14.09.2005

Evangelikaler Theologe: Christen bejahen säkularen Rechtsstaat

Hille: Glaubens- und Gewissensfreiheit genießen eine hohen Stellenwert

Evangelikaler Theologe: Christen bejahen säkularen Rechtsstaat

Hille: Glaubens- und Gewissensfreiheit genießen eine hohen Stellenwert

M a r b u r g (idea) - Christen können aus vollem Herzen die Staatsform in Deutschland bejahen, die der persönlichen Glaubens- und Gewissensfreiheit einen hohen Stellenwert einräumt. Diese Toleranz habe ihre Wurzeln im Christentum und entspreche dessen Wesen, erklärte Rolf Hille, ehrenamtlicher Vorsitzender der Theologischen Kommission der Weltweiten Evangelischen Allianz, bei einer Tagung des Marburger Instituts für Glaube und Wissenschaft und der Karl-Heim-Gesellschaft, die vom 9. bis 11. September in Marburg stattfand. Christen sollten nicht darauf warten, daß ihr Glaube wieder zur Staatsreligion werde, so der Rektor des Tübinger Albrecht-Bengel-Studienhauses. „Wir haben ein Angebot für das menschliche Grundbedürfnis nach Spiritualität und müssen missionarisch um die Herzen der einzelnen Menschen ringen“, sagte er vor etwa 30 Tagungsteilnehmern, die sich mit dem Verhältnis von Staat und Religion beschäftigten. Hille räumte ein, daß es Christen oft als bedrängend empfänden, wie sehr der weltanschaulich neutrale Staat christliche Einflüsse aus dem öffentlichen Leben zurückgedrängt habe. Gleichwohl bleibe auch der säkulare Mensch „unheilbar religiös“. Dies zeige sich beispielsweise am großen Zulauf zu Gottesdiensten nach Naturkatastrophen oder jedes Jahr an Weihnachten, auch wenn viele nur „aus einer gewissen inhaltlichen Distanz“ heraus Gebrauch von den christlichen Institutionen machten.

Kirche muß ihre Prägekraft erhalten

In einem weiteren Referat bekräftigte der Görlitzer Notar und evangelische Kirchenrechtler Frank Hartmann die Bedeutung des Christentums für den Staat. Christliche Überzeugungen seien nicht nur in der Geschichte für die Entstehung einer offenen, toleranten Gesellschaft wesentlich gewesen. Hartmann verwies auf den Ausspruch des früheren Bundesverfassungsrichters Ernst-Wolfgang Böckenförde: „Der freiheitliche säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann.“ Laut Hartmann kann die Trennung von Staat und Kirche nur funktionieren, wenn die Kirche ihre Prägekraft behalte. Dazu müsse sie wieder vermehrt die Heilige Schrift ins Zentrum der Verkündigung stellen, forderte Hartmann.

Staat-Kirche-Verhältnis vorteilhaft für die Kirche

Er sieht die Säkularisierung – den Übergang vom religiös bestimmten zum weltlichen Staatswesen - grundsätzlich als unproblematisch an. Das rechtliche Verhältnis von Staat und Kirche sei prinzipiell vorteilhaft für die Kirche: Sie könne sich auf vielfältige Weise in allen gesellschaftlichen Bereichen einbringen. Allerdings müsse sie aufpassen, daß sie nicht durch innere Aushöhlung ihre Prägekraft verliere. Das Institut für Glaube und Wissenschaft und die Karl-Heim-Gesellschaft haben beide zum Ziel, das Gespräch zwischen christlichem Glauben und wissenschaftlichem Denken zu fördern. Das 1999 gegründete Institut für Glaube und Wissenschaft stellt dazu unter anderem unter www.iguw.de eine umfangreiche Sammlung von Aufsätzen teils namhafter Wissenschaftler zur Verfügung. Das von Jürgen Spieß geleitete Institut hat seinen Sitz in Marburg und gehört zur SMD, einem Netzwerk von Christen in Schule, Hochschule und Beruf (Studentenmission in Deutschland). Die nach dem Theologen Karl Heim (1874-1958) benannte Gesellschaft mit Sitz in Freudenstadt versteht sich als überkonfessioneller Zusammenschluß. Sie gibt die Zeitschrift „Evangelium und Wissenschaft“ heraus und vergibt alle zwei Jahre den Karl-Heim-Preis für wissenschaftliche Arbeiten.
(14.09.05/11:50)