Steeb: Kern der christlichen Botschaft nicht verwässern
Generalsekretär der Deutschen Evangelischen Allianz: Jesu Tod am Kreuz war tatsächlich ein Opfertod
Frankfurt a.M. (epd). Der Generalsekretär der Deutschen Evangelischen Allianz, Hartmut Steeb (Stuttgart), hat vor einer Verwässerung zentraler Inhalte der christlichen Botschaft gewarnt. "Wir fühlen uns oft überlegen gegenüber dem, was früher formuliert worden ist. Diese Arroganz teile ich ungern", sagte Steeb dem epd mit Blick auf Karfreitag und die Debatte um die Lehre vom Opfertod Jesu am Kreuz. Mit dem deutschen Repräsentanten der weltweiten Glaubens- und Bibelbewegung sprach Stephan Cezanne:
epd: Herr Steeb, muss man als Christ an die traditionelle Lehre vom Opfertod Jesu am Kreuz für die sündige Menschheit wörtlich glauben?
Steeb: Ich bin der festen Überzeugung, dass der Tod des Jesus Christus am Kreuz tatsächlich ein Opfertod ist. Er ist für unsere Sünden am Kreuz von Golgatha gestorben. So ist auch sein Weg im Alten und Neuen Testament zweifelsohne vorgezeichnet. So hat es Johannes der Täufer zusammengefasst "Siehe das ist Gottes Lamm, welches der Welt Sünde trägt." (Johannes 1,29).
epd: Ist das Kreuz nicht ein Symbol für Grausamkeit?
Steeb: Der Tod am Kreuz war damals ganz real eine grausame Todesart. Kreuzigung ist eine der grausamsten Todesarten, die man sich überhaupt vorstellen kann. Sie ist nicht nur ein Symbol. Ich bin davon überzeugt, dass dies tatsächlich historisch so geschehen ist. Davon kann man nichts wegnehmen.
epd: Kritiker der Sühneopfer-Lehre weisen darauf hin, dass ein Widerspruch besteht zwischen dem grausamen Geschehen am Kreuz und der Botschaft von Gottes unbedingter Liebe. Gott würde seinen Sohn nicht opfern, heißt es. Können Sie diesen Widerspruch auflösen?
Steeb: Wir wollen immer alles mit unserem kritischen Verstand verstehen. Das ist ja auch in Ordnung, dass wir das gerne wollen. Aber bei allen Argumenten, die man vortragen kann: Göttliche Wahrheiten lassen sich nicht alleine verstandesmäßig auflösen. Nur: Das ist nichts wirklich neues. Schon der Apostel Paulus hat geschrieben, dass das Wort vom Kreuz eine Torheit ist, ein Irrsinn, für jemanden, der nicht glauben kann. Das passt zwar überhaupt nicht in die Landschaft unseres heutigen Denkens. Aber Gottes unbedingte Liebe auf der einen und ein grausamer Tod auf der anderen Seite ist kein grundlegender Widerspruch. Vielmehr ist es Gottes unbedingte Liebe, dass er den Menschen um jeden Preis mit sich versöhnen möchte. Das ist im Alten Testament mit dem ganzen Passahgeschehen vorgezeichnet. Das ist auch im Neuen Testament klar bezeugt. So schreibt zum Beispiel auch Paulus an die Gemeinde in Rom über Gott: "Der auch seinen eigenen Sohn nicht verschont hat, sondern hat ihn für uns alle dahingegeben" (Römer 8,32). Und Jesus selbst machte deutlich "Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren gehe, sondern ewiges Leben habe." (Johannes 3,16). Also ist doch ganz klar: Gott hat sich selbst gegeben, dass wir gerettet werden können.
epd: Muss man traditionelle Glaubensbekenntnisse aus der frühen Christenheit heute dennoch nicht anders interpretieren?
Steeb: Ich teile die Überheblichkeit unserer Zeit nicht. Wir fühlen uns oft überlegen gegenüber dem, was früher formuliert worden ist. Diese Arroganz teile ich ungern. Ich glaube, dass zum Beispiel das Apostolische Glaubensbekenntnis ein frühes, wirklich hervorragendes Ergebnis des Nachdenkens war. Ich habe noch nichts Gescheiteres gehört, wie man die Botschaft, die Gott für uns durch die Sendung seines Sohnes gegeben hat, besser ausdrücken kann. Natürlich könnte man heute manches anderes formulieren. Aber von der Sache her ist dort der Glaube an Gott den Vater, Gott den Sohn und Gott den Heiligen Geist doch in einer kompakten Zusammenfassung und Klarheit formuliert, die man heute nicht leicht übertreffen kann.
epd: Sind das aber wirklich Antworten auf Fragen, die heutige Menschen stellen?
