12.09.2005

Wenn jeder aus der Bibel etwas anderes herausliest

Evangelikaler Theologe: Der Mensch will bestimmen, was die Bibel zu sagen hat<br />

Wenn jeder aus der Bibel etwas anderes herausliest

Evangelikaler Theologe: Der Mensch will bestimmen, was die Bibel zu sagen hat

B a d B l a n k e n b u r g (idea) – In Predigt, Seelsorge und Religionsunterricht bestimmt heute vielfach nicht mehr der biblische Text die Botschaft, sondern die Ausleger und Hörer. Das beklagt der Rektor der Freien Theologischen Akademie, Helge Stadelmann (Gießen). „In den vergangenen Jahrzehnten ist die Sinngebungshoheit vom biblischen Text zunächst auf seine Interpreten und später auf die Hörer gewandert“, sagte Stadelmann bei der Studienkonferenz des Arbeitskreises für evangelikale Theologie (AfeT), die vom 11. bis 14. September im Allianzhaus in Bad Blankenburg (Thüringen) stattfindet. Anstatt das Reden Gottes dem Wortlaut der Bibel zu entnehmen, werde heute vielfach erwartet, daß der Mensch durch den Text zu eigenen Gedanken angeregt werde. Somit könne jeder aus der Bibel etwas anderes herauslesen. Die Heilige Schrift sei für viele Prediger noch Ideengeber und Dialogpartner aber nicht mehr Fundament der Wahrheit. „Die Schrift darf zwar noch sprechen, doch was sie zu sagen hat, bestimmt der Mensch“, so Stadelmann. Folge man dieser Ansicht, habe die Predigt ihren Zweck dann erfüllt, wenn der Hörer mit ihrer Aussage einverstanden sei und sich besser fühle. Auslegung werde somit zu einem Willkürakt. Stadelmann: „Viele Theologen schaffen den Sinn eines Bibeltextes selbst.“ In der historisch-kritischen Theologie werde die Heilige Schrift vielmals als fehlerhaft und der Korrektur bedürftig angesehen. Dem gegenüber stehe die biblische Aufforderung, daß der Mensch sich an das Reden Gottes binden und weder etwas hinzufügen noch weglassen solle. Stadelmann forderte dazu auf, die Bibel mit der Erwartung lesen, daß Christus durch sie rede.
Warum sind Protestanten vom Papst begeistert?
Der AfeT-Vorsitzende und Rektor des Tübinger Albrecht-Bengel-Studienhauses, Rolf Hille (Tübingen), sagte, die vorherrschende historisch-kritische Auslegung habe zu einer weitreichenden Verunsicherung geführt. Viele evangelische Gemeinden seien „skeptisch gegenüber einer immer komplizierter werdenden Theologie“. Dagegen biete die katholische Kirche ein Interpretationsmonopol des Lehramtes und des Papstes. „Vielleicht kommt die von manchen Protestanten geäußerte Begeisterung für den Katholizismus daher, daß die Katholiken mit dem Papst jemand haben, der ganz schlicht und einfach sagt, was Sache ist“, so Hille. Evangelische Christen sollten jedoch an der Klarheit der Heiligen Schrift festzuhalten.
(12.09.2005)