13.10.2004
Wir brauchen neue Impulse für die Evangelisation
Dr. Rolf Hille im Interview mit idea: Eine Bilanz des Forums für Weltevangelisation im thailändischen Pattaya
Wir brauchen neue Impulse für die Evangelisation
Dr. Rolf Hille im Interview mit idea: Eine Bilanz des Forums für Weltevangelisation im thailändischen Pattaya
Auf dem Forum für Weltevangelisation der Lausanner Bewegung, das mit rund 1.500 Teilnehmern aus 120 Ländern vom 29. September bis 5. Oktober in Pattaya (Thailand) stattfand, leitete Dr. Rolf Hille die Studiengruppe mit dem Thema „Die Einzigartigkeit Christi in der postmodernen Gesellschaft“. Im idea-Gespräch erläutert Hille, Rektor des Albrecht-Bengel-Studienhauses (Tübingen), die gegenwärtigen Herausforderungen für die weltweite Mission und zieht eine Bilanz der Arbeit des Lausanner Komitees und des Forums in Thailand. Hille ist im Ehrenamt Vorsitzender der Theologischen Kommission der Weltweiten Evangelischen Allianz, des Arbeitskreises für evangelikale Theologie in Deutschland, Mitglied des Hauptvorstandes der Deutschen Evangelischen Allianz sowie stellvertretender Vorsitzender der Theologischen Arbeitsgruppe des Lausanner Komitees für Weltmission. Dr. Rolf Hille war von 1994 bis 2000 Vorsitzender der Deutschen Evangelischen Allianz.
Mit dem Theologen sprach Andreas Dippel.
idea: Die internationalen Kongresse für Weltevangelisation in Lausanne 1974, in Pattaya 1980 und in Manila 1989 haben bis heute Auswirkungen auf die Mission und Evangelisation, wurden hier doch erstmals die Grundlagen für das Missionsverständnis der Evangelikalen fixiert. Warum benötigt die Lausanner Bewegung derartige Kongresse?
Hille: Der erste Kongreß für Weltevangelisation in Lausanne war ein kirchenhistorisches Ereignis. Das kann man nach 30 Jahren Abstand durchaus sagen. Denn dieser Kongreß, der damals von Billy Graham initiiert und geleitet wurde, hat erstmals die Evangelikalen ins Blickfeld der internationalen Missionsbewegung und der ökumenischen Christenheit gerückt. Bis dahin kannte man im öffentlichen Bewußtsein nur den Ökumenischen Rat der Kirchen und die Missionsarbeit der weltweiten Römisch-Katholischen Kirche. Die Evangelikalen wurden erst nach Lausanne als dritte Kraft im Welthorizont der Ökumene wahrgenommen. Auch der mit über 5.000 Teilnehmern zahlenmäßig sehr große Kongreß in Manila 1989 hat die evangelikale Dynamik der Weltevangelisation neu gestärkt. Zwischen diesen Großereignissen war die Präsenz der Lausanner Bewegung in der Öffentlichkeit allerdings relativ schwach. Man muß sich klarmachen, daß diese Bewegung im Grunde ohne Infrastruktur existiert. Sie verfügt über keine örtlichen oder regionalen Verbände, wie dies etwa bei der Weltweiten Evangelischen Allianz der Fall ist. Aber Lausanne hat seine Stärke immer wieder als eine dynamische Bewegung entfaltet. So sind infolge von Lausanne 1974 und Manila 1989 eine Reihe wichtiger missionarischer Initiativen entstanden, die heute zum Teil als selbständige Organisationen arbeiten.
„Lausanne“ und Welt-Allianz
idea: Stichwort „Weltweite Evangelische Allianz“: Auch sie hat sich Mission und Evangelisation auf die Fahnen geschrieben. Arbeiten hier nicht zwei weltweit tätige Organisationen parallel nebeneinander?
