27.01.2011

Strategie der Hizbollah: Eine Mischung aus islamischer Politik, Terror und Wohltätigkeit

IFI-Pressemitteilung zur Machtübernahme der Hizbollah im Libanon

Strategie der Hizbollah: Eine Mischung aus islamischer Politik, Terror und Wohltätigkeit

IFI-Pressemitteilung zur Machtübernahme der Hizbollah im Libanon

(B O N N) Angesichts der bevorstehenden Machtbernahme der schiitischen Hizbollah im Libanon befrchtet der Islamwissenschaftler Carsten Polanz vom Institut fr Islamfragen eine weitere Destabilisierung der multikonfessionellen libanesischen Gesellschaft und eine Verschrfung des Nahostkonflikts. Laut Polanz stellt die Hizbollah schon lange eine Art Staat im Staate dar mit eigenem Fernsehsender (Al-Manar-TV) und eigenem Banken- und Sozialsystem. Das sdliche Grenzgebiet steht seit dem Abzug der israelischen Armee vollstndig unter ihrer Kontrolle. Dabei operiert sie seit ihrer Entstehung Anfang der 1980er Jahre erfolgreich auf verschiedenen Ebenen.  

Auf der politischen Ebene setzt sie sich fr eine schrittweise Islamisierung der libanesischen Gesellschaft und eine Reform des konfessionellen Systems ein. Dabei pflegt sie seit ihrer Entstehung Anfang der 1980er Jahre engste Beziehungen zur islamischen Revolutionsbewegung im Iran. Im Zuge der anstehenden Machtbernahme der Hizbollah befrchten der bisherige Ministerprsident Saad Hariri und seine Verbndeten daher die Schaffung einer iranischen Basis im Libanon.  Auf einer halb-geheimen Ebene operiert die schiitische Miliz, die durch ihre terroristischen Operationen 2000 den Abzug Israels aus dem Sdlibanon erreichen konnte. Schlielich verbt die geheime Jihad-Organisation der Hizbollah Anschlge auf westliche Ziele inner- und auerhalb des Libanon. So kamen beispielsweise bei Anschlgen auf amerikanische und franzsische Einrichtungen in Beirut 1982 und 1983 mehrere hundert Menschen um. Versuche einer Entwaffnung der Hizbollah sind in den vergangenen Jahren immer wieder gescheitert.   

Groe Popularitt ber Lnder- und Konfessionsgrenzen hinaus   

Trotz ihres militanten Charakters geniet die Hizbollah und ihr derzeitiger Fhrer Hassan Nasrallah heute innerhalb der libanesischen Bevlkerung, aber auch in anderen islamischen Lndern der Region Popularitt wie nie zuvor sogar ber die Konfessionsgrenzen hinaus. Vor allem durch ihr soziales Engagement demonstriert sie Verbundenheit mit dem Volk. Sie unterhlt ein umfangreiches Netzwerk karitativer Einrichtungen wie Kindergrten, Waisenhuser und Krankenhuser. An eigens gegrndeten Schulen, Lehrwerksttten und anderen Bildungseinrichtungen rekrutiert sie ihre zuknftige Whler- und Anhngerschaft. Bis heute bekommt sie dazu jede Menge staatliche Untersttzung aus dem Iran und vom syrischen Baath-Regime.    

Parteiprogramm von 1985: Aufrichtung einer islamischen Herrschaft und Vernichtung aller ihrer Gegner  

Vor allem in den frhen Verlautbarungen der Hizbollah manifestiert sich eine antiwestliche und antizionistische Einstellung. Ihr 2010 verstorbener geistlicher Fhrer, Muhammad Hussein Fadlallah griff vor allem die Vorstellungen des iranischen Revolutionsfhrers Ayatollah Khomeini auf, wenn er seine Plne zur Errichtung einer Islamischen Republik Libanon skizzierte. In einer Art Parteiprogramm wird 1985 sogar der bedingungslose Gehorsam gegenber dem rechtgeleiteten Imam (d.h. Khomeini) und die Vernichtung aller inneren wie ueren Gegner dieses Ziels gefordert. Man sieht sich angegriffen durch die Tyrannen und die Hochmtigen des Ostens und des Westens und ruft zum radikalen Kampf gegen alle Verderbtheit auf. Schlielich heit es: Amerika ist der Ursprung der Verderbnis. Diese Ideologie wird durch den Namen unterstrichen. Der Begriff Hizbollah kommt vom arabischen Hizb Allah und bedeutet die Partei Gottes. In Sure 5,56 des Korans wird der Partei Gottes der Sieg ber ihre Widersacher versprochen. Daran knpft die Hizbollah bewusst an. 

