer Beauftragter der Evangelischen Allianz (EAD) in Berlin. Zeit für ein Gespräch über Ziele, Erfahrungen und die Sprachfähigkeit im politischen Leben.

Uwe, du hast einige Jahre im Bundestagsbüro von Frank Heinrich gearbeitet. Warum hast du dich dann als Politischer Beauftragter der EAD beworben?

Ich war immer schon „Allianz-Mensch“, durch meine geistliche Prägung und die Zusammenarbeit in Gemeinden und Organisationen. Ich war im Jugendarbeitskreis und im Konferenzausschuss der Allianz aktiv. Und dann lag es, nach 15 Jahren in der Gemeinde, in der Luft, dass nochmal was Neues kommt. Für mich total spannend war: Mich haben viele, ganz unterschiedliche Leute angesprochen, als die Stelle ausgeschrieben war, die alle sagten: Uwe, wir haben den Eindruck, du wärst genau der Richtige!

Ungefragt?

Ja. Von linksevangelikal bis eher konservativ haben mich Leute angesprochen, angerufen oder angeschrieben. Und so habe ich dann auch versucht, meine Rolle auszufüllen: Ich wollte Brückenbauer sein, zwischen Christ und Politik und auch in unsere Szene hinein sagen: Leute, wir sind gemeinsam für Jesus unterwegs, in aller Unterschiedlichkeit!

Warum ist diese Aufgabe so wichtig?

Weil es Themen gibt, die nicht vertreten wären, wenn wir sie nicht vertreten. Zum Beispiel der Einsatz für verfolgte Christen: Wenn die Evangelische Allianz das nicht zum Thema gemacht hätte, dann wäre es bis heute in Berlin kein Thema. Dass es einen Beauftragten für Internationale Religionsfreiheit gibt, geht auf ein langfristiges Bemühen der Evangelischen Allianz zurück. Ein zweites Thema: Menschenhandel. Wir setzen uns ein für das sogenannte „Nordische Modell“, das Prostitution verbietet, aber nicht die Prostituierten bestraft, weil in der Prostitution das Menschenrecht von Frauen mit Füßen getreten wird. Freiheit von Sklaverei war seit der Gründung immer ein Riesenthema der Evangelischen Allianz! Dann sind wir im Bereich Lebensrecht, Lebensschutz eine konservativ-christliche Stimme, die sich für das Lebensrecht von Ungeborenen oder Menschen am Lebensende ausspricht. Das sind mal drei Bereiche, wo wir im besten Sinne Lobbyismus betreiben: also den Abgeordneten die Interessen von Menschen zur Kenntnis bringen.

Die Evangelische Allianz ist demnach in Berlin ein Faktor?

Der frühere CDU/CSU-Fraktionsvorsitzende Volker Kauder hat bei seinem Ausscheiden gesagt, die „Evangelische Allianz ist in Berlin nicht mehr wegzudenken“. Oft werde ich gefragt: Für wen stehen Sie denn? Wir haben 370 Werke, 900 Ortsallianzen, ungefähr sind es gut 1 Million Wählerinnen und Wähler, die wir vertreten. Wir haben schon mehr „Wumms“ als man selber manchmal wahrnimmt. Wo findest du sonst Interessenvertreter, die so große Gruppen vertreten? Im Vergleich zu den großen Kirchen sind wir klein, im Vergleich zu anderen Interessenverbänden und auch den Parteien sind wir ganz schön groß. Für die inhaltliche Schlagkraft ist wichtig, dass man sich nicht verzettelt. Wenn wahrgenommen wird: Allianz steht für Religionsfreiheit, hat klare Positionen zu Menschenhandel oder Lebensschutz, steht an der Seite Israels, setzt sich dezidiert für die Aufnahme von Flüchtlingen ein … okay. Wir müssen uns aber nicht zwingend zur Frage äußern, ob man Tempo 130 auf Autobahnen fahren sollte.

Was waren denn im Rückblick besondere Herausforderungen?

