24.11.2005

Wie kann ein „evangelikales 68“ gelingen?

Die evangelikale Bewegung braucht einen neuen gemeinsamen Aufbruch

Wie kann ein „evangelikales 68“ gelingen?

Die evangelikale Bewegung braucht einen neuen gemeinsamen Aufbruch

Ulrich Eggers, Redaktionsleiter der Zeitschriften Aufatmen und Joyce, hat für die Nachrichtenagentur idea einen herausfordernden Artikel geschrieben zum notwendigen Aufbruch, den wir gerne hier wiedergeben.

Der frühere Vorsitzende der Deutschen Evangelischen Allianz, Fritz Laubach, hat vor gut 30 Jahren mit seinem Buch „Der Aufbruch der Evangelikalen“ den Namen der evangelikalen Bewegung geformt. Der Begriff – wie schillernd er auch immer ist – hat sich eingeführt. Der Aufbruch aber ist noch unterwegs. Obwohl seither manches Positive passiert ist, geht es der Kirche nicht besser. Der große gemeinsame „Marsch durch die Institutionen“ ist den Evangelikalen nicht gelungen. Sie sind eine Randgruppe ohne großen Einfluß, vielfältig zersplittert, beschäftigt vor allem mit sich selbst. Wollen die Evangelikalen überhaupt noch aufbrechen? Wollen sie Verantwortung für die Zukunft der Kirche übernehmen?
Wer genau hinschaut, entdeckt schnell einen großen Mangel: In der bunten evangelikalen Bewegung, die aus vielen Einzelteilen besteht, hat niemand ein Mandat zur Führung. Strategische Organisation und kraftvolle Leitung fehlt. Der Grund ist klar: Die evangelikale Bewegung ist zutiefst föderal. Jeder arbeitet auf seiner Baustelle und für den Schreibtisch seines Werkes. Dieser jeweiligen Baustelle ist er auch verantwortlich. So wird die Stärke der Bewegung – ihre Aufteilung in kleine lebendige Brennpunkte – auch zu ihrer strategischen Schwäche: Richtungsvielfalt und Führungsmangel. Wer immer Führung für sich reklamieren würde, kann sich – schon deswegen - des Mißtrauens gewiß sein.

Mandat für den Schneckengang

Die Summe des Einzelnen im Sinne einer verstärkten Kraft für gemeinsame Aufgaben existiert kaum. Klar, da gibt es die Evangelische Allianz, aber ihre Struktur ist schwach. Die meisten freien Werke, die unter ihrer Mithilfe geboren wurden, haben stärkere Büros, solidere Finanzen und mehr Einfluß als ihre Mutter. Und es ist eine Ironie in sich: Wo man bei der Mutter hoch mißtrauisch gegenüber jedem zentralen Anspruch ist, schaut man bei den Ambitionen der Kinder noch nicht einmal genau hin. Die Evangelische Allianz hat nur ein Mandat für den Schneckengang – sie soll keinesfalls schneller laufen als ihre Kinder oder Einzelteile.
Politische Vertretung in Berlin? Nun ja ... Ethische Stellungnahmen oder Wahlprüfsteine? Von mir aus! Gebetswochen? Helfen immer und stören nicht! Aber ein gemeinsames Ringen um die Attraktivität, Innovationskraft und Lebendigkeit der Bewegung? Eine gemeinsame Vision für ein strategisches Vorgehen? Ein „Masterplan“ für die fromme Version der 68er? Das würden einige gerne wollen – aber wie soll das gehen? Und ist das nicht sowieso alles eine Nummer zu groß? Wo wir doch „zu Hause“ alle so viel zu tun haben!

Fromme Wünsche für die Jesus-Bewegung

Mir scheint eindeutig: Ohne Umdenken und konkrete Schritte an dieser Stelle werden viele Anliegen der Evangelikalen verpuffen. Wenn die Zukunft der Kirche von den Evangelikalen, von den Jesus-Leuten, befruchtet werden soll, dann können wir nicht weitermachen wie bisher. Nur wenn die evangelikale Bewegung gemeinsam handelt und zusammenhält, läßt sich das Tempo der Säkularisierung in Kirche und Gesellschaft beeinflussen. Was ich uns wünsche:

1. Formulierte DNA


Die evangelikale Bewegung muß sich klar definieren. Ohne ein Bewußtsein ihrer „geistlichen DNA“, ihres Wesens-Kerns, kann es keine gemeinsame Strategie geben. Dabei hilft die alte Devise: „In wesentlichen Dingen Einheit, in Unwesentlichen Freiheit, über allem die Liebe.“ Hier muß neu gearbeitet werden, damit es zu einer Koalition von sinnvoller Breite und hinreichender Schärfe kommt, die auch all jene Jesus-Bewegten mitnimmt, die mit dem Begriff „evangelikal“ Mühe haben. Intensives Gespräch, ernsthafte Arbeit in einer DNA-Kommission und die Formulierung einer „Verpflichtung zum gemeinsamen Aufbruch“ scheint mir überfällig.

