07.08.2019

Wo allein die Bibel zählt

idea-Redaktionsleiterin Daniela Städter war auf der diesjährigen 124. Konferenz (31. Juli bis 4. August) in dem 6.400-Einwohner-Städtchen Bad Blankenburg dabei.

Bad Blankenburg in Thüringen

(idea) Die „Hauptstadt“ der Deutschen Evangelischen Allianz befindet sich im thüringischen Bad Blankenburg. Seit 1886 gibt es dort ein Evangelisches Allianzhaus und auch die traditionsreiche Allianzkonferenz. Aber reicht Tradition, um Konferenz und Allianzhaus der evangelikalen Bewegung zukunftssicher zu machen? 
Der Theologe Werner Beyer aus Bad Blankenburg ist der Herr der Bücher. Niemand kennt die Geschichte der Allianz-Bewegung so gut wie er. Er erzählte in einem Seminar auf der diesjährigen Allianzkonferenz beeindruckende Geschichten aus der DDR-Zeit, als noch über 5.000 Christen zur Konferenz kamen. Jeder, der schon mal in dem beschaulichen Örtchen Bad Blankenburg war, der kann ahnen, dass das eine riesige Herausforderung gewesen sein muss: Massenquartiere; Matratzenlager; überfüllte Zeltplätze; Hunderte, die nicht in die 1906 fertiggestellte Konferenzhalle mit ihren 1.700 Sitzplätzen passten.

Keine gesamtdeutsche Konferenz

Auch wenn die Friedliche Revolution mittlerweile 30 Jahre zurückliegt: Zu einer gesamtdeutschen Konferenz ist das Allianztreffen bis heute nicht geworden. Die meisten Teilnehmer reisten aus Sachsen und Thüringen an. Im Vergleich zu den beiden Vorjahren kamen mit 1.900 Besuchern aber wieder rund 200 Gäste mehr.

Früher vor allem ein Jugendtreffen …

Viele Teilnehmer sind mit der Konferenz älter geworden und kennen die kommunistische Vergangenheit noch aus eigener Erfahrung. Denn zu DDR-Zeiten kamen vor allem junge Leute: 1989 stellte die Stasi fest, dass 82 Prozent der Teilnehmer jünger als 25 waren. Doch auch unter den Jüngeren gewinnt die Konferenz jetzt wieder Anhänger: Nicht zu übersehen waren die vielen jungen Familien auf dem Allianzgelände, rund um die Stadthalle – die neben der Konferenzhalle zu den Hauptveranstaltungsorten zählt – und vor dem Bus des Missionswerkes „Barmer Zeltmission“ sowie bei den Sportangeboten von SRS („Sportler ruft Sportler“) auf dem Marktplatz. Manche von ihnen erzählten, dass sie als Kinder selbst dabei waren und nun wollen, dass auch ihre Kinder mit dieser Allianzkonferenz aufwachsen.

… heute vier Konferenzen in einer

Eigentlich ist es doch mittlerweile viel mehr als „nur“ eine Konferenz, schwärmt Schwester Christa Weik, die für den Info-Stand des Diakonissenmutterhauses Aidlingen verantwortlich war. Denn neben den Erwachsenen hatten die Kinder ebenso ihr eigenes Programm wie die „Teenies“ und die Jugendlichen. Je nach Tageszeit kamen bis zu 60 Kinder zum vom „kids-team“ (ein Arbeitsbereich des Hilfs- und Missionswerks DMG interpersonal) unter der Leitung von Knut Ahlborn verantworteten Kinderprogramm für Schulkinder. Die zehn Mitarbeiter und die Kinder waren mit Begeisterung dabei: Da wurde miteinander gespielt, gesungen, getobt und gemeinsam in der Bibel gestöbert. Bei den Jugendlichen waren der Missionsleiter von Campus für Christus Österreich, Schweiz und Deutschland, Andreas Boppart, sowie die Bands Naemi und Good Weather Forecast aus München angesagt.

Was geblieben ist

Aber das Wichtigste, was die Konferenz der Erwachsenen ausmacht: Sie ist bis heute eine Bibel-, Glaubens- und Gebetskonferenz. Der gesamte Hebräerbrief wurde unter dem Oberthema „Hoch und Heilig“ an diesen fünf Tagen durchgenommen. Die Bandbreite der Bibelausleger reicht vom lutherischen Pfarrer aus Polen über einen messianischen Juden und einen landeskirchlichen Bischof bis hin zur Vorsitzenden des Allianz-Arbeitskreises Frauen, dem Präses des Bundes Freier evangelischer Gemeinden und einem Gemeinschaftspastor. Mal ist der Grundtenor nachdenklich, mal berührend, mal unterhaltsam. Der eine liefert eine beindruckende Exegese, der andere hat schwere Krankheiten erlebt und kann dadurch noch einmal ganz anders über Glaubenszweifel, Dankbarkeit und Gottvertrauen berichten. Von den Bibelarbeiten lenkt so gut wie nichts ab. Nicht viel Drumherum, keine Show, keine Lichteffekte – sondern eine alte Konferenzhalle, in der auf der einen Seite der Vers „Auf dass sie alles eins seien, damit die Welt glaube“ (Johannes 17,21) und auf der anderen Seite „Bemüht euch, Einheit zu bewahren, die der Geist Gottes schenkt“ (Epheser 4,3) steht. Lehrreich, ermutigend, nachdenkenswert: In den anschließenden Gesprächen unter den Teilnehmer fallen viele positive Adjektive, um das Gehörte zu beschreiben.