Es war ein klarer Wunsch derjenigen, die mich berufen haben: Lass uns parteipolitisch bitte nicht einseitig sein, sondern mit allen Fraktionen ins Gespräch kommen. Wir mussten uns fragen: Wie nahe wollen wir einer AfD sein, die uns fast umklammert? Wie kriegen wir Kontakt zu Parteien, die uns irgendwie gar nicht mögen? Wo grenzt du dich sinnvoll ab? Wie erweiterst du den Kreis von Ansprechpartnern? Das ist, glaub ich, insgesamt gelungen. Und dazu musst du viele Gespräche führen.

Gab es Dinge, die unnötig ärgerlich waren?

Ich hab’s tatsächlich eine ganze Legislatur nicht geschafft, ein Gespräch mit dem Religionspolitischen Sprecher einer Fraktion zu führen, der mich immer wieder vertröstet hat. Mit den Beauftragten aller Fraktionen gab es Gespräche, sie sind in unseren Arbeitskreis gekommen, haben mit uns diskutiert. Ein super Dialog! Nur das Gespräch mit diesem einen hat nicht stattgefunden. Ich fand’s auch ärgerlich, wie manche Journalisten über die Evangelische Allianz berichten, wenn Leute dir Etiketten ankleben, statt dir zuzuhören. Ich hab mich sehr bemüht, mit verschiedenen Menschen im Gespräch zu bleiben, wir haben differenzierte Stellungnahmen herausgebracht, uns für Flüchtlinge eingesetzt ... Wenn wir dann einfach in eine Ecke, als Evangelikale bevorzugt in die rechte, gesteckt werden, ärgert mich das fürchterlich.

Wie gut ist es gelungen, in der Wahrnehmung aus der parteipolitischen Einseitigkeit herauszukommen?

Wir haben viele Gespräche geführt, vielen christlichen Initiativen Türen geöffnet und uns verschiedentlich öffentlich geäußert, eine Reihe differenzierter Verlautbarungen herausgebracht. In der christlichen Szene kriegst du dann manchmal von links und rechts aufs Dach – wo ich denke: Leute, lest doch bitte die Stellungnahme ganz durch! Vor kurzem haben wir etwas veröffentlicht zum Bibelvers, der als Inschrift am neuen Berliner Schloss angebracht ist. Da sagen viele: Vielen Dank, dass ihr euch differenziert zu Wort meldet und nicht pauschal draufhaut, dass hier das christliche Abendland untergeht. Andere Leute wollen es immer klarer, plakativer. Aber generell sind wir im politischen Berlin gut angekommen, werden weit über Parteigrenzen hinweg wahrgenommen.

Welche Höhepunkte hast du erlebt: Gab es politische Durchbrüche, motivierende Erfahrungen?

Auf der inhaltlich-politischen Ebene möchte ich zwei Themen herausgreifen. Eins habe ich schon erwähnt: Einen Beauftragten für Internationale Religionsfreiheit hätte es nicht gegeben ohne uns. Die Große Koalition hat das 2018 beschlossen – vor allem, weil die Evangelische Allianz lange gedrängelt hat. Die Ampel-Regierung wollte das Amt eigentlich einstellen, aber wir haben uns deutlich dagegen geäußert. Mit dem neuen Beauftragten, Frank Schwabe von der SPD, sind wir intensiv im Austausch. Eine ganz andere Sache: Ich war mit in dem Arbeitskreis, der das Gesetz zum Verbot von „Konversionstherapien“ an Homosexuellen erarbeitet hat. Dabei konnte ich die Perspektive einbringen von Menschen, die aus geistlichen Gründen sagen, ich möchte meine Homosexualität nicht ausleben und den Beistand von Seelsorgern suchen. Wäre Seelsorge unter das Verbot gefallen, und das stand im Raum, hätte das dazu führen können, dass die Seelsorger, die homosexuelle Menschen begleiten, kriminalisiert worden wären. In den Beratungen sagte dann ein schwuler Jurist: Da haben Sie recht, diese Perspektive ist nicht abgebildet. Im Gesetz steht jetzt: Seelsorge ist keine Konversionstherapie. Das war eine tolle Sache. Ansonsten sind viele neue Formate entstanden, die sehr gut angenommen werden: unser Adventsempfang etwa, den wir im November zum fünften Mal organisiert haben, da kommen 90 Leute, 10, 15 Abgeordnete sind mit dabei.

