25.03.2004
Evangelische Allianzen vor Ort in der missionarischen Offensive
Wie Christen „Die Passion Christi“ für missionarische Gespräche nutzen
Karsten Huhn, Redakteur des Nachrichtendienstes idea, hat sich umgehört, wie örtliche Evangelische Allianzen und viele andere Christen und Gemeinden den umstrittenen Film "Die Passion Christi" missionarisch nutzen. Wir übernehmen gerne seinen Bericht aus idea.
"Christen der Evangelischen Allianz in Augsburg sind seit dem ersten Abend dabei. Ein Team von drei bis vier Leuten steht bereit, um mit Kinobesuchern ein Gespräch über den Film zu führen. Allerdings ist dies kein offizielles Angebot der Evangelischen Allianz. Denn einige Pfarrer haben Vorbehalte gegen den Film und lehnten deshalb ein Engagement ab. „Viele Christen haben vor diesem Film große Angst“, sagt Frank Uphoff, Pastor der Freien Christengemeinde Arche in Augsburg. „Dabei ist er bis auf wenige Details sehr bibelnah und überzeugend. Ich denke, dass die Kreuzigung sogar noch grausamer war, als sie im Film dargestellt werden kann.“
Den geplanten gemeinsamen Gottesdienst zum Film wird es in Augsburg nicht geben. Dafür veranstalten sechs freikirchliche Augsburger Gemeinden jeweils in ihrem Gemeindehaus einen Gottesdienst zum Thema „Der Mann hinter dem Film“ sowie einen Gesprächsabend. In Kleingruppen werden dann die Fragen der Teilnehmer beantwortet. Die Freie evangelische Gemeinde Augsburg-Mitte startet sogar einen Glaubensgrundkurs zum Film. Die Abende orientieren sich am Buch „Die Passion Christi verstehen“ von Pastor Lee Strobel und Gary Poole, dem Leiter der Willow-Creek-Kleingruppenarbeit.
750.000 Traktate zum Film
Unterstützung finden die Gemeinden auch bei christlichen Verlagen und Missionswerken. Das deutsche Büro der Internationalen Bibelgesellschaft druckte eine 16-seitige Einladungsbroschüre, die über die Hintergründe des Films sowie den Sinn von Jesu Leidenszeit berichtet. Die Stiftung Marburger Medien brachte ein Verteilblatt zum Film heraus, in dem der Evangelist Theo Lehmann den Sinn des Todes Jesu erklärt: „Am Kreuz hat Jesus wie ein Blitzableiter die Strafe auf sich gezogen, die eigentlich uns als die Schuldigen hätte treffen müssen. Wer sich unter das Kreuz von Jesus stellt, ist vor dem Strafgericht Gottes sicher ... Die Zukunft der Welt liegt nicht in der Hand von Menschen, die sich an die Stelle Gottes setzen. Sie liegt in der Hand Gottes, der sich an die Stelle des Menschen gesetzt hat.“ Die ersten drei Auflagen mit insgesamt 500.000 Exemplaren sind bereits verteilt, in der vierten Auflage wurden nochmals 250.000 Traktate gedruckt.
