07.11.2004

„Gott hat sich in unsere Geschichte eingemischt“

Christen aus Ost und West: Wie wir den 9. November 1989 erlebten

„Gott hat sich in unsere Geschichte eingemischt“

Christen aus Ost und West: Wie wir den 9. November 1989 erlebten

Am 9. November jährt sich zum 15. Mal der Fall der Mauer in Berlin – erreicht durch eine friedliche Revolution. idea fragte Zeitzeugen aus Ost und West: 1. Wie haben Sie persönlich den 9. November 1989 erlebt? 2. Wie ordnen Sie den Fall der Mauer geistlich ein? 3. Was ist nach 1989 kirchlich gut gelaufen? 4. Was ist nach 1989 kirchlich schlecht gelaufen?
Wir dokumentieren die Antworten des ehemaligen 1. Vorsitzenden der Deutschen Evangelischen Allianz, Jürgen Stabe, des früheren Hauptvorstandsmitglieds Uwe Holmer und des Schweizer Nationalrats Heiner Studer, der den Besuch der Bad Blankenburger Allianzkonferenzen empfiehlt.

Der Vorsitzende der Allianz in der DDR: Eine Chance zur Erneuerung

1. + 2. Als ich am 9. November die Spätnachrichten anschaute, traute ich meinen Augen und Ohren nicht. Mißverstandene Worte von Günter Schabowski, ausgelassene Menschen unterm Brandenburger Tor und ein Trompeter, der auf der Mauer „Nun danket alle Gott“ spielt. Bis heute gilt für mich: Die Maueröffnung war ein Wunder Gottes, eine Gebetserhörung und vor allem ein Gnadenzeichen Gottes für unser Volk. Er lenkte die Herzen, Gedanken und Worte der Menschen wie Wasserbäche. Gott gab unserem Volk eine große Chance zur Erneuerung. 3 + 4. Den Kirchen wurden – besonders in der Kinder- und Jugendarbeit – viele Türen geöffnet. Dringende Baumaßnahmen konnten ausgeführt werden. Kirchenvertreter wurden zu ernst genommenen Partnern in der Gesellschaft. Ideologischer Druck und Überwachungen waren weg und einige Personen besannen sich wieder auf ihre christlichen Wurzeln. Als schwierig und belastend erwies sich die Notwendigkeit struktureller und finanzieller Veränderungen in den Kirchen, ungenügende Vergangenheitsbewältigung, nachlassende Solidarität und zunehmender Einfluß von Sekten und religiösen Sondergemeinschaften. Spiritualität und Kreativität werden immer wieder Opfer von Klage und Negativerfahrungen. Darum gilt: „Vergiß nicht, was er dir Gutes getan hat.“
Jürgen Stabe (Walthersdorf) war Superintendent in Annaberg-Buchholz (Erzgebirge) und seit 1988 Vorsitzender der Evangelischen Allianz in der DDR. Er wurde 1991 zum 1. Vorsitzenden der wieder vereinigten Deutschen Evangelischen Allianz gewählt.

Schweizer Nationalrat lobt „Ossis“

1. Ich war an jenem Abend zu Hause und erhielt die Informationen durch das Fernsehen. Der Mauerfall war für mich ein bewegendes Ereignis. 2. Durch meine Tätigkeit im Blauen Kreuz hatte ich intensiven Kontakt mit Christen in der damaligen DDR. Es bestand durch den gemeinsamen Glauben eine tiefe Verbundenheit. Deshalb pflegte ich Freundschaften mit Christen im Osten Deutschlands. 3. Im Westen und Osten Deutschlands wie auch in der Schweiz erlebte ich viele Menschen, die bewußt zum Glauben an Jesus Christus fanden. Ich war in den letzten Jahren dreimal bei der Konferenz der Deutschen Evangelischen Allianz in Bad Blankenburg. Dies waren erfüllte Tage. Ich würde es begrüßen, wenn mehr Menschen aus dem Westen daran teilnähmen, weil sie damit in persönlichen Kontakt mit Christen aus den neuen Bundesländern kämen. 4. In der Schweiz wie auch im Osten und Westen Deutschlands gibt es immer mehr Menschen, die in keiner Beziehung mehr zum christlichen Glauben stehen. Dies ist für mich eine der wesentliche Herausforderungen an die Kirchen.
Heiner Studer, Nationalrat (Evangelische Volkspartei), Wettingen (Schweiz)

Der Pastor, der Honecker aufnahm: Eine große Gottesstunde

1. Am 9. November war ich (dank Ausreisegenehmigung) in Recklinghausen und habe meine Mutter zu Grabe getragen. Als wir am Nachmittag einige Lieder gesungen hatten, machte jemand den Fernseher an. Wir kamen nicht mehr davon los. Endlich war die Trennung unseres Landes und unserer Familie vorbei! Wir schämten uns unserer Tränen nicht. 2. Ich habe die Mauer immer als eine Last gesehen, die Gott über unser Volk verhängt hat wegen der Verbrechen im Dritten Reich. Jetzt, nach genau 40 Jahren, spürten wir: Wir sind Zeugen einer großen Gottesstunde in unserem Volk. 3. Christen in Ost und West fanden relativ leicht zusammen, da vorher schon lebendige Beziehungen, auch über die Mauer hinweg, bestanden. Wir erfuhren viel Hilfe, Kirchengebäude kamen in Ordnung. 4. Das „Nun danket alle Gott“ war viel zu schwach in Kirche und Volk. Unser Volk (besonders im Osten) hat sich daran gewöhnt, ohne Kirche zu leben. Im Blick auf die Ewigkeit herrscht Resignation. Und die Kirche hat sich daran gewöhnt, Jesu Missionsauftrag zu verdrängen. Ich höre in Predigten viele Ratschläge für dieses Leben, aber wenig, was mir die Vergebung der Sünden und das ewige Leben lieb macht.
Pastor Uwe Holmer (Falkenberg) war bis 1991 Leiter der Diakonischen Anstalten Lobetal bei Berlin, Obwohl er und seine Familie (zehn Kinder) viele Diskriminierungen zur SED-Zeit erlitten hatten, nahm er Anfang 1990 den krebskranken Ex-Staatschef Erich Honecker neun Wochen in sein Pfarrhaus auf. Von der SED/PDS hatte sich niemand dazu bereit erklärt. Der damalige Vorsitzende der Deutschen Evangelistenkonferenz der DDR war auch Mitglied des Hauptvorstandes der Deutschen Evangelischen Allianz