Hille: Zum Teil ist das leider so. Deshalb plädiere ich für eine sehr enge Zusammenarbeit zwischen Lausanner Bewegung und Evangelischer Allianz in allen Fragen der Mission und Evangelisation. Nur so können die Gruppen voneinander profitieren. Lausanne muß in der evangelikalen Bewegung konkret die Motivation zur Evangelisation stärken; die Allianz kann für die Stabilität und Kontinuität der Arbeit sorgen.
idea: Auf dem Forum für Weltevangelisation wurde gefragt, wie Mission in einer globalisierten Welt geschehen kann. Warum ist Globalisierung eine Herausforderung für Mission?
Hille: Zunächst einmal ist die christliche Mission selbst – so wie sie uns im Missionsbefehl in Matthäus 28 aufgetragen ist – ein erster und historisch bedeutsamer Impuls zur Globalisierung. Alle Völker sollen in jeder Generation neu das Evangelium hören. Bevor im wirtschaftlichen oder technologischen Bereich von Globalisierung die Rede war, ist die Gemeinde Jesu seit nunmehr 2.000 Jahren mit diesem Bewußtsein aufgetreten. Sie verstand sich nie nur als Gemeinschaft örtlicher Gemeinden, sondern immer als weltweite Kirche im Sinne des einen Leibes Jesu Christi. Das Lausanner Komitee und die Weltweite Evangelische Allianz sind Ausdruck dafür, daß wir diese Globalität der Christenheit auch in der evangelikalen Bewegung wahrnehmen. Mit der wirtschaftlichen, technischen und wissenschaftlichen Globalisierung hat dann allerdings die westliche Kultur im 20. Jahrhundert nahezu alle anderen Zivilisationen durchdrungen. Und zwar häufig unter bewußter Absehung ihres christlichen Erbes. Damit ist auch die höchst problematische Dimension von Globalisierung virulent geworden. Wir müssen uns nur die Großstädte etwa in Asien ansehen. Dort hat sich eine verwestlichte, multikulturelle Einheitskultur besonders unter der jungen Generation ausgebreitet. Musikstil, Kleidung, Freizeitgestaltung, Informationsgesellschaft und Arbeitswelt sind deutlich das Ergebnis der Globalisierung.
Jeder bastelt sich eine Weltanschauung
idea: Sie haben den Arbeitskreis „Die Einzigartigkeit Christi in der postmodernen Gesellschaft“ geleitet. Wie können Christen unter postmodernen Menschen evangelisieren?
Hille: Zunächst einmal muß die Postmoderne definiert werden. Sie ist genaugenommen eine „Nachmoderne“, d. h. die historische Epoche, die auf die Moderne folgt. Postmoderne ist also eine Reaktion auf die Moderne. Deshalb müssen wir uns zunächst über den Begriff „Moderne“ verständigen. Moderne ist die geistesgeschichtliche Bewegung in Europa, die die Vernunft ins Zentrum des menschlichen Denkens stellt und davon ausgeht, daß das Denkvermögen die entscheidende Fähigkeit des Menschen ist, durch die unsere Welt verbessert und ständiger Fortschritt erreicht werden kann. Die aufgeklärte Vernunft lehnt dort, wo sie zum absoluten Maßstab wird, den Glauben an Gott, wie er sich in der Bibel offenbart, ab. Weithin ist die Moderne deshalb als eine grundsätzliche Kritik des Christentums in Erscheinung getreten. Die Postmoderne hat nun im Widerspruch gegen die Moderne festgestellt, daß die Vernunft des Menschen nicht allein die menschlichen Probleme lösen kann. Hier zeigt sich ein Anliegen, an dem Christen an der Postmoderne anknüpfen können, um deutlich zu machen, daß der Glaube über die Vernunft hinausreicht. Allerdings hat die Postmoderne mit ihrer Vernunftkritik das Kind mit dem Bad ausgeschüttet, indem sie behauptet, daß es überhaupt keine gültige Wahrheit gibt. Sie hat eine Art „pick and choose“-Mentalität zur Lebensphilosophie erklärt. Das heißt, jeder baut sich aus allen verfügbaren religiösen oder philosophischen Angeboten seine private Weltanschauung zusammen. Das führt weithin zur Verunsicherung der Menschen. Es gilt deshalb, deutlich zu machen, daß das Evangelium keine von Menschen ausgedachte Religion, sondern die verläßliche Offenbarung Gottes in der Geschichte ist. Wenn diese Überzeugungsarbeit gelingt, dann kann selbst die Orientierungslosigkeit, unter der viele postmoderne Zeitgenossen leiden, zur Chance für die Verkündigung der biblischen Botschaft werden.
