06.08.2004

Für Aussiedler ist der liberale Lebensstil vieler Kirchenmitglieder ungewohnt Lutherischer Bischof fordert mehr Engagement bei Integration

B a d B l a n k e n b u r g, 6. August 2004 (idea) - Zur besseren Integration von Aussiedlern bedarf es auch eines erhöhten kirchlichen Engagements. Darauf hat der Bischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche im Europäischen Rußland (ELKER), Siegfried Springer (Moskau), bei der Allianz-Konferenz im thüringischen Bad Blankenburg aufmerksam gemacht. Viele Aussiedler hätten Probleme, in deutschen Kirchengemeinden heimisch zu werden. Gottesdienste, Lieder und Theologie sowie der liberale Lebensstil vieler Kirchenmitglieder seien meist ungewohnt. Deshalb zögen sich viele Aussiedlerfamilien in Ghettos zurück, aus denen sie allein nur schwer herausfänden. Umgekehrt hätten Einheimische oft Schwierigkeiten mit der geistlichen Prägung zahlreicher Aussiedler, die häufig keine Pfarrerinnen akzeptierten und ökumenische Kontakte ablehnten. Laut Springer lebten vor 15 Jahren rund drei Millionen Rußlanddeutsche im Gebiet der ehemaligen Sowjetunion, von denen etwa 2,5 Millionen inzwischen nach Deutschland aussiedelten. Der Bischof schätzt, daß in seiner Diözese, die sich von Königsberg bis zum Ural-Gebirge erstreckt, noch etwa 250.000 Rußlanddeutschen wohnen, von den etwa zwei Drittel evangelische Wurzeln hätten. Die meisten hätten aber kein Interesse an der Kirche.

Luthertum als Alternative zur ritualisierten Orthodoxie

Trotz der Auswanderung wächst die ELKER, sagte Springer. In den vergangenen zwei Jahren sei die Gemeindezahl von 170 auf 176 mit insgesamt 20.000 bis 30.000 Mitgliedern gestiegen. Die meisten Gemeinden seien in den 1990er Jahren von Rußlanddeutschen gegründet worden, die aus Sibirien und Kasachstan in ihre früheren Siedlungsgebiete zurückkehrten. Heute bestünden die Gemeinden vor allem aus Deutschen, die aufgrund ihrer familiären Verhältnisse in Rußland bleiben wollten. Außerdem kämen immer mehr Russen, die im Protestantismus eine Alternative zur stark ritualisierten Orthodoxie sähen. Die lutherische Überzeugung, daß zum Christsein eine persönliche Beschäftigung mit der Bibel gehöre, spreche besonders Intellektuelle an, die eine eigenständige Auseinandersetzung mit dem christlichen Glauben wünschten. Die meisten Veranstaltungen fänden heute in Russisch statt. Nur in den Großstädten wie Moskau, St. Petersburg und Saratow (Wolga) sowie in Ostpreußen gebe es noch Gottesdienste auf deutsch und russisch.

Evang. Nachrichtenagentur idea
Klaus-Peter Grasse