02.10.2017

Zum Tag der Deutschen Einheit

„Das gelobte Land“ von Uwe Heimowski

Uwe Heimowski, Foto: Privat

Meine Mutter ist in Litauen geboren. Als Deutsche musste sie 1945 vor den Russen flüchten. Sie war noch keine neun Jahre alt. Spärlich bekleidet begann der Fußmarsch durch den Winter. Um sich aufzuwärmen, halfen einzig Kuhfladen auf den Weiden entlang der Straßen, in die sie bei jeder Gelegenheit ihre Füße steckte. Als sie Polen erreichten, kamen die Flüchtlinge in ein Lager. Die Familien wurden getrennt, die Mutter meiner Mutter blieb jahrelang verschollen. Weiter ging die Reise ins thüringische Rauschengesäß, wo sie vorerst endete. Der Opa, meine Mutter und zwei Brüder fanden eine neue Heimat. Die Zeiten waren hart, Wohnraum knapp, aber sie alle wurden herzlich aufgenommen. Die Männer arbeiteten im Schieferbergbau. Schwere Arbeit – aber die erste Gelegenheit, eigenes Geld zu verdienen und die Familie zu versorgen. Nach einigen Jahren musste die Familie nach Niedersachsen umsiedeln, wie es der Schlüssel für Flüchtlinge vorsah. Schweren Herzens verließen sie die freundlichen Nachbarn. Man hielt Kontakt, doch nach dem Bau der Mauer im August 1961 brach er ab. Für meine Mutter blieb Thüringen aber immer „das gelobte Land“. Nur dass es in weiter Ferne lag.

Und dann kam der November 1989. Kerzen und Gebete. Die Mauer fiel. Und ich zog mit meiner Frau und Familie ins thüringische Gera. Meine Mutter ist vor einigen Jahren gestorben. Doch sie hat es noch miterlebt: Drei ihrer Enkel sind hier in Thüringen geboren. Sie können sich kaum vorstellen, was ihr das bedeutet hat. Und für mich wird der Tag der Deutschen Einheit, den wir am 3. Oktober feiern, immer ein Festtag bleiben. Ein Tag zum Staunen. Ich danke Gott von Herzen dafür.

(Der Autor, Uwe Heimowski (Berlin), ist Beauftragter der Deutschen Evangelischen Allianz am Sitz des Deutschen Bundestages und der Bundesregierung.)