Ist die Kirche selbst postmodern?
idea: Haben denn nicht auch Kirche und Theologie, insbesondere in Deutschland, eine Art postmoderne Entwicklung hinter sich: nämlich weg von der einen gültigen biblischen Wahrheit, hin zu einer radikal kritischen Auslegung biblischer Texte? Wie kann auf dem Hintergrund solcher Bibelkritik noch glaubwürdig Mission geschehen?
Hille: Die Theologie ist in der Tat mit der Aufnahme neuzeitlicher Ideale selbst zu einem Teil der religions-kritischen Moderne geworden. Denn die historisch-kritische Theologie ist z. B. ohne das „Projekt der Moderne“ nicht denkbar. Mittlerweile wurde nun die Theologie in Anknüpfung an die weitere Entwicklung von postmodernen Phänomenen beeinflußt. Manche Christen behaupten, jeder könne die Bibel so auslegen, wie er das persönlich für richtig hält. So kommt es z. B. zu einer feministischen, materialistischen oder tiefenpsychologischen Auslegung der Schrift. Angesichts dieses Pluralismus in der Auslegung vertreten viele Theologen die Auffassung, es komme gar nicht so sehr auf die Wahrheitsfrage an, sondern man solle froh sein, wenn sich überhaupt Menschen mit der Bibel beschäftigen. Aber Mission benötigt diesem Relativismus gegenüber eine feste Grundlage, nämlich den Glauben an Jesus Christus als Retter der Menschen.
idea: Wie kommen die Kirchen aus diesem Dilemma des postmodernen Christentums wieder heraus? Denn erst dann können sie ja in einer postmodernen Gesellschaft das Evangelium verbreiten ...
Hille: An der bloßen Vernunft orientierte Theologen können sich zunächst etwas von der Postmoderne sagen lassen. Nämlich: Die Vernunft ist nicht alles. Christen müssen den biblischen Wahrheitsanspruch, der höher ist als alle Vernunft, neu bekennen. Allein mit der Botschaft von der Einzigartigkeit Jesu Christi können wir den Menschen in unserer Gesellschaft wirksam das Wort Gottes predigen. Theologisch gesprochen heißt das, daß wir die Heilige Schrift wieder so auslegen, wie sie sich von Jesus Christus her den Menschen erschließt. Christus ist das Zentrum der biblischen Offenbarung und muß deshalb auch im Mittelpunkt der praktischen Evangelisation stehen.
Was bleibt von Pattaya?
idea: Werden die Impulse des Forums für Weltevangelisation tatsächlich Wirkung zeigen?
Hille: Gerade für junge Christen, die ja in großer Zahl an dem Forum in Pattaya teilgenommen haben, bringt ein solcher internationaler Kongreß immer eine Horizonterweiterung. Das Gespräch mit Christen aus der ganzen Welt erweist sich als eine Herausforderung für die eigene missionarische Arbeit, die Ortsgemeinde und die eigene Kirche. Doch dieser Kongreß wird seine ganz besonderen Auswirkungen erst dann haben, wenn die Ergebnisse der 31 Arbeitsgruppen Früchte tragen. Alle Teilnehmer müssen die Ideen und Initiativen dieses Forums in ihren Gemeinden bekanntmachen und so zu Multiplikatoren für andere Christen werden. Dann kann das Forum 2004 ebenso bedeutsame und notwendige Impulse für die Mission geben wie die Vorgängerkongresse in Lausanne und Manila.
idea: Wir danken für das Gespräch.