20.09.2011

Türkei: Ein Pastor mit Leibwächter

Der türkische Präsident Abdullah Gül ist bis zum 21. September auf Staatsbesuch in Deutschland, wo ca. 3 Millionen Türken ihren muslimischen Glauben ungehindert leben können. Das können die Christen in der Türkei nicht. Häufig sind sie in Gefahr – wie Ertan Cevik, der zum Vorstand der dortigen Evangelischen Allianz gehört. Ein Porträt von Matthias Pankau.

Wenn Ertan Cevik in der türkischen Millionenmetropole Izmir aus dem Haus geht, ist er nie allein: Immer ist ein Leibwächter bei ihm. Denn der 45-Jährige gilt als gefährdet – weil er Christ und Pfarrer einer Gemeinde mit 26 Mitgliedern ist. Cevik wächst als Moslem auf. Er bleibt bei den Großeltern in der Türkei, als seine Eltern 1971 als Gastarbeiter nach Deutschland gingen. Erst mit 13 zieht er zu ihnen nach Baden-Württemberg. Dort drücken ihm junge Leute in der Fußgängerzone ein Traktat in die Hand: eine Einladung zum CVJM. Cevik ist neugierig – und geht hin. „Die Leute waren sehr aufgeschlossen und freundlich.“ Einer schenkt im ein Neues Testament. „Als stolzer Moslem kaufte ich sofort einen Koran und schenkte ihn diesem Jungen.“ Beide wollten ihre neuen Bücher lesen und sich danach über ihren Glauben austauschen. Auf die Frage nach Mohammed sagte Cevik im Gespräch damals: „Er war stark, gesetzestreu und ein guter Kämpfer – das macht mich stolz.“ Sein Gegenüber antwortete: „Jesus war ganz anders“ – und las ihm Jesu Gespräch mit der Ehebrecherin aus Johannes 4 vor. „Das hat mich nachdenklich gemacht.“ Einige Wochen später wird der junge Türke Christ.

„Lauf weg, sonst passiert etwas!“

Heimlich besucht er Gottesdienste. Als sein Vater dahinterkommt, wirft er dem Sohn vor, die Familientradition zu verraten – und gibt ihm sogar mehr Taschengeld für die Diskothek. Aber Ertan geht lieber in die Nachmittagsbibelstunde des Diakonissenmutterhauses Aidlingen (bei Stuttgart), wo er geistlichen Halt gefunden hat. Kurz nach dem 18. Geburtstag tritt er seinem Vater gegenüber mit dem Koran in der einen und der Bibel in der anderen Hand – und den Worten „Ich habe mich für die Bibel entschieden“. „Mein Vater bekam einen Wutanfall und rannte in die Küche, um ein Messer zu holen“, erinnert sich der Sohn. Seine Mutter schrie nur: „Lauf weg, sonst passiert etwas!“

Sein Name stand auf der Todesliste

Der junge Mann muss Hals über Kopf sein Zuhause verlassen und kommt bei einem Lehrerehepaar unter. Nach Abschluss seiner Lehre als Maler und Lackierer besucht er ein halbes Jahr lang eine Bibelschule der Fackelträger, studiert an der Bibelschule Wiedenest und heiratet eine deutsche Frau. 1989 gehen die beiden für eine Organisation zur Verbreitung christlicher Literatur in die Türkei. Viele Jahre versorgt Cevik von dort auch die Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion mit christlicher Literatur. In der Türkei ist er an der Gründung zahlreicher Hausgemeinden beteiligt. Als in Malatya 2007 drei Christen ermordet werden, verhaftet die Polizei auch in Izmir eine Gruppe extremistischer Islamisten. Bei ihnen finden sie eine Todesliste – auf der auch Ertan Ceviks Name steht. Der türkische Staat stellt dem Pastor daraufhin einen Leibwächter, der ihn täglich begleitet – auch zu den Gottesdiensten, obwohl er ein Moslem ist. Sein Vater hingegen besucht die Gottesdienste seines Sohnes bis heute nicht, auch wenn die beiden sich wieder versöhnt haben.

Hat Cevik jemals daran gedacht, angesichts der Gefahr nach Deutschland zurückzukehren? „Nein. Ein guter Hirte verlässt seine Herde auch dann nicht, wenn es brenzlig wird. Mein Platz ist hier“, antwortet er ohne Zögern.