11.04.2009

„Tabor“ steht für „Theologie mit Leidenschaft“

100 Jahre Studien- und Lebensgemeinschaft in Marburg

M a r b u r g (idea) – Vertreter aus Politik, Kirche und evangelikaler Bewegung haben die Stiftung Studien- und Lebensgemeinschaft Tabor in Marburg gewürdigt. Diese Gemeinschaft mit über 1.065 Mitgliedern verbinde in vorbildlicher Weise theologische Ausbildung, Mission und Diakonie, hieß es am 9. April bei einem Empfang zum hundertjährigen Bestehen. Die im innerkirchlichen Pietismus beheimatete Stiftung ist Trägerin der Evangelischen Hochschule Tabor (früher Brüderhaus Tabor) und verschiedener diakonischer Einrichtungen, darunter eines Alten- und Pflegeheims. Der Wissenschaftsrat hatte das Theologische Seminar im Januar akkreditiert. Der Staatssekretär im Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst, Gerd Krämer (CDU), sagte in einem Grußwort, Tabor zeichne sich durch Festigkeit in der christlichen Grundorientierung aus. Zugleich sei die Gemeinschaft flexibel, sich den Anforderungen einer sich wandelnden Welt zu stellen. Die von der Stiftung geleistete Arbeit, die Hilfe, Verkündigung sowie Lehre und Forschung umfasse, sei unverzichtbar: „Wir brauchen Institutionen wie die Ihre.“

OB: Tabor tut Marburg gut

Oberbürgermeister Egon Vaupel (SPD) begrüßte, dass Tabor vielfältig in die Stadt hineinwirkt: „Das tut dem Gemeinwesen gut und wirkt sich positiv aus auf die Hochschulstadt.“ Die Gratulation der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck überbrachte Oberlandeskirchenrat Wilhelm Richebächer (Kassel), der nach eigenen Angaben 40 Jahre mit Tabor verbunden ist. Als Kind habe er eine Jungschar besucht, die von Tabor-Brüdern geleitet wurde. Er sei sehr dankbar, dass er „einen guten Schuss Pietismus“ mitbekommen habe. Richebächer dankte der Studien- und Lebensgemeinschaft für die Unterstützung in dem Anliegen, Kirchenmitglieder geistlich zu stärken. Er äußerte ferner die Hoffnung, dass sich das Gespräch zwischen theologischen Fakultäten und der Hochschule Tabor vertiefe. In der evangelischen Tradition kämen „das fromme Herz und der fragende Verstand zusammen“.

Für Mut zur Innovation

Der Generalsekretär der Deutschen Evangelischen Allianz, Hartmut Steeb (Stuttgart), lobte, dass die Geschichte Tabors stets mit der Absage an Selbstgenügsamkeit verbunden gewesen sei. Vielmehr habe die Gemeinschaft gefragt: „Wo sind die Nöte? Was braucht die Welt?“ Auch heute benötige man angesichts großer Unsicherheit Christen, die Mut zur Innovation und zum Anpacken hätten. Der Präses der pietistischen Dachorganisation Evangelischer Gnadauer Gemeinschaftsverband, Pfarrer Christoph Morgner (Kassel), sagte, Tabor habe einen festen und geachteten Platz in der Riege pietistischer Ausbildungsstätten. Die Qualität der theologischen Arbeit werde allgemein geschätzt.

Kaderschmiede für hoch qualifizierte Prediger

Der Präses des Bundes evangelischer Gemeinschaften, Inspektor Rainer Keupp (Wolfsburg), nannte die Evangelische Hochschule Tabor eine Kaderschmiede für engagierte und hoch qualifizierte Prediger. Sie sei nicht nur eine Ausbildungsstätte, sondern auch eine Brutstätte für kreative Ideen und Konzepte sowie eine Raststätte zu Reflektion und persönlicher Einkehr. Der Bund evangelischer Gemeinschaften umfasst zehn Verbände und Stiftungen, die auch zu „Gnadau“ gehören.

Für was Tabor steht

Der Tabor-Vorstandsvorsitzende Harry Wollmann sagte, die Studien- und Lebensgemeinschaft stehe für eine „Theologie mit Leidenschaft um Gottes Willen und um der Menschen willen“. Sie verändere das Denken: „Wer Gottes Gedanken denkt, handelt nach neuen Maßstäben“. Tabor wolle außerdem in der Gemeinde das Vertrauen in die Bibel stärken und junge Menschen befähigen, die christliche Botschaft weiterzusagen. Die Tagungsstätte der Gemeinschaft sei auch ein Ort der Besinnung: „Tabor ist kein Kloster und hat auch keinen Pilgerpfad, aber Hape Kerkelings Spruch ‚Ich bin dann mal weg’ lässt sich auch hier positiv füllen.“ Der Rektor der Hochschule, Norbert Schmidt, kündigte eine Erweiterung des Studienangebots an. Ab dem Wintersemester 2010/11 soll ein in Deutschland einmaliger interdisziplinärer Weiterbildungsstudiengang Religion und Psychotherapie angeboten werden. Dazu werde eine Dozentenstelle geschaffen.