„Reich-Gottes-Perspektive“

Der neue Allianzgeneralsekretär Reinhardt Schink will diesen Kurs beibehalten. Es gehe nicht um eine „Marketing-Hochglanz-Veranstaltung“, sagt er. Mittlerweile gebe es im Vergleich zu den DDR-Zeiten viele andere hochwertige Freizeitprogramme und Tagungen. Die aktuellen Teilnehmerzahlen seien darum ein sehr gutes Ergebnis: „Ich habe da eine Reich-Gottes-Perspektive und keinen Marktansatz.“

Die Allianzkonferenz und auch das Allianzhaus sind für Schink gesetzt. Er hat sich ausführlich mit der Geschichte der Allianz in Bad Blankenburg beschäftigt: „Hier ist Segensgeschichte geschrieben worden. Das gibt man nicht leichtfertig auf.“

Doch Finanzieren muss sich das Ganze natürlich. Die Allianz lebt von Spenden, das Allianzhaus in Bad Blankenburg ist selbstverständlich auch ein Kostenfaktor. Da gilt es für die Allianz, die richtigen Weichen zu stellen. Die Glaubensbasis der Allianz ist als Grundlage gesetzt.

Ein Ost-West-Tandem

Neue Konzepte für das Evangelische Allianzhaus will dessen neue Leiterin, Gabriele Fischer, einbringen und umsetzen. Sie steht vor der Aufgabe, die Zimmerauslastung künftig zu steigern. Diese liegt derzeit bei 41 Prozent. Die 53-jährige vierfache Mutter stammt aus Luckenwalde in Brandenburg. Auch wenn sie die vergangenen 30 Jahre im niedersächsischen Celle gelebt hat, dürfte das eine gute Ergänzung zu dem aus dem Westen stammenden Generalsekretär Schink sein. Ideen hat sie viele für das Haus mit seinen 58 Zimmern und 100 Betten, die auf fünf Gästehäuser verteilt sind, sowie für die fünf Tagungsräume: „Wir haben noch viel Potenzial.“ Sie will künftig neue Veranstaltungen anbieten, etwa zu den Themen „Gesundheit“ oder „Trauer und Verlust“, sowie Unternehmen stärker ansprechen. Eines der Häuser – „Haus Friede“ soll im nächsten Jahr generalsaniert werden.

Was wird von der Konferenz bleiben?

Was wird von der Konferenz nun bleiben? Für die Teilnehmer sicherlich viele neue Einblicke in den Hebräerbrief. Welche Signale sendete die Allianz nach außen? Dass Evangelikale fröhliche Christen sind, die sich gerne gesellschaftlich engagieren und für andere einsetzen, etwa für von Abschiebung bedrohte Christen. Der Präses des Bundes Freier evangelischer Gemeinden (FeG), Ansgar Hörsting (Witten), brachte es auf diese Formel: „Wir freuen uns auf das Jenseits, aber das Diesseits prägen wir mit.“ Gab es Aufreger-Themen? Der Bischof im Sprengel Mecklenburg und Pommern der Nordkirche, Hans-Jürgen Abromeit (Greifswald), hielt erst eine christuszentrierte Predigt, für die viele sich dankbar äußerten.

Was auf Widerspruch stieß

Doch dann stieß er in einem Seminar mit seinen Aussagen zum Israel-Palästina-Konflikt auf starken Widerspruch der zahlreichen Israelfreunde unter den Seminarteilnehmern. Das spricht für die Allianz, dass sie diese Kontroverse ermöglicht hat und nicht nur Leute zu Wort kommen lässt, die die Meinung des Großteils der Besucher widerspiegeln. Wie steht es vor dem Hintergrund der im Osten anstehenden Landtagswahlen um den Umgang mit der AfD? Das war im offiziellen Programm kein Thema, tauchte aber kurz in der Pressekonferenz als Frage auf. Das neu zusammengestellte Allianz-Führungsteam wird sich positionieren müssen. Explizite Abgrenzung oder grundsätzlich keine parteipolitischen Aussagen? Fragen dazu werden sie im Vorfeld der Wahl in jedem Fall gestellt bekommen. Das Fazit? Fünf bewegende Tage gingen viel zu schnell vorbei. Die nächste Konferenz kann kommen! Schon einmal zum Vormerken: Sie findet vom 29. Juli bis zum 2. August 2020 statt – selbstverständlich in Bad Blankenburg.