12.09.2004
Wie frei sind die Christen in der Türkei?
Internationale Organisationen bewerten die Lage unterschiedlich
Wie frei sind die Christen in der Türkei?
Internationale Organisationen bewerten die Lage unterschiedlich
A n k a r a (idea) – Die Religionsfreiheit in der Türkei wird von internationalen Organisationen unterschiedlich beurteilt. In den vergangenen drei Jahren habe sich die Situation der Christen verbessert, berichtet die Weltweite Evangelische Allianz. Nach Angaben des Direktors ihrer Kommission für Religionsfreiheit, Johan Candelin (Helsinki), haben Gespräche zwischen Regierungsvertretern und den Führern evangelischer Kirchen zu konkreten Ergebnissen geführt. Unter anderem bekämen alle Türken im nächsten Jahr neue Personalausweise, die im Gegensatz zu den bisherigen keinen Hinweis mehr auf die Religionszugehörigkeit enthielten. Dies fördere die Gleichbehandlung aller Bürger. Ein weiteres Ergebnis sei die Zustimmung zur Gründung internationaler Schulen in Ankara und Istanbul, die in ihren Lehrplänen freier sind als staatliche Schulen. Bei den von der WEA geförderten Gesprächen hätten die Behörden viel Verständnis für die Bedürfnisse der kleinen evangelischen Gemeinden gezeigt, so Candelin. Die Stimme der Protestanten sei für einen türkischen EU-Beitritt wichtig.
IGFM: Noch keine Gleichstellung der christlichen Minderheit
Dagegen kritisiert die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM/Frankfurt am Main), daß Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan sein Versprechen, die Gleichstellung von Christen zu garantieren, noch nicht ausreichend umgesetzt habe. So habe das seit 1971 geschlossene griechisch-orthodoxe Priesterseminar seine Arbeit immer noch nicht wieder aufnehmen können. Die syrisch-orthodoxe Kirche dürfe weiter keine Schulen und Kirchen errichten und ihre aramäische Kirchensprache nicht benutzen. Für eine Gleichbehandlung mit Moslems bedürfe es mehr als symbolischer Gesten, erklärte die IGFM.
Kirchenrat: Keine Verfolgung, aber Behinderungen
Auch der frühere Pfarrer der deutschen evangelischen Gemeinde in der Türkei, Kirchenrat Gerhard Duncker (Bielefeld), fordert eine offizielle Anerkennung der Kirchen, damit strittige Eigentumsfragen endlich geklärt werden könnten. Christen würden zwar nicht verfolgt, aber in der Ausübung ihres Glaubens stark behindert, sagte Duncker. Von den rund 67 Millionen Einwohnern der Türkei sind 99,6 Prozent Moslems und 0,3 Prozent Christen. Die 55 evangelikal geprägten Gemeinden haben rund 3.000 Mitglieder.