11.01.2006
Ex-Landtagspräsident rät Christen: Gespräch mit Politikern suchen
EKD-Synodaler Rolf Wernstedt wirkte bei Allianz-Gebetswoche in Hannover mit
Ex-Landtagspräsident rät Christen: Gespräch mit Politikern suchen
EKD-Synodaler Rolf Wernstedt wirkte bei Allianz-Gebetswoche in Hannover mit
H a n n o v e r (idea) – Gegen überzogene Erwartungen an Politiker hat sich der frühere Präsident des Niedersächsischen Landtags, Prof. Rolf Wernstedt (Hannover), gewandt. Manche „sprachlich hohlen Sätze“ aus ihrem Munde hätten ihre Ursache in „schlichter Überforderung“, sagte der SPD-Politiker bei einer Veranstaltung während der Gebetswoche der örtlichen Evangelischen Allianz am 9. Januar. Ein Politiker könne nicht über alle Fragen Bescheid wissen. Doch wenn er zu häufig sage „Ich weiß das nicht“ werde ihm das von den Wählern nicht verziehen. Allerdings dürfe man durchaus von Politikern erwarten, sich sachkundig zu machen. Bei der Veranstaltung „Gebet für die Politik“ riet Wernstedt den 80 Besuchern, Politikern auch einmal schriftlich oder per Telefonanruf zu danken, wenn eine Rede oder Initiative besonders gut gefallen habe: „Kritik kommt dagegen automatisch.“ Abgeordnete seien darauf angewiesen, zu hören, „was das Volk denkt“. Deshalb sollten gerade Kirchengemeinden Politiker einladen und darüber informieren, was sie bewege.
Warum ein Gottesbezug in Europäischer Verfassung wichtig wäre
Wernstedt, der der EKD-Synode angehört, bedauerte, daß die Europäische Verfassung keinen deutlichen Gottesbezug enthalte. In der Präambel wird lediglich auf das religiöse Erbe Europas hingewiesen. Dem Politiker zufolge ist ein Gottesbezug kein Bekenntnis zu einer bestimmten Konfession oder Religion. Er mache vielmehr deutlich, daß die Letztverantwortung für manche Entscheidungen „nicht allein weltlicher Natur“ sei. Für einen Christen in der Politik bedeute dies, daß er auch seiner eigenen Partei „in der Freiheit eines Christenmenschen“ widersprechen könne. Wer in der Verantwortung vor Gott Politik betreibe, könne auch der Versuchung widerstehen, sich ausschließlich nach der Mehrheitsmeinung auszurichten und nur taktische Argumente zu bringen, um die eigene Wiederwahl nicht zu gefährden. Ein solches Tun berge immer auch die Gefahr, daß man den Überblick verliere und sich dann widerspreche.
Kritik an Christen, „die schon alles wissen“
Auf die Frage, ob Christen in der Politik miteinander anders umgehen als Menschen, die nicht an Gott glauben, gab Wernstedt eine überraschende Antwort: „Es gibt Leute, die sind so christlich, daß man mit ihnen nicht reden möchte.“ Sie seien in ihrer Haltung festgelegt: „Die wissen schon alles, auch was wahr ist.“ Im Anschluß an die Ausführungen Wernstedts beteten die Teilnehmer für die Kommunal-, Landes- und Bundespolitik. Zuvor hatten in Hannover 25 Teilnehmer der Allianz-Gebetswoche 90 Minuten vor dem Landtag, der Marktkirche und in der Fußgängerzone für Politik, Kirche und Gesellschaft gebetet.