19.09.2005

O große Not - Deutschland hat gewählt. Aber was?

Für die Evangelische Nachrichtenagentur idea hat Hartmut Steeb den Ausgang der Bundestagswahl kommentiert. Den Wortlaut dokumentieren wir hier

O große Not - Deutschland hat gewählt. Aber was?

Für die Evangelische Nachrichtenagentur idea hat Hartmut Steeb den Ausgang der Bundestagswahl kommentiert. Den Wortlaut dokumentieren wir hier

 

O große Not

Deutschland hat gewählt. Aber was? Wem oder was hat die Stunde geschlagen? Manches tritt klar hervor:

1. Unser Volk ist gespalten

Ganz offenbar gibt es auch 15 Jahre nach der Deutschen Wiedervereinigung eine andere Wahrnehmung der Wirklichkeit – oder doch eine andere Wirklichkeit? – zwischen ehemals Ost und ehemals West, aber auch zwischen Nord und Süd. Und deshalb fallen auch die Wahlergebnisse deutlich unterschiedlich aus. Das muss man nicht bewerten, schon gar nicht die Einen gegen die Anderen. Aber man muss es merken. Von „Deutschland einig Vaterland“ sind wir noch immer weit entfernt.

2. Unser Volk weiß nicht, was es will

Natürlich wollen die Menschen weder Rückschritt noch Stillstand. Natürlich nehmen wir wahr, dass es uns heute im Durchschnitt nicht mehr ganz so gut geht als vor fünf Jahren. Aber wohin soll die Reise gehen? Wem vertrauen wir die Führung an? Die Signale sind eindeutig auf „Wir wissen es nicht“ gestellt. Das Vertrauen in die bisher Regierenden reicht nicht aus – das hatte ja wohl auch der Bundeskanzler bemerkt und deshalb die Vertrauensfrage mit dem Ziel der Verneinung im Bundestag gestellt. Aber das Vertrauen für die Alternative reicht auch nicht aus. Deshalb sind wir so klug wie zuvor.

3. Wir brauchen Werte

Arbeitsplätze, soziale Abfederung, Steuervereinfachung, Zukunftssicherung. Das alles reicht nicht aus. Was Deutschland jetzt braucht, ist der Mut zu den Werten des biblisch-christlichen Menschenbildes. Das müsste ja in besonderer Weise bei den so genannten C-Parteien zum Ausdruck kommen, wenn sie als solche eine Zukunft haben wollen. Sonst drohen ihnen, ähnlich wie der SPD der Einbruch durch die Linken, der Abbruch in der Mitte. Den gab es ja bisher nur deshalb nicht, weil sich die neueren christlichen Kleinparteien noch nicht mit dem notwendigen Grundsatz demokratischen Regierungshandeln angefreundet haben, nämlich der Fähigkeit zum Kompromiss. Und darum sind sie bislang zerstritten und deshalb auch - noch zu recht - politisch nahezu bedeutungslos.

Vorfahrt für das Leben

Und was sind diese Werte? Ich bin z.B. davon überzeugt, dass wir nicht in erster Linie „Vorfahrt für Arbeit“ brauchen, sondern „Vorfahrt für das Leben“: Wir dürfen uns nicht damit abfinden, dass jährlich über 130.000 Menschen im Mutterleib getötet werden. Eine menschenwürdige Gesellschaft darf diesen größten Menschenrechtsskandal nicht länger schweigend und untätig übergehen. Und wir brauchen „Vorfahrt für die Mütter“. Die demografische Katastrophe rollt ja lawinenartig seit 40 Jahren auf uns zu. Wir brauchen Kinder! Nachhaltige Familienpolitik stärkt darum in aller erster Linie den Beruf „Mutter“ und das mit neuer Kreativität.
Wer sich elementar gegen das menschliche Leben an sich stellt, um des unheiligen Konsenses willen, und die Aufgabe Mutter – übrigens im Gegensatz zur Tätigkeit einer Prostituierten – noch immer nicht als Beruf mit einer eigenen „Erwerbsbiografie“ ansehen will, braucht sich nicht zu wundern, dass kein Vertrauen für eine überzeugende Wahrnehmung der Aufgabe sonstiger Zukunftsgestaltung entstehen kann.

4. Wir brauchen Beter

Die am Sonntag Abend der Öffentlichkeit von Spitzenpolitikern vorgeführte Unfähigkeit zur Erkenntnis der wahren Fakten, zu einer offenen Analyse und zum von Respekt gekennzeichneten Dialog hat mich tief erschüttert. Menschlich ist kein Ausweg zu sehen. Unser Auftrag als Christen ist es, für alle in den Deutschen Bundestag gewählten Abgeordneten zu beten und besonders für die Führenden und die es gerne sein wollen. Ohne Gottes Eingreifen und seine Veränderungen rollen wir weiter dem Abgrund entgegen.

5. Wir brauchen die Bereitschaft zum Engagement

„Suchet der Stadt Bestes“ ist die Aufforderung zum Beten und Handeln. Wir dürfen nicht länger die Hände in den Schoss legen. Christen müssen ihren Gaben entsprechend die Chancen aktiver Mitwirkung nutzen – in der Nachbarschaft, in den Schulen und Universitäten, in den Gemeinderäten, in den Parteien und in den Parlamenten. Wie schreibt Jakobus? „Wer nun weiß Gutes tun, und tut es nicht, dem ist es Sünde!“ Gilt das auch für die weithin ungenutzten demokratischen Mitwirkungsmöglichkeiten, die uns seit Jahrzehnten offen stehen?


Hartmut Steeb