11.08.2005

Christen und die Qual der Wahl

Ein Interview zu den Wahlprüfsteinen in den evangelischen Wochenzeitungen "Die Kirche" (Kirchenprovinz Sachsen und Anhalt), "Der Sonntag" (Sachsen) und "Glaube und Heimat" (Thüringen).

Christen und die Qual der Wahl

Ein Interview zu den Wahlprüfsteinen in den evangelischen Wochenzeitungen "Die Kirche" (Kirchenprovinz Sachsen und Anhalt), "Der Sonntag" (Sachsen) und "Glaube und Heimat" (Thüringen).

Die Deutsche Evangelische Allianz hat die Christen des Landes dazu aufgerufen, bei der bevorstehenden Bundestagswahl besonders die Werteorientierung der Kandidaten zu hinterfragen. Harald Krille sprach darüber mit Hartmut Steeb, Generalsekretär des evangelikalen Dachverbandes.


Herr Steeb, Wahlprüfsteine und ein politisches Forum auf der Allianzkonferenz: Es scheint ein neuer Zug der Evangelischen Allianz zu sein, sich ganz massiv in Politik und Gesellschaft einzumischen?

Steeb: Das ist kein neuer Zug. Schon bei der Gründung der Evangelischen Allianz 1846 ging es neben all dem Ringen um die Fragen der geistlichen Einheit auch um politische Einmischungen. Es wurde klar, dass, wer z. B. Sklaven hält, nicht Mitglied der Allianz werden kann. Bei der ersten Allianzgebetswoche 1847 ging es um die Abschaffung der Sklaverei. In den ersten Jahrzehnten der Evangelischen Allianz standen viele politische Themen auf der Tagesordnung: Religionsfreiheit, Stellungnahmen gegen britisch-chinesischen Opiumhandel, Kinderverlobungen in Indien u.a.. Insofern ist es gar nichts Neues. Es ist ein alter Zug, der allerdings manchmal neuer Geleise bedarf.

Die von der Allianz vorgelegten Wahlprüfsteine beginnen mit der Aufforderung: "Gebt der Demokratie, was der Demokratie zusteht". Was ist damit gemeint?

Steeb: Jesus sagte auf die Frage nach der Steuer: "Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott was Gottes ist." Wir fragen: Was bedeutet das in Zeiten, in denen wir kein kaiserliches Regiment mehr haben? Wir haben auch keine Diktatur, sondern wir haben hier eine Demokratie. Also lautet die zeitgemäße Übertragung: Gebt der Demokratie, was der Demokratie zusteht. Und was ist das? Es ist die aktive Mitbeteiligung. Wir sind alle gefordert, die Obrigkeit nicht nur zu achten, sondern sie zu bestimmen, sie zu wählen. Darüber hinaus haben wie viele Einflussmöglichkeiten in unserer heutigen modernen Gesellschaft. Und da möchten wir gerne Christen ermutigen: Bringt euch ein in diese Gesellschaft, nützt die Möglichkeiten, die ihr habt.

Was sind aus Ihrer Sicht die größten Herausforderungen vor denen Deutschland derzeit steht?

Steeb: Ich glaube, dass wir uns neu bewusst werden müssen, welche Gesellschaft wir eigentlich wollen. Sind wir noch auf der Basis dessen, was unsere Verfassungsmütter und -väter 1949 ganz deutlich sagten: Wir stehen in der Verantwortung vor Gott und wir möchten in der Verantwortung vor Gott versuchen, unserer Gesellschaft zu regeln? Ich glaube, wir brauchen diese Wertorientierung wieder in allen Bereichen des politischen Lebens. Friedrich Merz hatte mit der Rede von der "deutschen Leitkultur", die nicht diskutiert sondern eher diskreditiert wurde, Ähnliches angesprochen. Vielleicht müsste man besser sagen: Wir brauchen eine christliche Leitkultur. Wir müssen uns dazu bekennen, dass wir kein weltanschaulich neutraler Staat sind, sondern dass wir von den Grundüberzeugungen der Bibel und des christlichen Glaubens geprägt sind.

In den Wahlprüfsteinen der Allianz werden die Zehn Gebote zum Maßstab für Politik gemacht. Wer ist denn dann eigentlich wählbar, außer ein paar christlichen Splitterparteien mit ihrer dezidierten Berufung auf die Zehn Gebote?

Steeb: Das wird sich rausstellen, wer wählbar ist. Ich denke, wir müssen wirklich die Politiker fragen: Was wollt ihr eigentlich? Ich glaube, dass die Politiker selbst von uns ein Stück Anstoß zum eigenen Nachdenken brauchen. Wir sind uns dabei völlig im Klaren, dass man am Ende eine Entscheidung danach treffen muss, welche der Kandidaten meinen Wertvorstellungen am nächsten kommen. Zu einer vernünftigen Abwägung gehört freilich auch die Überlegung, welches Gewicht die eigene Stimme am Ende haben wird.

Nun geht aktive Mitgestaltung in der Politik meist nicht ohne manchmal auch fatale Kompromisse. Besonders unter evangelikalen Christen hört man oft die Meinung, dass Politik letztlich ein "schmutziges Geschäft" sei ...

Steeb: Das politische Geschäft ist nicht "schmutziger" als andere, aber es ist verantwortungsvoller. Ich halte diese Negativhaltung für wirklich tragisch. Natürlich kann man, besonders wenn man mit Menschen zu tun hat, auch schnell schuldig werden. Aber wenn man merkt, dass man seine Überzeugung politisch nicht durchsetzen kann, muss man überlegen, ob man sich auf einen Kompromiss einlässt, um lieber die Hälfte der Überzeugung als gar nichts davon durchzusetzen. Das ist die notwendige Weisheit, die Politiker brauchen. Darum möchte ich gerne Menschen wählen, denen ich von ihrem Grundsatz her vertraue. Und deshalb fragen wir so sehr nach der Werteorientierung. Ich muss nicht mit allen Einzelentscheidungen hinterher einverstanden sein.

Um so notwendiger ist es außerdem, dass wir Christen unseren wichtigsten politischen Auftrag erfüllen: Nämlich für die Politiker zu beten. Es ist vielleicht das größte Versagen der Christen, dass sie viel zu wenig für die politisch Verantwortlichen vor Gott eintreten.
Gibt es für die Evangelische Allianz Parteien die grundsätzlich nicht wählbar sind?

Steeb: Man wählt ja - jedenfalls jetzt für den Bundestag - mit seiner Erststimme erst mal eine Person. Natürlich sind die Personen in Parteien und damit wählt man die auch mit, wobei man die Zweitstimme auch noch mal anders vergeben kann als die Erststimme. Ich will keinen generellen Ausschluss machen. Wir ermutigen dazu, anhand der Wertvorstellungen selbst zu prüfen, wen man wählen kann und wen man eben nicht wählen kann. Aber wir wollen keine Wahlempfehlungen aussprechen.

Ein persönlich überzeugender Kandidat der Republikaner, der NPD oder der Linkspartei/PDS wäre also auch wählbar?

Steeb: Ich würde ihn sehr fragen, wieso er in dieser Partei mitarbeitet, wenn er denn ein überzeugter Christ ist. Ich kann es mir derzeit nicht vorstellen, aber man soll nie "nie" sagen.

Vielen Danke für das Gespräch