2. Organisierte Begegnung

Klar ist: Es kann nur gemeinsam gehen. In den letzten Jahren aber haben wir eine von Sorge, Angst oder Mißtrauen diktierte Debatte um die Grenzen von Zusammenarbeit und Einheit erlebt. Als Bibelbewegung muß uns endlich neu klar werden, daß es ein aktiv und raffiniert verfolgtes Ziel des Teufels ist, Einheit in Jesus durch Mißtrauen zu zerstören und Trennung durch Sprachverwirrung und Nicht-Kommunikation zu fördern. Vertrauen bauen kann man nur durch persönliche Begegnung und ein ernsthaftes Kennen- und Verstehen-Lernen-Wollen. Das geht nicht „mal eben“ am Rand von Sitzungen, sondern braucht Zeit und absichtsvolle Begegnung, die bewußt organisiert werden muß.

3. Zukunftsforum mit gemeinsamem „Flugplan“

Wer allerdings glaubt, daß er alle Streitfragen klären müsse, ehe er gemeinsam an die Arbeit gehen kann, der wird niemals damit beginnen. Deswegen brauchen wir einen Aufbruch jetzt! Einen Aufbruch, der nur gelingen kann, wenn dafür ein Mandat erteilt und ein Fahrplan entwickelt wird. Die Evangelische Allianz bildet derzeit am ehesten solch eine Plattform, müßte aber manche Frage klären, manche Türen öffnen und sich selbst gehörig Mut zusprechen. Es wird nötig sein, die Beweger und Denker der Szene zu sammeln und eine gemeinsame Denk-Werkstatt und Pläne-Schmiede für die Zukunft zu organisieren. An ein solches Zukunftsforum der Evangelikalen Bewegung könnte sich ein konkreter Prozeß anschließen, der zur Bildung einer geistlichen „Star Alliance“ führt: Ein Bündnis „evangelikaler Fluggesellschaften“, die einen gemeinsamen „Flugplan“ für die Kirche der Zukunft entwickeln. Farbe, Identität und Profil des Einzelnen kann dabei durchaus gewahrt bleiben, gemeinsame Ziele für die Zukunft der Kirche werden dennoch schneller erreicht.

4. Innovationsagentur


Solch ein Nachdenken über die Zukunft der Kirche kann weder ein einmaliger Akt sein noch wird es sich beschränken auf eine Organisation oder zentrale Stelle. In vielen Kirchen, Werken und Verbänden wird derzeit über drängende Zukunftsfragen verstärkt nachgedacht. Gemeinsame Aufgabe muß es sein, die Früchte individueller Erfahrungen allen zur Verfügung zu stellen. Deswegen brauchen wir so etwas wie eine „Innovationsagentur“ für die Kirche. Wir brauchen den Mut, nicht nur isolierte Einzelbereiche wie Evangelisation oder Praxis-Details, sondern auch Gemeinde und Kirche als Ganzes neu zu denken und zukunftsfähig zu machen. Wer sicher steht, braucht vor Neuem keine Angst zu haben. In Industrie und Forschung ist es längst üblich, weltweit Ausschau zu halten und davon zu lernen, was anderswo besser gemacht wird. Nur mit einem schnellen und andauernden Ideen-Austausch der weltweit besten Ideen werden wir die Zukunft gewinnen.

Die Verheißung

Recht verstanden: Bei all dem geht es nicht um Macht oder Einfluß, nicht um Größe oder eine politische Agenda - und auch nicht um eine Art von Selbstüberschätzung, die sich selbst äuflädt, was nur Gott erhalten kann. Es geht um den Auftrag von Jesus. Fruchtbar werden wir zugleich nur dann sein, wenn die Identität unserer Bewegung klar bleibt: Nicht die Reinheit unserer Theorie, nicht die Kompetenz unserer Leitung, nicht die Schlüssigkeit unserer Strategie wird darüber bestimmen, sondern unsere persönliche Beziehung zum Herrn der Kirche und das, was wir davon im Alltag wirklich leben. Grundlage all unserer Bemühungen um die Zukunft bleibt die Verheißung Jesu aus Johannes 15, 5: "Wer in mir bleibt, der bringt viel Frucht" und "Ohne mich könnt ihr nichts tun." Eins aber müssen wir neu entdecken: Wer Jesus folgen will, der bleibt nicht nur im Kleinen treu, sondern versteht, daß die Größe unseres Auftrags auch den großen Blick verlangt. Ich bin sicher: Wir brauchen einen neuen und gemeinsamen evangelikalen Aufbruch!