18.09.2005

Mehr Engagement der Christen ist nötig

Hartmut Steeb im Interview mit Kai-Uwe Woytschak im Evangeliums-Rundfunk zum Wahlausgang

Mehr Engagement der Christen ist nötig

Hartmut Steeb im Interview mit Kai-Uwe Woytschak im Evangeliums-Rundfunk zum Wahlausgang

Woytschak:
Deutschland hat gewählt. Aber wie es in den nächsten Wochen weitergeht, ist weiterhin ungewiss. Der beklagenswerte Zustand, der durch vorgezogene Neuwahlen beendet werden sollte, nämlich eine gewisse Regierungsunfähigkeit, dieser Zustand wird möglicherweise anhalten.
Die Deutsche Evangelische Allianz hatte Christen vor der Wahl aufgefordert, sich gut über die Wahlprogramme der Parteien zu informieren und an der Wahl teilzunehmen. Am Telefon bin ich mit deren Generalsekretär Hartmut Steeb verbunden. Guten Tag nach Stuttgart!
Herr Steeb, wie bewerten Sie den Ausgang der Bundestagswahl? Wäre Ihnen ein eindeutiges Wahlergebnis in der einen oder auch der anderen Richtung lieber gewesen?

Steeb:
Das kann ich nicht ganz schnell mit ja oder nein beantworten. Weil die Frage ja immer sein muss : Welche eine oder andere Richtung ist es denn? Ich empfinde natürlich den jetzigen Ausgang der Wahl als sehr belastend, weil es außerordentlich schwierig wird, jetzt eine tragfähige und konstante Regierungsarbeit zu tun. Hier wird man abwarten müssen - und die Politiker sind natürlich in der Verantwortung, jetzt möglichst über ihren eigenen Schatten zu springen und zu überlegen: Wie können wir eigentlich eine sinnvolle Politik machen? Aber es kann auch nicht darum gehen, dass wir am Ende nur sagen: Hauptsache es wird regiert. Es kommt natürlich schon drauf an, was wird eigentlich regiert und wie wird regiert. Und deshalb muss man natürlich sehen : Es scheint schwierig gewesen zu sein - und das empfinde ich als das Hauptproblem - die Inhalte dessen, was eigentlich die verschiedenen Parteien wollen, so der Bevölkerung darzu legen, dass die sich aufgrund inhaltlicher Differenzen oder inhaltlicher Aussagen entscheiden können. Der Wahlkampf , das war offenbar einfach nur die Frage: Wer hat eigentlich in der Werbephase die Nase vorne? Und das finde ich sehr schade und bedauerlich für die Demokratie.

Woytschak:
Die Evangelische Allianz bringt immer wieder heiße Themen ins Spiel, vor denen sich sowohl die Rot-Grünen, wie auch die Schwarz-Gelben gerne drücken, weil es auch innerhalb der Parteien keine einheitliche Meinung dazu gibt. Wenn ich z. B. an Abtreibung denken, an Genforschung, Euthanasie usw. Besteht jetzt nicht die Chance, dass etwa bei einer Großen Koalition diese Themen mal offen auf den Tisch kommen, weil man auch mehr parteiübergreifend zusammanarbeiten könnte?

Steeb:
Das vermute ich eher nicht, sondern es wird so sein: Je mehr man mit anderen zusammenarbeiten muss, die ohnehin schon in vielen Bereichen vielleicht eine andere Position haben, desto weniger wird man sich um diese gewichtigen Themen annehmen. Man wird wahrscheinlich sich eher drum rum mogeln. Gesellschaftspolitisch würde etwa eine Große Koalition wahrscheinlich doch so et was wie ein Stillstand bedeuten, was gar nicht negativ sein muss. Denn im Augenblick geht's ja eher immer w eiter bergab. Da ist Stillstand schon gut in einer Großen Koalition. Spannend wäre natürlich die heute stark diskutierte Frage der Ampelkoalition im Blick auf Schwarz-Gelb-Grün. Denn hier würden die forschungsfreundlichen - jetzt in Sachen Embryonenforschung etwa - FDP durch die Grünen, die hier eigentlich eher wertkonservativ sind, natürlich etwas gestoppt. Das wäre wirklich spannend. Aber, wie gesagt, ich fürchte, dass diese Themen damit nicht nach vorne gespült werden, sondern man sich noch mehr um diese wichtigen Fragen herumdrückt.