Steeb: Die Menschen stellen heute viele verschiedene Fragen. Und wir wollen uns bemühen ihre Fragen zu beantworten. Aber das genügt nicht. Wir müssen die Frage auch umgekehrt stellen. Es ist nicht nur die Frage, ob wir die Fragen der Menschen beantworten, sondern Gott stellt an uns Fragen, und die haben wir mit unserem Leben zu beantworten. Wir sind als Christen nicht die Antwortautomaten für alle Fragen, aber wir haben ein aktuelles Wort, das für diese Zeit wichtig ist. Wir müssen Menschen gegebenenfalls auch Fragen stellen, auf die sie von selbst vielleicht gar nicht kommen.
epd: Wäre es dennoch hilfreich, diese Inhalte in eine modernere Sprache zu packen? Es gibt ja auch neue Bibelübersetzungen.
Steeb: Ich habe nichts gegen Versuche, dies in der Sprache unserer Zeit zum Ausdruck zu bringen. Dass wir uns bemühen, den Menschen heute so entgegenzutreten und mit ihnen so zu reden, dass sie diese Dinge in der Sprache ihrer Zeit auch verstehen, ist natürlich richtig und wichtig. Nur darf man unter dem Deckmantel einer sprachlichen Verbesserung nicht eine inhaltliche Verwässerung betreiben, wie das leider in manchen Versuchen neuerer Bibelübersetzungen geschieht. So darf man an der Tatsache des Kreuzestodes von Jesus Christus, dessen wir ja in besonderer Weise an Karfreitag gedenken, nicht durch eine veränderte Sprache etwas anderes hineinlegen. Er ist für unsere Sünden gestorben. Das Kreuz ist ein Skandal für die Menschen. Das Kreuz ist letztlich für uns Menschen auch nicht in allem logisch nachzuvollziehen. Wir müssen anerkennen, dass die Wirklichkeit weithin größer ist als unsere Logik. Es bleibt ein Zeugnis des Glaubens.
epd: Wird in der Lehre vom Opfertod Jesu die Sündhaftigkeit der Menschen nicht zu stark betont? Wird damit nicht die Würde und Freiheit des Menschen verletzt? Muss nicht jeder seine Sünde und Schuld selbst tragen?
Steeb: Aber das ist der Kern des Evangeliums. Wenn jeder seine eigene Sünde und Schuld tragen müsste und es keine Stellvertretung gäbe, dann wären wir hoffnungslos verloren. Genau das ist die zentrale Frohe Botschaft des Evangeliums, dass wir uns nicht selbst erlösen müssen. Wenn wir uns selbst erlösen müssten, gäbe es überhaupt keine Erlösung. Wie will man denn alles Unrecht, das Menschen auf sich häufen, wieder gutmachen? Insofern ist es geradezu notwendig, dass wir festhalten: Doch, die Sündhaftigkeit des Menschen ist so stark und so klar, dass wir den Opfertod von Jesus brauchen, um versöhnt zu sein mit Gott und den Menschen. Damit gewinnen wir auch eine neue Perspektive für unser Leben und unsere Ewigkeit. Früher haben die Menschen gemeint, man könne Schuld damit sühnen, dass man den Menschen, der was Böses begangen hat, umbringt. Das ist die Sicht der Todesstrafe. Aber wir wissen alle, dass wir damit vielleicht den Vergeltungsdrang stillen, aber an der Schuld kann ja damit nichts weggenommen werden. Darum ist das so zentral wichtig für unseren christlichen Glauben. Das ist das Evangelium, die Frohe Botschaft, dass ich eben nicht selbst meine Sünde und Schuld tragen muss, sondern das dies ein anderer für mich trägt.
epd: Was halten sie von liberalen Interpretationen - auch von hohen kirchlichen Amtsträgern – Christen müssten die Lehre vom Sühnetod Christi nicht unbedingt vertreten?
Steeb: Ich bedauere es sehr, dass es in der Christenheit heute keine Übereinstimmung mehr gibt in den zentralen Glaubensfragen, die über Jahrhunderte hinweg Konsens waren. Wir müssen dringend wieder dahin zurückkommen. Wer meint, er könne die Botschaft des Evangeliums den Menschen dadurch schmackhafter machen, dass er Teile der biblischen Wahrheit wegnimmt, der wird sich täuschen. Dadurch wird letztlich die Kirche und die Christenheit auch irrelevant für unsere Zeit. Wir dürfen gegen den Mainstream der menschlichen Meinungen diese biblischen Botschaften vertreten und wir müssen sie vertreten, wenn wir wirklich an dem festhalten wollen, zu dem wir beauftragt sind, Gottes Heilsangebot in Jesus Christus weiter zu geben.
© 2009 epd