Kampf gegen Israel bis zur Vernichtung und Glorifizierung des Selbstmordattentats   

Wie viele andere islamistische und jihadistische Gruppierungen sieht die Hizbollah Israel als Vorhut der Vereinigten Staaten. In ihrem Programm von 1985 wird die zionistische Entitt als von Anfang an aggressiv beschrieben. Weiter heit es, dass unser Kampf erst dann enden wird, wenn diese Entitt ausgelscht ist. Wir erkennen keinen Vertrag mit ihr an, keinen Waffenstillstand und keine Friedensverhandlungen, ob separat oder gemeinsam. An dieser Position hat sich bis heute nichts gendert. Die Hizbollah sieht hnlich wie die Hamas oder der Islamische Jihad in der Taktik der Selbstmordanschlge das wirkungsvollste Mittel, um die Moral des israelischen Feindes zu zerstren und die israelische Gesellschaft in Angst und Schrecken zu versetzen. Von ihren eigenen Rekruten verlangt die Partei entsprechend der iranisch-schiitischen Mrtyrertradition Opferbereitschaft bis zum uersten. Denn darin liegt fr die Strategen der Hizbollah der grte Vorteil gegenber den Israelis, die aus ihrer Sicht das Leben lieben und den Tod frchten. Zur besseren Vernetzung ihrer Anhnger weltweit und zur Strkung der Moral der Widerstandskmpfer unterhlt die Hizbollah zudem zahlreiche Internetseiten in verschiedenen Sprachen.  

Gewalt als notwendiges Mittel zur Aufrichtung von Gerechtigkeit und Freiheit   

Zugleich ist auch die Hizbollah bemht, ihren Terror ethisch zu rechtfertigen und ihren Jihad als einen rein defensiven Widerstandskampf gegen die verschiedenen feindlichen Aggressoren darzustellen. In ihrem Programm von 1985 beschreiben sie es als ihr Ziel, allen Shnen unseres Volkes zu ermglichen ihre Zukunft zu bestimmen und in aller Freiheit die Form von Regierung zu whlen, die sie haben wollen. Anschlieend folgt der Aufruf, die Option der islamischen Regierung zu whlen, die allein Gerechtigkeit und Freiheit fr alle garantieren kann. Nur ein islamisches Regime kann jegliche weiteren Versuche einer imperialistischen Infiltration stoppen. Aus dieser Perspektive gibt es keine Alternative zum Islam als alles umfassender Ordnung fr die menschliche Gemeinschaft. Daher ist auch berall dort die Anwendung von Gewalt legitim, wo sie der Beseitigung von Hindernissen auf dem Weg der Islamisierung dienen.  

Seit dem Ende des Brgerkrieges legt die Partei mehr Pragmatismus an den Tag und drckt sich in ihren offiziellen Verlautbarungen zurckhaltender aus. Angesichts der weiterhin engen Beziehungen zum schiitischen Gottesstaat der iranischen Mullahs muss dies allerdings noch lange kein Abschied von den ursprnglichen ideologischen Grundlagen bedeuten. Laut Polanz wird die zunehmende Macht der Hizbollah vielmehr die religise und politische Polarisierung der libanesischen Gesellschaft verstrken und die antiisraelische Stimmung in der Region weiter anheizen. 

Hintergrund: Die libanesische Regierungskrise war ausgelst worden, nachdem zwlf Minister der Hizbollah und ihrer Verbndeten am 12. Januar ihren Rckzug aus dem Kabinett erklrt hatten und damit die Regierung des bisherigen Ministerprsidenten Saad Hariri zum Scheitern gebracht hatten. Hariri hatte sich zuvor geweigert, seine Untersttzung fr das UN-Tribunal aufzukndigen, das die Ermordung seines Vaters Rafik Hariri untersucht und voraussichtlich Anklage gegen Hizbollah-Mitglieder erheben wird.