Woytschak:
Die Evangelische Allianz hat dazu aufgerufen, bei der Wahl auf christliche Werte zu achten. Wie schätzen Sie den Großteil der Bürger ein: Haben solche Werte eine Rolle gespielt und waren die Menschen unter Umständen auch bereit, gegen ihren eigenen Geldbeutel zu wählen?

Steeb:
Ich denke fast, dass die meisten versucht haben, auch diese emotionale Hürde zu nehmen und gegen ihren eigenen Geldbeutel zu wählen, weil doch jedem, der das sieht und aufmerksam beobachtet, klar ist: Es kann nicht mehr so weitergehen. Keiner hat versprochen, der ernst genommen wird - wenn man jetzt mal von den Linken und PDS absieht, die es ja etwas anders versprochen haben -, dass es künftig besser wird, dass die Geldbeutel besser gefüllt würden. Das kann ja eigentlich nur einer hoffen, der etwas fantasiert und träumt. Insofern glaube ich schon, dass sich alle aufgefordert sahen, auch gegen ihre Emotion zu stimmen. Manche haben das vielleicht nicht fertiggebracht. Und deshalb - und das finde ich auch ein sehr bedauerliches Ergebnis dieser Wahl - ist ja die Wahlbeteiligung noch weiter zurückgegangen. Wenn über 20 % der Wahlberechtigten gar nicht mal diesen Weg zur Wahlurne gehen oder per Briefwahl abstimmen, ist das eigentlich eine Schande für eine demokratische Gesellschaft. Und das könnte natürlich auch das Ergebnis sein, dass es an Alternativen fehlt.
Aber zu Ihrer Eingangsfrage nach den Werten: Ich bedaure sehr, dass diese inhaltlichen Diskussionen im Grunde in der Öffentlichkeit gar nicht richtig ankommen. Und darin sehe ich das Problem. Wir als Christen müssen deshalb aus meiner Sicht, und das wäre eine der Folgerungen, die wir ziehen sollten, noch viel stärker offensiv frohgemut in die politischen Aufgaben mit hineingehen und Verantwortung übernehmen. Denn offenbar sind ja weder die bisher Regierenden vom Vertrauen der Bevölkerung überrannt worden - an denen ist nur eben die ganz schlimme Katastrophe vorübergegangen - noch sind die Alternativen - in dem Falle also jetzt CDU, FDP, die doch gegenüberstanden, mit Vertrauen überschüttet worden. Das bedeutet: Die Menschen haben überhaupt wenig Vertrauen in diese Spitzenpolitiker. Und darum sage ich, dass Christen mit ihrer Kompetenz, auch mit den Wertefragen, viel stärker in die Öffentlichkeit müssten.

Woytschak:
Wäre das jetzt auch Ihr Wunsch nach der Wahl, dass Menschen einfach mit dieser Situation so umgehen - Christen ganz besonders - und dass sie auf Politiker zugehen, ihnen sagen, was sie wollen. Einfach weiter Einfluss nehmen auf die Gesellschaft?

Steeb:
Auf jeden Fall in zweierlei Hinsicht. Das erste ist: Wir Christen wissen, dass natürlich die Frage der Regierung und die Frage der Gestaltung der Gesellschaft eine vordergründige Frage ist. Es geht dabei nicht um das Heil der Menschen - was wirklich das Wichtigste ist -sondern es geht um das Wohl . Das wollen wir aber auch ernst nehmen. Deshalb sollten sich alle mit einfügen und möglichst viel Positives beitragen, damit tatsächlich das Wohl zunimmt. Und das andere: Wir müssen gerade in der Mediendemokratie - und das lehrt uns ja der Wahlkampf und auch der Wahlausgang - noch viel stärker und intensiver unsere Positionen bestimmen. Denn die Menschen entscheiden offenbar nach dem, was sie im Fernsehen sehen, sie schauen nach dem Schaufenster, das die Einzelnen aufmachen. Und deshalb müssen wir unsere Positionen stärker ins Schaufenster stellen, da bleibt nichts anderes übrig.