14.11.2004

Evangelikale Bewegung braucht keine neue Evangelische Allianz

Strauch: Selbstverständnis als „Geschwisterbund“ hat sich bewährt

Evangelikale Bewegung braucht keine neue Evangelische Allianz

Strauch: Selbstverständnis als „Geschwisterbund“ hat sich bewährt

B a d B l a n k e n b u r g, 14. November 2004 (idea) – Die Deutsche Evangelische Allianz verwahrt sich gegen Kritik aus der evangelikalen Bewegung, sie grenze sich nicht genügend von der katholischen Kirche und der Pfingstbewegung ab. Deutschland brauche keine neue Evangelische Allianz, sagte der Vorsitzende, Präses Peter Strauch (Witten) vom Bund Freier evangelischer Gemeinden, beim Deutschen Evangelischen Allianztag am 13. November im thüringischen Bad Blankenburg. Seiner Ansicht nach hat sich das Selbstverständnis der 158 Jahre alten Allianz bewährt. In den vergangenen Monaten hatte es immer wieder Forderungen nach einer neuen Allianz gegeben, weil man der jetzigen Allianz-Führung ein Aufweichen der Mitgliedskriterien unterstellte. So wurde die Möglichkeit, Katholiken an der Allianzarbeit zu beteiligen, als ein Abweichen von den Vorstellungen der Allianzgründer angesehen. Katholiken sähen ihre Kirche als allein selig machend an und verehrten Maria, heißt es. Laut Strauch ist die Allianz ein „Geschwisterbund“ von Menschen, die Jesus Christus als ihren persönlichen und alleinigen Retter der Welt bekennen. Dieses Kriterium könnten auch Katholiken erfüllen. Wie die Gründungsprotokolle von 1846 zeigten, seien die Väter der Allianz davon ausgegangen, daß es auch in der katholischen Kirche wiedergeborene Christen gebe. Pfingstkirchlich und charismatisch geprägte Christen seien ebenfalls willkommen, wenn sie bei gemeinsamen Aktionen ihr theologisches Sondergut zurückstellten. Zum Allianztag waren Vertreter von rund 1.250 örtlichen Allianzen und etwa 300 evangelikalen Werken eingeladen. Generalsekretär Hartmut Steeb (Stuttgart) wies darauf hin, daß man es bei Landeskirchlern im Unterschied zu Katholiken und Pfingstlern für selbstverständlich halte, daß sie keine extremen Positionen verträten. Dabei sei die theologische Bandbreite der Landeskirchen wesentlich größer als die der Freikirchen.

Nehlsen für „Koalitionen auf Zeit“

Ein Mitglied des Geschäftsführenden Allianz-Vorstandes, Pfarrer Axel Nehlsen (Berlin), plädierte für die Möglichkeit, „Koalitionen auf Zeit“ zu bilden. So hätten beim Europatag am 8. Mai in Stuttgart 150 landeskirchliche, katholische, evangelikale und charismatische Gemeinschaften gemeinsam das Christentum als Seele Europas herausgestellt. Auch beim Engagement gegen die Abtreibung könnten Allianzgruppen mit katholischen Gruppen und mit nichtreligiösen Menschen zusammenarbeiten. Laut Strauch ist die Übereinstimmung zwischen Allianz und katholischer Kirche in ethischen Fragen häufig größer als innerhalb des Protestantismus.

Kritiker nicht als „ewig nörgelnde Evangelikale“ diffamieren

Der Vertreter der Mission für Süd-Ost-Europa, Dieter Karstädter (Siegen), plädierte für eine neue Gesprächskultur zwischen der Allianz-Leitung und ihren Kritikern. Diese dürften nicht als „ewig nörgelnde Evangelikale“ und „Einheitszerstörer“ diffamiert werden, wenn ihr Gewissen sie dränge. Beispielsweise gehe die Allianz nicht genügend auf die Bedenken von Gruppen ein, die an der 1909 in der „Berliner Erklärung“ formulierten Abgrenzung von pfingstkirchlichen Gemeinden festhielten. An der Basis sei der Eindruck entstanden, daß die „Kasseler Erklärung“ von 1996 den Ortsallianzen eine Zusammenarbeit mit pfingstkirchlichen und charismatischen Gemeinden empfehle, ohne theologische Hilfen zum Miteinander zu geben. Andere Delegierte erwiderten, es dürfe „keine Diktatur der schwachen Gewissen“ geben, mit der Minderheiten ihre Ansichten durchsetzen wollten. Strauch bemängelte, daß Allianz-Kritiker oft an die Öffentlichkeit gingen, ohne vorher mit den Angegriffenen gesprochen zu haben.

„Zurückhaltendes Interesse“ an übergemeindlichen Aktivitäten

Laut Steeb umfaßt die evangelikale Bewegung Deutschlands rund 1,3 Millionen Menschen, „wahrscheinlich sogar mehr“. Allerdings sei es fraglich, ob sich alle von der Allianz vertreten wissen wollten. Daß zu den acht Veranstaltungen der „Impulstour für die Einheit der Christen“ vom 24. April bis 3. Juli nur etwa 11.750 Besucher gekommen seien, zeige ein „zurückhaltendes Interesse“ an übergemeindlichen Aktivitäten. Man hatte mehr als 20.000 Besucher erwartet. Viele Gemeinden beschränkten sich auf die Durchführung der jährlichen Allianz-Gebetswoche. Die öffentlich sichtbare Einheit der Christen solle die Welt ermutigen, an Jesus Christus zu glauben. In Deutschland nehme die Zahl derjenigen Menschen ständig zu, die noch nie etwas von Jesus Christus gehört hätten. Gerade das mache den gemeinsamen Dienst nötiger denn je.

Großer finanzieller Engpaß: 200.000 Euro Defizit


Auch die finanzielle Situation der deutschen Allianz bereite große Sorgen, sagte Steeb weiter. Am Jahresende drohe ein Defizit von rund 200.000 Euro. Die Rücklagen reichten nicht aus, um den 1,1 Millionen Euro umfassenden Haushalt auszugleichen. „Die Spendenbereitschaft muß deutlich zunehmen, damit wir weitermachen können“, so Steeb. Einnahmeausfälle bei der Impulstour und Baumaßnahmen im Evangelischen Allianzhaus in Bad Blankenburg hätten die Vorräte aufgebraucht. Der Abbau von 1,5 der 2,5 Referentenstellen sowie der Umzug der Geschäftsstelle von Stuttgart nach Bad Blankenburg, die Zusammenführung der beiden Verwaltungen und der damit verbundene Wegfall einer Sekretariatsstelle reichten zur Überwindung des finanziellen Engpasses nicht aus.