03.02.2010

Zehn Mal Lob und eine Kritik

Der Willow-Creek-Leitungskongress plädierte für ein „intelligentes Christsein“

Zehn Mal Lob und eine Kritik

Der Willow-Creek-Leitungskongress plädierte für ein „intelligentes Christsein“

Seit 1996 ziehen im deutschsprachigen Europa die Kongresse der Willow-Creek-Gemeinde aus South Barrington viele Chris-ten an. Am letzten Willow-Creek-Leitungskongress vom 28. bis 30. Januar nahmen in Karlsruhe 7.800 Christen teil, hinzukamen per Satellitenübertragung 500 in Winterthur (Schweiz). Die Willow-Creek-Gemeinde hat ihre Angebote auf Kirchendistanzierte zugeschnitten. Seit ihrer Gründung 1975 hat sie sich zu einer der größten Gemeinden in den USA entwickelt. Zu ihren Gottesdiensten kommen pro Woche durchschnittlich 22.000 Besucher. Ihre evangelikalen Konzepte haben weltweit Resonanz gefunden. Aus Kongressen und Schulungen ist eine Bewegung entstanden, die mehr als 12.000 Gemeinden in 45 Ländern verbindet. Im Folgenden ein Kommentar zum Leitungskongress in Karlsruhe von Karsten Huhn.

Die Deutschen kritisierten zu viel, sagt der Gründer und Leiter von Willow Creek, Bill Hybels, gleich zu Beginn der Konferenz. Wer kritisiert, solle ein zehnfaches Lob voranschicken. Gut, versuchen wir’s:

1. Willow Creek hat mit seinen seit 1996 in Deutschland stattfindenden Kongressen nicht nur die freikirchliche, sondern auch die landeskirchliche Gemeindelandschaft teilweise verändert. Wachsende Gemeinden sind zwar in Deutschland die Ausnahme geblieben. Doch von den Gemeinden, denen dies gelingt, haben etliche Anregungen von Willow Creek übernommen.

2. Willow Creek betont ein „intelligentes Christsein“, das nicht zwischen Predigt und sozialem Engagement trennt. Das Evangelium könne nicht angemessen verkündigt werden, wenn man die Nöte der Welt übersehe, so Bill Hybels. Umgekehrt lasse sich die Welt nicht ohne die Kraft Christi verändern.

3. Dass beim Kongress so viele deutsche Redner aufgetreten sind wie nie zuvor, tat der Veranstaltung gut. Die Visionen der Amerikaner und die Bedenken der Deutschen, die Leichtigkeit der einen und die Nüchternheit der anderen – beides ergab eine gute Mischung.

4. Raus aus den Gewerbegebieten, in denen viele Freikirchen ihre Gemeindezentren gebaut haben, und rein in die Gesellschaft (also die Innenstädte), forderte zum Beispiel Johannes Reimer, Professor für Praktische Theologie am Seminar des Bundes Freier evangelischer Gemeinden in Ewersbach. Runter von den Bergen, auf denen viele traditionelle Bibelschulen beheimatet sind, und rein in die Städte. Weniger klassische Evangelisation, in die ohnehin meist nur die Frommen gehen, stattdessen mehr gesellschaftsrelevanter Gemeindebau. Die christliche Gemeinde solle der politischen Gemeinde ihre Dienste – zum Beispiel in der Jugend- oder Stadtteilarbeit – anbieten.

Tränen und Niederlagen

5. Es war ein ehrlicher Kongress. „Ich höre Erfolgsgeschichten aus Amerika nicht gerne“, sagte zum Beispiel Pfarrerin Astrid Eichler, Gefangenenseelsorgerin in Deutschlands größtem Gefängnis, der Justizvollzugsanstalt Berlin-Tegel. Nur die wenigsten Gemeinden würden zu Mega-Gemeinden wachsen, sagte Eichler, die selbst jahrelang den steinigen Gemeindeboden in Brandenburg beackert hat. Tränen und Niederlagen gehörten zum Gemeindedienst dazu.

Kaufen Sie einen Kasten Bier!

6. Großartig war der US-amerikanische Psychologe Larry Crabb. Einmal habe ihm in der Praxis ein Mann gegenübergesessen, erzählte Crabb, der wollte so schnell wie möglich glücklich sein. „Kaufen Sie sich einen Kasten Bier, nehmen Sie ein paar Frauen mit und fliegen Sie auf die Bahamas“, riet ihm Crabb. Eine andere Möglichkeit für schnelles Glück sähe er nicht. Für alle anderen, die langfristig andauerndes Glück suchen, empfiehlt Crabb ein christus-zentriertes Leben zu führen. Das klingt fromm, wie aber wird man christus-zentriert? Indem man erkenne, dass man zerbrochen und völlig abhängig von Gott sei, so Crabb. Nur dann könne der Heilige Geist an einem arbeiten. Nicht geistliche Höhenflüge machten das Christenleben aus, sondern dass man die Mühen der Ebene durchstehe – Schwierigkeiten in der Ehe, mit den Kindern oder den Arbeitskollegen. Wer sich leer fühle, solle es zugeben. Dann wachse der Durst nach Gott ebenso wie die Dankbarkeit für seine Liebe. Ein christus-zentriertes Leben sei dadurch geprägt, dass man sich selbst, gegenüber anderen und gegenüber Gott nichts mehr vormache.