Du bist beim Start kein Neuling gewesen im Berliner Politikbetrieb. Hast du im Bundestagsbüro etwas gelernt, das du vorher nicht wusstest?

Als erstes: An einem Tag im Bundestag bist du oft von morgens 7 manchmal bis nachts um 2 unterwegs, dann geht’s im Wahlkreis weiter. Politik ist ein Knochenjob! Die Leute haben großen Respekt verdient – bekommen ihn aber häufig nicht. Das zweite: Abgeordnete müssen zu fast jedem Thema sprachfähig sein. Dauernd hast du ein Mikro vor der Nase. Plötzlich schwappt Verkehrspolitik hoch – und du sollst auch als Menschenrechtler dazu was sagen. Und wenn du dich mal versprichst, wird das medial noch ausgeschlachtet. Das hätte ich mir so heftig nicht vorgestellt. Und es hat mich wirklich überrascht, wieviel geistliches Leben es im Bundestag gibt. Jeden Freitag treffen sich 25, 30 Abgeordnete zum Gebetsfrühstück, beten miteinander, lesen die Losung. Jeden Donnerstag und Freitag gibt es eine Andacht im Bundestag, einmal in der Woche eine katholische Messe, jährlich ein Adventssingen und und und …

Welche Personen waren in den Jahren als Beauftragter wichtig für deine Arbeit?

Unterschiedliche, aus fast allen Fraktionen. Ein wirklicher Freund der Evangelischen Allianz und Experte für christliche Fragen ist Hermann Gröhe von der CDU. Ein sehr feiner, kluger Mann ist der Vorsitzende des Evangelischen Arbeitskreises der CDU/CSU, Thomas Rachel, bis 2021 Staatssekretär im Bildungsministerium, der jetzt auch im Rat der EKD sitzt. Bei manchen unserer Broschüren hat sich Lars Castellucci, religionspolitischer Sprecher der SPD, viel Zeit genommen, die Inhalte mit uns durchzugehen, wo er gestolpert ist. Ein paar Mal haben wir Sachen zusammen gemacht mit Petra Pau (Linke), am Anfang meiner Zeit auch mit Volker Beck (Grüne). Bei mehreren Veranstaltungen war der ehemalige Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD) unser Gast. Und viele mehr ... Bei der AfD waren wir mit dem religionspolitischen Sprecher Volker Münz, einem Christen, im Austausch. Seit er weg ist, ist das übrigens komplett weggebrochen. In dieser Legislaturperiode hat die AfD als letzte Fraktion dieses Amt besetzt. Die AfD-Fraktion ist nicht besonders kirchlich aufgestellt, auch wenn sie sich manchmal so darstellt, als sei sie für Evangelikale als einzige wählbar.

Zum Thema: „Sprachfähig“. Wie gut verstehen Politiker fromme Menschen – und wie gut verstehen die Frommen die Politiker?

Ein Beispiel: Wir haben vor Jahren ein Papier gemacht zum Thema Ehe. Damit bin ich zu Volker Beck gegangen, dem Initiator der „Ehe für alle“. Der hat sich viel Mühe gemacht und mir Rückmeldung gegeben. Unserer Arbeitsgruppe war es wichtig, dass da ein Zitat aus Matthäus 19 auftaucht. Und Volker Beck fragt: „Herr Heimowski, warum steht da ein Bibelvers? Das ist für die Abgeordneten des Bundestags überhaupt nicht relevant. Das ist eine Selbstvergewisserung in Ihre Szene hinein. Wenn Sie Abgeordnete überzeugen wollen, nehmen Sie besser sachliche Argumente!“ Das fand ich wichtig. Sprachfähig zu sein, bedeutet immer im Blick zu haben, welche Leute ich anspreche. Da geht’s nicht in erster Linie darum, bibelfest zu sein, sondern Inhalte zu transportieren.

Wie ist es denn um die Sprachfähigkeit seitens der Christen bestellt?

Viele neigen dazu, eine häufig nicht verständliche Binnensprache zu sprechen. Das gilt aber auch für andere Gruppen. Im Kern geht es immer darum, zuzuhören und die Argumente des Gegenübers zu verstehen. Wenn die religionspolitischen Sprecher in unseren Arbeitskreis kommen, ist uns wichtig, sie kennenzulernen und ihnen zuzuhören. Das wünsch ich mir auch für Gemeinden vor Ort. Wenn du mit dem Landtagsabgeordneten, dem Bürgermeister und dem Stadtrat nicht im Gespräch bist, dann weißt du auch nicht, was eigentlich deren Anliegen sind.