Hamburg: Zwei Kinos gemietet
In Hamburg mieteten mehrere landes- und freikirchliche Gemeinden ein Kino mit etwa 1.000 Plätzen (Kosten: etwa 3.000 Euro). Die Vorführung war innerhalb von wenigen Stunden ausverkauft. „Wir wollten daraus aber kein frommes Ereignis machen“, sagt Stefan Piechottka, Pastor der Evangelischen Stadtmission Hamburg-Bramfeld. Die Gemeindemitglieder wurden aufgefordert, ihre Freunde und Arbeitskollegen einzuladen und mit ihnen über den Film zu sprechen. Zudem laden die Mitglieder der Stadtmission zu einer am Karfreitag beginnenden fünfteiligen Predigtreihe zum Thema „Wer war Jesus?“ ein. „Der Film löst sehr viel Betroffenheit aus“, sagt Piechottka. „Ein Kinobesucher geht entweder mit großen Aggressionen oder mit vielen Fragen nach Hause. Diese Fragen wollen wir gerne beantworten.“
„Der Film wurde zerredet“
Reinhard Brunner, Prediger der Landeskirchlichen Gemeinschaft in Hamburg-Harburg, baute mit Christen seiner Gemeinde im Cinemaxx Harburg einen Stand auf. Ein Plakat weist auf ihr Anliegen hin: „Evangelische Gemeinden bieten an: Gespräche, Bücher und Gottesdienste zum Film“. „Die Reaktionen waren durchweg positiv“, sagt Brunner. „Kinobesucher, die wenig Hintergrundwissen haben, wollen wissen, ob das, was der Film erzählt, wirklich in der Bibel steht. Viele sind erschüttert, dass gegen Jesus eigentlich kein Tatbestand vorlag.“
Gab es bisher Bekehrungen? „Die Hamburger sind vom christlichen Glauben weit entfernt“, sagt Brunner. „Viele haben für eine Bekehrung zu wenig Informationen. Ich selbst hatte noch kein Bekehrungsgespräch.“
Zuerst dachte Brunner, der Film sei eine Riesenchance. Inzwischen ist seine Begeisterung gedämpft: „Der Film wurde in der Öffentlichkeit so sehr zerredet, dass ich kaum damit rechne, dass er länger als bis Ostern läuft.“
Chemnitz: Luther statt Jesus
In Chemnitz verteilen die Gemeinden der Evangelischen Allianz in den Kinos Johannes-Evangelien. „Der Film ist eine geniale Chance, mehr über Jesus zu erfahren“, sagt Frank Heinrich, Kapitän der Heilsarmee, der die Verteilaktion koordiniert. Auf ein Gespräch wollen sich viele Filmbesucher allerdings nicht einlassen, die meisten ziehen es vor, schnell nach Hause zu kommen. „Viele Menschen sehen den Film ohne Vorwissen“, sagt Heinrich, „das bekommen wir in den Reaktionen zu spüren. Die Menschen sehen das Blut, aber sie verstehen die Botschaft nicht. Der Film über Martin Luther ist in Sachsen viel besser eingeschlagen. Vermutlich können sich die Menschen mit ihm besser identifizieren.“ Dennoch empfiehlt Heinrich Nichtchristen, den Film anzuschauen. Allerdings sollten sie danach unbedingt mit Christen darüber reden, um zu verstehen, was Jesus für sie getan hat. „Für Menschen, die die Bibel nicht kennen, redet der Film nicht für sich selbst.“
Essen: Mission in Deutschlands größtem Kino - Wiedereintritt in die Kirche
David Schäfer, Jugendpastor der Baptistengemeinde Essen-Altendorf, koordiniert in Essen die Einsätze. Von Freitag bis Sonntag sowie am Dienstag, dem Kinotag, bieten Christen im Kino Lichtburg, dem mit über 1.200 Plätzen größten Kino Deutschlands, den „Passions“-Filmbesuchern ein Gespräch an. Die Kinoleitung erlaubte Schäfer und seinem Team sogar, jeweils vor Beginn des Films eine kurze Ansage zu machen, in der auf das Seelsorgeangebot verwiesen wird. Der Geschäftsführerin des Kinos, Marianne Menze, gefällt der Film zwar überhaupt nicht. Aber gerade deswegen hält sie das Diskussionsangebot von Christen für sinnvoll. „Bei einem solchen Film muss man dem Publikum die Möglichkeit geben, mit Fachleuten darüber zu sprechen.“
Auch Schäfer sah den Film nicht ohne Bedenken: „Natürlich ist der Film gewalttätig, die Geißelungsszene war mir auch zu heftig. Aber andererseits war die Kreuzigung nun mal kein Kaffeekränzchen.“ Dass der Ratsvorsitzende der EKD, Wolfgang Huber, den Film so drastisch ablehnt, kann er deshalb nicht nachvollziehen. „Der Film ist ein evangelistischer Steilpass, den wir aufnehmen müssen. Tausende Menschen sind von der christlichen Botschaft berührt und sind dankbar, wenn sie jemanden haben, mit dem sie darüber sprechen können. Ich verstehe nicht, wie man diese Chance mutwillig verschenken kann.“