05.08.2014

Wie das Fernsehen mit Evangelikalen umgeht

Die ARD stellt die Frommen unter Generalverdacht. Das sollten sich die Gebührenzahler nicht bieten lassen, meint idea-Redaktionsleiter Wolfgang Polzer.

Die ARD hat sich mit ihrem Fernsehfilm „Mission unter falscher Flagge - Radikale Christen in Deutschland“ (4. August, 22.40 Uhr) ein journalistisches Armutszeugnis ausgestellt. Das 45-minütige Werk von Mareike Fuchs und Sinje Stadtlich verdient die Bezeichnung „Dokumentation” nicht. Vielmehr erwecken die Autorinnen den Eindruck, dass sie sich von ihrer Arbeitsthese „Evangelikale sind gefährlich” auch durch ihre Recherche nicht abbringen lassen wollten.

Aussteiger auch im Schützenverein

Die NDR-Sendung sahen knapp 1,5 Millionen Zuschauer. Obwohl in der Ankündigung von einem „breiten Spektrum verschiedenster Glaubensgemeinden” unter den rund 1,3 Millionen Evangelikalen aus deutschen Landes-und Freikirchen die Rede war, beschränkte sich der Film auf wenige charismatische und pfingstkirchliche Organisationen am Rand der evangelikalen Bewegung. Als Kronzeugen dienten vor allem einzelne anonym zitierte Aussteiger. Aussagekräftig für einen breiten geistlichen Machtmissbrauch kann das wahrlich nicht sein. Unzufriedene Aussteiger kennen auch viele Schützenvereine, Freiwillige Feuerwehren oder politische Parteien. Und seit wann sollte es gefährlich sein, an „die Unfehlbarkeit der Bibel, an Jesus Christus als Gottes Sohn und manchmal auch an Wunderheilungen” zu glauben, wie es in der Ankündigung der Sendung hieß? Mission ist in unserem Land nicht verboten. Zumal viele andere Organisationen, Menschen für ihre Sache zu gewinnen suchen – etwa Parteien im Wahlkampf. Niemand käme auf die Idee, das als gefährlich zu deklarieren.

Ist Mission verboten?

Zudem enthielt die Sendung offensichtliche Widersprüche. So zeigte der Film Scharen fröhlicher junger Christen in den angeprangerten charismatischen und pfingstkirchlichen Gemeinden, die begeistert vom Glauben an Jesus sprachen und friedlich für ihn warben – und das sollen gefährliche „Fundamentalisten” sein? Einem Missionswerk, das in Berlin unter benachteiligten Kindern arbeitet, wurde vorgeworfen, Mission zu betreiben. Ein Stadtrat beklagte, dass er gegen die Organisation nicht vorgehen könne, weil sie kein Sozialwerk sei. Aber dann ist doch der Vorwurf hinfällig, das Werk betreibe Mission unter einem Deckmantel. Auch den Griff in die Konservendose scheuten die Autorinnen nicht. Sie wärmten einen Bericht des TV-Magazins „Panorama” vom Mai auf. Darin berichtete der nach eigenen Angaben homosexuelle Journalist Christian Deker (Hamburg), wie er sich in einer Pfingstgemeinde als Hilfesuchender ausgegeben habe und ihn ein Arzt später angeblich von seinem Schwulsein heilen wollte.

Wo bleibt der Protest?

Der Vorsitzende der Deutschen Evangelischen Allianz, Pfarrer Michael Diener (Kassel), hat Recht: Hier wurden die Evangelikalen unter Generalverdacht gestellt. Die Allermeisten sind über jeden Verdacht erhaben, extreme Glaubenspraktiken oder geistlichen Missbrauch auszuüben. Vielmehr bilden sie die engagierte Basis auch der etablierten Kirchengemeinden. Jedenfalls ist ein solcher Fernsehbeitrag, der sich auf Extreme beschränkt, einer Anstalt wie der ARD nicht angemessen. Die Gebührenzahler sollten ihn nicht widerspruchslos hinnehmen. Der Allianzvorsitzende: „Wir erwarten von Fernsehbeiträgen gerade öffentlich-rechtlicher Sender, dass sie sich um ein differenziertes Bild auch der Evangelikalen bemühen und nicht einseitig nur auf teils durchaus negativ zu betrachtende Erscheinungen hinweisen.“