Welche Veränderungen in Gemeinden wären aus deiner Erfahrung gut?

Gemeinden müssen wahrnehmen, dass Politik ein Auftrag ist, der auch Christen betrifft. Im politischen Leben tun ganz viele Menschen etwas für uns. Wir brauchen ein anderes Bild: Politik ist nicht in erster Linie korrupt und schmutzig. Und wir brauchen die Bereitschaft mitzuwirken. Wenn immer nur die anderen Elternsprecher sind, Trainer im Fußballverein oder diejenigen, die in die Parteien gehen – und wir uns dann beschweren, dass die alle nicht christlich sind – das ist ja absurd! Das zweite ist, dass Politik ganz viel mit Engagement zu tun hat. Ich sehe mittlerweile viel gesellschaftspolitisches Engagement: Gemeinden gründen Kitas, Schulen oder eine Micha-Lokalgruppe, starten Flüchtlingshilfen. Ich würde „Gemeinden müssen wahrnehmen, dass Politik ein Auftrag ist, der auch Christen betrifft. Wir brauchen ein anderes Bild: Politik ist nicht in erster Linie korrupt und schmutzig. Und wir brauchen die Bereitschaft mitzuwirken.“ Mit Friedensnobelpreisträger Denis Mukwege beim Evangelischen Kirchentag 2019 in Dortmund Foto: Heimowski / privat mich freuen, wenn Einzelne auch sagen: Ich engagiere mich in einer Partei. Und was Gemeinden natürlich machen können, ist Beten, gerne auch öffentlich. Eine tolle Erfahrung: Im März letzten Jahres war ein Abgeordneter zu Gast in einem Friedensgebet im Bundestag. Wir haben uns hinterher gesprochen. Er hatte mit Glauben nicht viel am Hut. Aber er sagte zu mir: „Mich hat total beeindruckt, dass Sie als Christen eine Sprache gefunden haben, die ich als Nichtchrist nicht habe. Sie haben in Psalmen die Klagen ausgedrückt, mit Ihren Gebeten Hoffnung; und Sie hatten Leute aus der Ukraine und aus Russland dabei – die haben gemeinsam ein Bild der Versöhnung abgegeben.“ Der, der nichts von Gott weiß, kommt aus diesem Friedensgebet und ist beeindruckt. Wir müssen entdecken, was wir für Schätze haben!

Nimmst du mit einem lachenden oder mehr mit einem weinenden Auge Abschied?

Beides. Ich mache das gerne, habe eine Leidenschaft für Politik, aber ich schaffe es nach meinem Herzinfarkt 2021 nicht mehr. Ich fühle mich ein bisschen wie ein Sportler, der gerne noch Bundesliga spielen würde, aber sein Knie macht’s nicht mehr. Das lachende Auge: Ich habe noch ein knappes Jahrzehnt bis zum Ruhestand, bin einigermaßen genesen und hab auch Lust, noch was Neues zu machen. Und ich habe Erfahrungen sammeln können, die für das, was als Nächstes kommt, sicher hilfreich sind. (Hinweis der Redaktion: Nach dem Gespräch wurde bekannt, dass Uwe Heimowski zum 1. Mai neuer Leiter der Entwicklungsorganisation Tearfund Deutschland wird; siehe Nachricht auf S. 32.) Auch politisch gilt beides. Manches im Bereich von Lebensschutz oder Familienpolitik ist zum Weinen. Anderes ist beindruckend: Der Bundestag hat sich deutlich verjüngt. Da muss man schon sagen, grade die Grünen haben es geschafft, viele junge Leute zu gewinnen. Ich finde beispielhaft, dass eine exponierte Person wie Robert Habeck angesichts der Weltlage in der Öffentlichkeit darüber nachdenkt, dass bisherige Positionen vielleicht ganz neu gedacht werden müssen. Wer sich selbst hinterfragen kann, hat meinen Respekt. Vielen Dank für das Gespräch!

Interview: Jörg Podworny