7. Videos, Theaterstücke, die Anbetungsmusik, Beleuchtung, Bühnenbild sind noch professioneller geworden. Besonders gelungen: die Arbeit der Übersetzer, die manchmal durch Hinzufügungen, Auslassungen oder drollige Eigenkreationen den Vorträgen besondere Würze gaben.

100 Hirten und ein Schaf

8. Es gab viel zu lachen. Zum Beispiel über den Witz von John Ortberg, Pastor einer evangelikalen, presbyterianischen Gemeinde in Menlo Park, Kalifornien: „Ich stamme aus einer Baptistengemeinde. Den Himmel stellte man sich dort so vor: Die Lutheraner werden repräsentiert durch Martin Luther. Die Methodisten werden repräsentiert durch John Wesley. Und die Baptisten werden repräsentiert durch Jesus Christus.“ Oder Peter Strauch (Witten), ehemaliger Präses des deutschen Bundes Freier evangelischer Gemeinden, der den Unterschied zwischen einer landeskirchlichen Gemeinde und einer Freikirche erklärte: „In der Landeskirche gibt es einen Hirten und 3.000 Schafe. In der Freikirche gibt es 100 Hirten und ein Schaf – und das ist der Pastor.“

Dann Landeskirche, gute Nacht!

9. Dankbar hörte ich die Ausführungen des Theologieprofessors Michael Herbst aus dem pommerschen Greifswald, der aus Sicht der evangelischen Landeskirche sprach. Zum Beispiel: „Was es bei Willow gibt, gibt es nicht nur bei Willow. Aber dort wird es so deutlich, dass es mindestens bei mir Kopf und Herz erreicht hat.“ Oder: „Falls die landeskirchlichen Gemeinden Vorbehalte gegen die Sicht von Sünde bei Willow Creek, vom Kreuz Jesu als Sühnopfer und von der Erlösung hätten – dann gute Nacht! Denn genau das kann ich nicht trennen: Die biblische Einsicht in die Verlorenheit des Menschen und in das Opfer, das Gott in Jesus selbst gebracht hat, um mit der hässlichen Wucht der Sünde fertig zu werden, und das Ringen Gottes, in verlorenen Menschen Glauben zu wecken, diese biblische Einsicht ist das Herz der Willow-Philosophie, und nebenbei bemerkt, es ist das Herz reformatorischer Theologie, auf die wir doch so stolz sind. Theologie und Methode sind hier nicht getrennt zu haben.“

Was ist deine heimliche Mission?

10. John Ortberg hielt einen Vortrag über das wenig bekannte Buch Esther im Alten Testament. Er erzählte von Machtkämpfen im Königspalast, von einer Ehekrise und von einer riesigen Modenschau, von Haman, dem Intrigen schmiedenden Wesir am Hofe, und von Esther, die ihr Leben riskierte, um ihr Volk zu retten. Das alles war witzig und tiefgehend zugleich. Ortberg brachte eine kluge Frage ins Spiel: Was ist deine heimliche Mission, dein verstecktes Anliegen? Viele Menschen verfolgten neben ihrer offiziellen Mission so ein heimliches Anliegen, manchmal sogar, ohne dass es ihnen selbst bewusst sei. Ortbergs eigene heimliche Mission sei es, andere Menschen zu beeindrucken. Auch bei Gemeinden gebe es oft so eine versteckte Mission. Ortberg nannte dafür drei Beispiele: 1. „Eine erfolgreiche Kirche für erfolgreiche Menschen sein“, 2. „Wir wachsen nicht, aber wir richten jede wachsende Gemeinde“, 3. „Seit 30 Jahren haben wir Konflikte erfolgreich unter den Teppich gekehrt.“ Was kann man tun, wenn so eine heimliche Mission von einem Besitz ergriffen hat? Ortberg empfiehlt drei Dinge: 1. Man braucht einen Mentor oder Freund, der den Mut hat, unangenehme Wahrheiten über die eigenen Schattenseiten auszusprechen. 2. statt die heimliche Mission zu leugnen und zu verdrängen, solle man sie bekennen. 3. Jesus Christus sei das Ende aller heimlichen Anliegen. Jesus habe selbst der Versuchung einer heimlichen Mission gegenübergestanden – ein Leiter ohne Leiden zu sein, ein Messias ohne Kreuz – und habe dieser widerstanden.

So weit das Lob. Und die Kritik? Ach, die fällt dieses Mal aus. Der Kongress war gut. Deshalb werden auch in zwei Jahren, beim nächsten Leitungskongress, wieder Tausende teilnehmen.