13.11.2005

Krawalle in Frankreich: Kirchen fordern soziale Reformen

Evangelikale: „Wir reden nicht von Integration, wir praktizieren sie“

Krawalle in Frankreich: Kirchen fordern soziale Reformen

Evangelikale: „Wir reden nicht von Integration, wir praktizieren sie“

P a r i s / S t r a ß b u r g (idea) – Als Reaktion auf die Krawalle in Frankreich haben die Kirchen zu sozialen Reformen aufgerufen. Seit Beginn am 27. Oktober gingen mehr als 6.600 Fahrzeuge in Flammen auf, Geschäfte wurden geplündert, und es gab einen Toten. Etwa 2.000 Jugendliche wurden festgenommen. Der Vorsitzende der katholischen Bischofskonferenz, Erzbischof Jean-Pierre Ricard, warf den Behörden vor, die gesellschaftlichen Spannungen durch Unterdrückung und Diffamierung der Randalierer lösen zu wollen. Die Jugend brauche Perspektiven, die ihnen mehr Freiheit und Würde ermögliche, erklärte das Oberhaupt von 40 Millionen Katholiken. Sie stellen über 70 Prozent der Bevölkerung. Die mit 300.000 Mitgliedern größte protestantische Kirche, die Reformierte Kirche, forderte mehr Toleranz und eine „Gesellschaft mit Platz für alle“. Das Evangelium ermutige, Gewalt zu überwinden, indem es Menschen unabhängig von Herkunft, Kultur oder Tradition als gleich wertvoll betrachte. Allerdings können die Kirchen keinen direkten Einfluß auf die Situation in den sozialen Brennpunkten nehmen. Wegen der strikten Trennung von Kirche und Staat liegt die Sozialarbeit in der Hand kommunaler Organisationen, während sich die Kirchen auf Religiöses beschränken sollen.

Weniger Gewalt in Stadtteilen mit evangelikalen Gemeinden

Die Französische Evangelische Allianz sieht einen positiven Einfluß der evangelikalen Gemeinden. In Stadtteilen, wo sich Evangelikale besonders engagierten, hätten die Unruhen weniger dramatische Auswirkungen als woanders gehabt, sagte ein Vorstandsmitglied der Allianz, Pfarrerin Rose Marie Erb (Paris), gegenüber idea. Als Beispiel nannte sie Elsau, eines der ärmsten Viertel von Straßburg. Dort sind die Heilsarmeeoffiziere (Pastoren) Didier und seine Frau Isabella Chastagnier seit vier Jahren tätig. Der Stadtteil mit 8.500 Bewohnern ist als Unruheherd bekannt. Viele junge Menschen hätten keine Hoffnung auf Arbeit und ein besseres Leben. Die Heilsarmisten verteilen Nahrungsmittel an Bedürftige, besuchen und beraten Familien, organisieren einen regelmäßigen Treffpunkt für Mütter und bieten Schülern Hilfe bei den Hausaufgaben an. Zu den Kinderstunden kommen gewöhnlich 40 bis 60 Jugendliche, in den Schulferien sogar bis zu 180. Geschichten und Lieder sollen die Kinder mit den Werten wie Toleranz, Friede und Nächstenliebe vertraut machen. Am wichtigsten ist dem Ehepaar aber die Botschaft, daß es für jedes Kind eine begründete Hoffnung gibt. Chastagniers sind sicher, daß die derzeitige Ruhe auch auf das Engagement der kleinen Heilsarmee-Gemeinde und ihrer 30 Freunde aus der Straßburger Innenstadt zurückzuführen ist.

Aktives Gemeindeleben als „indirekte Sozialarbeit“

Für den Vizepräsidenten der Evangelikalen Gemeinden in Frankreich, den Schweizer Missionar Daniel Liechti (Paris), ist – neben Zerstörungswut und Übermut – Hoffnungslosigkeit eine der Hauptursachen für die Krawalle. Die wirtschaftlichen und sozialen Probleme seien vielfach so groß, daß Jugendliche aus Einwandererfamilien häufig keine Perspektive für ihr Leben sähen. Viele hätten die Schule abgebrochen, bekämen keinen Ausbildungs- oder Arbeitsplatz und wüchsen in zerbrochenen Elternhäusern auf. Sie rebellierten gegen Eltern, Schule und Polizei, weil sie keine vertrauenswürdigen Autoritäten erlebten. „Ihnen fehlen Mutmacher, die sie zur Eigenverantwortung befähigen“, so Liechti. In vielen evangelikalen Gemeinden kämen Franzosen, Afrikaner, Araber und Schwarze aus der Karibik zusammen, um gemeinsam Gott zu loben. Liechti: „Wir reden nicht von Integration, sondern praktizieren sie.“ Während der Straßenschlachten habe es nicht nur zusätzliche Gebetstreffen gegeben, sondern offene Türen für Jugendliche auf der Suche nach Gesprächspartnern. Diese „indirekte Sozialarbeit“ ergänze die kommunalen Angebote, denen aber eine geistliche Komponente fehle.

Was Behörden vergessen: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein

Bei der Umsetzung der strikten Trennung von Staat und Kirche hätten die Behörden vergessen, daß der Mensch nicht vom Brot allein lebe. Sie müßten insbesondere mit evangelikalen Gemeinden zusammenarbeiten, in denen sich das Christsein nicht auf Tradition und Liturgie konzentriere. Bisher verhielten sie sich sehr zurückhaltend. Zahlreiche Gemeinden bemühten sich seit Monaten vergeblich, Versammlungsräume anzumieten. Liechti hofft, daß die Behörden in den vergangenen zwei Wochen den gesellschaftlichen Nutzen eines lebendigen Glaubens erkannt haben und sich künftig kooperativer verhalten. In Frankreich gibt es rund 1.850 evangelikale Gemeinden mit 360.000 Mitgliedern. Sie bilden etwa 0,6 Prozent aller Franzosen.