18.04.2005
Herr Ströbele und die Evangelikalen
Warum ein „Grünen“-Politiker ein Feindbild schürt<br />
Am 10.April hatte Sabine Christiansen das Thema "Werte" auf der Tagesordnung. Dabei ging es dann im Gespräch auch kurzzeitig um evangelikale Positionen. Dazu hat der Vorsitzende der Deutschen Evangelischen Allianz, Peter Strauch, im Pressedienst idea einen Kommentar geschrieben, den wir hier dokumentieren:
„Der Herr bewahre uns davor!“ So „betete“ Hans-Christian Ströbele in der Sendung von Sabine Christiansen am 10. April. Dabei hatte der stellvertretende Fraktionschef von Bündnis 90/Die Grünen im Bundestag nicht etwa eine Katastrophe wie den Tsunami im Blick, sein Stoßgebet zielte auf die Evangelikalen, die bei ihm offensichtlich unter den Sekten laufen und in die Nähe militanter Islamisten gerückt werden. In der Sendung, an der auch der Regierende Bürgermeister von Berlin, Klaus Wowereit (SPD), und der (katholische) Bischof von Trier, Reinhard Marx, teilnahmen, ging es um die Sehnsucht nach alten Werten, ein Thema, das zur Zeit in fast allen Medien ganz oben rangiert.
Unerwünschte Personen
Was befürchtet Herr Ströbele eigentlich bei den Evangelikalen, und was ist so schlimm daran, wenn mehr und mehr junge Leute in Sachen Moral eindeutig Position beziehen und der Beliebigkeit den Rücken kehren? Wem angesichts Jugendlicher, die für sexuelle Enthaltsamkeit vor der Ehe und für eheliche Treue eintreten, nur noch der Spruch von der verklemmten Sexualität einfällt, der hat nicht begriffen, wie ruinös die Bereiche Ehe und Familie heute wirklich sind. Und wer meint, er müsse das Erstarken von moralischen Werten als Schwäche der Betroffenen interpretieren, hat keine Ahnung, wieviel Mut dazu gehört, in der aktuellen Wertedebatte ein klares Profil zu zeigen. Daß hier vor allem die Evangelikalen ins Visier genommen werden, liegt nahe, denn schließlich sind vor allem sie es, die biblische Aussagen auch in dieser Beziehung ernst nehmen. Leute wie Ströbele tun alles, um sie zur unerwünschten Person zu stempeln, da scheinen die Klischees vom amerikanischen Präsidenten, der im Namen Gottes Krieg führt, gerade recht zu sein. Als ich vor einigen Jahren als Präsident der Vereinigung Evangelischer Freikirchen eine Einladung zur Anhörung bei der Enquetekommission „Sogenannte Sekten und Psychogruppen“ des Deutschen Bundestages erhielt, erlebte ich die „Grünen“ noch als Partei, die sich für den Schutz religiöser Minderheiten einsetzten. Das scheint sich geändert zu haben.
Weiß er es nicht besser?
Doch schlimmer noch ist die Unwissenheit, mit der hier Feindbilder geschürt werden. Evangelikale gibt es schließlich in allen Landes- und Freikirchen. In der Regel handelt es sich bei ihnen um engagierte Christen, denen die Bibel als Wort Gottes so wichtig ist, daß sie ihr Leben daran ausrichten. Mit Gewalt haben sie nichts zu tun, wie sollten sie auch, wo doch Jesus Christus, dem sie nachfolgen, gewaltlos lebte. Und neu ist die Bewegung auch nicht. Im England des 19. Jahrhunderts haben Evangelikale vermutlich mehr zur gesellschaftlichen Erneuerung beigetragen als jede andere Bewegung. Sie waren es, die sich für die Abschaffung von Sklaverei und Sklavenhandel einsetzten und zu menschlicheren Arbeitsbedingungen in den Fabriken und Bergwerken beitrugen. Vielleicht weiß es Herr Ströbele ja nicht besser. Wenn er in der Sendung davon sprach, daß die Unwahrhaftigkeit von Politikern, sich selbst eingeschlossen, ein Grundübel des Vertrauensverlustes der Parteien sei, dann sind es doch gerade auch evangelikale Christen, die mit ihrem Einsatz für ein authentisches und wahrhaftiges Leben dazu beitragen können, dieses Übel zu beseitigen. Richtig, ein moralisches Wertesystem allein reicht dazu nicht aus, eine tiefgreifende Veränderung des Lebens braucht eine andere Quelle. Wie sagte der Bischof von Trier, Reinhard Marx, in der Sendung: „Werte und Glaube sind nicht identisch. Das Christentum ist nicht zuerst ein Wertesystem, sondern ein Ereignis, eine Beziehung, ich würde fast sagen, eine Liebesgeschichte, eine Begegnung mit Jesus Christus.“ Dem ist nichts hinzuzufügen.