14.02.2017

Unternehmen die Kirchen zu wenig gegen Abtreibung?

Der Fall des Dannenberger Gynäkologen Thomas Börner hat eine neue Diskussion um das Thema Abtreibung angestoßen. Während der Arzt seine Ablehnung von Abtreibungen mit seinem christlichen Glauben begründet, bleiben die Stellungnahmen der Kirchen und der Diakonie zurückhaltend.

Hartmut Steeb (Stuttgart), ist Vorsitzender des Treffens Christlicher Lebensrecht-­Gruppen (TCLG) sowie Generalsekretär der Deutschen Evangelischen Allianz.) Foto: idea

idea beleuchtet Pro und Kontra 

PRO Die Tagesschau hat 2016 berichtet, dass es weltweit jährlich 56 Millionen Abtreibungen gibt. Das sind täglich 153.500. Man muss sich diese Zahl vor Augen führen, um das Ausmaß zu erkennen. In Deutschland sind es angeblich „nur“ etwa 100.000 jährlich. Das bedeutet täglich 274. Was hätten wir für einen Aufschrei, wenn bei Unglücksfällen täglich 274 Menschen ums Leben kämen? Was würden Bischöfe und Diakonieleiter sagen?

Einlassungen, es gäbe doch Beratungsstellen, man müsse den Menschen die Freiheit zur Entscheidung lassen – und wie sie sonst alle lauten mögen –, würden von der öffentlichen Meinung und den Medien zu Recht weggeblasen. Die Bundesregierung würde einen Krisenstab einrichten. Vertreter der Kirchen würden zu solchem Geschehen gewiss nicht schweigen. Zu Recht! Die Katastrophe ist da. Es wird Zeit, dass Kirchen, Diakonie und Caritas die Frage des Schutzes ungeborener Kinder oben auf die Tagesordnung setzen und nicht eher ruhen, bis es brauchbare Lösungen gibt, die zu einer kräftigen Eindämmung führen. Sich mit einer Todesrate von jährlich 100.000 abzufinden und sich selbst zu beruhigen mit der Behauptung, man tue doch schon alles, was möglich ist, wird der Sachlage nicht gerecht. Dass ein Chefarzt in einem Krankenhaus den Hut nehmen muss, weil er die Verfassungslage wichtiger nimmt als die öffentliche Meinung und dem unbedingten Schutz des Lebens höheren Rang einräumt als seiner persönlichen Anerkennung, ist ein Skandal, zu dem die Kirchen nicht länger schweigen dürfen. Und den Worten müssen Taten folgen, wie dem wirklich Einhalt zu gebieten ist. Konkrete Vorschläge liegen längst auf dem Tisch.

(Der Autor, Hartmut Steeb (Stuttgart), ist Vorsitzender des Treffens Christlicher Lebensrecht-­Gruppen (TCLG) sowie Generalsekretär der Deutschen Evangelischen Allianz.)

KONTRA Die Evangelischen Kirchen und die Diakonie engagieren sich sehr intensiv, um Frauen in Konfliktsituationen zu helfen und Schwangerschaftsabbrüchen etwas entgegenzusetzen. Sie bieten Hilfe, Unterstützung und psychosoziale Beratung an. Die Schwangerschaftskonfliktberatung ist ein erprobter, guter Weg, um das ungeborene Leben bestmöglich zu schützen. Sie ist Kernstück der rechtlichen Grundlage, die Schwangerschaftsabbrüche in Deutschland unter strengen Regeln straffrei stellt.

Frauen und Männer tragen gemeinsam Verantwortung für Partnerschaft, Sexualität und Familienplanung. Bei einer ungeplanten Schwangerschaft bietet Beratung Raum zum Nachdenken. Hier können Eltern ihre oft zermürbende Zerrissenheit aussprechen und lösungsorientierte Gedanken zulassen. Solche Beratung muss immer ergebnisoffen geführt werden und ist Kernauftrag diakonischen Handelns.

Die Frau und das werdende Kind sind nicht unabhängig voneinander zu betrachten. Die Achtung der Würde des Menschen umfasst für uns den Respekt vor der Gewissensentscheidung der Frau bzw. des Paares. Es gibt im Falle eines Schwangerschaftskonfliktes keine einfachen Lösungen, immer ist die Schutzbedürftigkeit des ungeborenen Lebens und die der Frau gleichermaßen zu berücksichtigen. Wir sehen uns in der Verantwortung, Rahmenbedingungen für Paare und alleinerziehende Frauen zu schaffen, um ein Leben mit Kind zu ermöglichen. Die Kirchen und die Diakonie arbeiten intensiv für eine familienfreundliche Gesellschaft z. B. zur besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

Kein Arzt darf gezwungen werden, einen Schwangerschaftsabbruch vorzunehmen. Ein Chefarzt der Gynäkologie kann für sich die Durchführung ablehnen, aber er kann nicht für seine Abteilung sprechen.

(Die Autorin, Maria Loheide (Berlin), ist Sozialpolitischer Vorstand der Diakonie Deutschland.)

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