18.05.2017

„Raus aus der Tabuzone"

Im Gespräch mit pro berichtet die Clearing-Beauftragte Martina Kessler, wie Hilfe im konkreten Fall abläuft.

Martina Kessler engagiert sich als Clearing-Beauftragte der Deutschen Evangelischen Allianz (DEA) gegen religiösen Missbrauch

Anfang Mai haben Fachleute auf Einladung der Deutschen Evangelischen Allianz (DEA) hin in Bad Blankenburg über die Ursachen von geistlichem Missbrauch in christlichen Gemeinden und die Hilfe für Betroffene im Rahmen einer Fachwerkstatt beraten. Die Teilnehmer konstatieren, dass religiöser Missbrauch in den Gemeinden noch immer in einer Tabuzone steckt und empfehlen dringend, das Thema an die Öffentlichkeit zu bringen.

Für die Betroffenen forderten die Fachleute nach Angaben einer Pressemeldung die Schaffung „heilsamer Strukturen". Besonderer Wert müsse auf die Prävention gelegt werden. Der Prävention von geistlichem Missbrauch müsse bereits an theologischen Ausbildungsstätten Augenmerk geschenkt werden. Über die konkrete Hilfestellung für Betroffene hinaus, soll die Fragestellung des religiösen Missbrauchs von den Clearing-Beauftragten der DEA weiter verfolgt werden. Dazu sollen konkrete Hilfen für die christlichen Gemeinden und Kirchen erarbeitet werden. pro hat mit der psychologischen Beraterin, Theologin und Autorin Martina Kessler über das leidvolle Phänomen in christlichen Gemeinden gesprochen.

pro: Frau Kessler, bitte erklären Sie zunächst, was unter geistlichem - oder religösem - Missbrauch zu verstehen ist.

Martina Kessler: Machtmissbrauch liegt dann vor, wenn eine Person von einer anderen, auch subtil, zu etwas überredet oder genötigt wird, was sie von sich aus nicht tun würde, und der Initiator davon einen Vorteil hat. Dabei wird die Grenze der Persönlichkeit überschritten, was häufig gravierende emotionale und körperliche Folgen hat. Geschieht Machtmissbrauch im christlichen Kontext, ist möglicherweise auch der Glaube betroffen. Bei geistlichem Missbrauch werden vermeintlich geistliche Themen im Namen Gottes gegen Christen benutzt. Er kann nur in einem religiösen Rahmen auftreten und verwundet das geistliche Leben der Betroffenen.

Die Clearing-Beauftragten der DEA arbeiten nun seit zwei Jahren. Wieviele Anfragen wurden in dieser Zeit bearbeitet?

Rund 20 Anfragen sind über diese Stelle gekommen. Darüber hinaus erreichten die Clearing-Beauftragten eine Reihe von Anfragen zu dem Thema, die nicht direkt über die Clearingstelle eingegangen sind.

Haben sich die Anfragen als Fälle religiösen Missbrauchs erhärtet?

In der Regel schon. Manchmal konnte auch ein Missbrauch mit dem Missbrauch beobachtet werden, aber die Fälle, in denen es um echten Missbrauch ging, überwogen. Missbrauch mit dem Missbrauch liegt dann vor, wenn eine Person einer anderen Machtmissbrauch vorwirft, um so zu verschleiern, dass sie selbst ihre Themen, Wünsche oder Vorstellungen durchdrücken will. Man schwächt den anderen, in dem man ihm vorwirft, überstark zu sein.

Wie verfahren Sie, wenn Sie eine Anfrage erreicht, die auf geistlichen Missbrauch hindeutet?

Die DEA nimmt einen eher „politischen" Auftrag wahr, also keinen seelsorgerlichen oder therapeutischen. Deshalb ist die Vorgehensweise klar umrissen. Wenn Betroffene sich melden, wird zuerst mit der Person ein Gespräch gesucht. Dabei wird ein konkreter Auftrag erfragt. Ein Auftrag kann beispielweise lauten: 'Nehmen Sie bitte mit Person XY in meinem Namen Kontakt auf und bitten Sie darum, dass wir die Situation miteinander klären können'. Wird kein Auftrag gegeben, endet der Kontakt oder geht in einen seelsorgerlichen oder therapeutischen über, der aber dann nicht mehr mit der Clearingstelle im Zusammenhang steht.

Wird ein Auftrag erteilt, wird benannt, mit wem in Kontakt zu treten ist und was dabei erreicht werden soll.Dann wird der Clearingbeauftragte mit den dann Benannten in Kontakt treten. Verläuft das Gespräch zielführend, kommt es zu einem weiteren Gespräch, um eine Klärung der Situation herbeizuführen. Das können die betroffenen Parteien alleine vornehmen, es kann aber auch zusammen mit einem Clearingbeauftragten oder einer Vertrauensperson geschehen. Dann ist der Fall für die Clearingstelle abgeschlossen.

Können Sie bitte einen konkreten Fall anonym schildern?

Eine Frau hat durch Machtmissbrauch in einem christlichen Werk fast alles verloren: Job, Wohnung, Lebensumfeld. Sie wandte sich an die Clearingstelle und bat uns, mit ihr eine Person aus der Leitung des Werkes zu suchen, die bereit sei, ihre Sicht der Geschichte anzuhören. Nachdem diese Leitungsperson gefunden war, wurde diese von der Clearingbeauftragten kontaktiert und die Bitte der leidenden Frau wurde vorgetragen. Der Wunsch der unter Machtmissbrauch leidenden Frau wurde erfüllt. Das war ein Schritt auf dem Genesungsweg der Frau. Sie war endlich angehört worden!

Wo verstecken sich Hindernisse in dem Verfahren?

Die Clearingbeauftragten kennen immer nur einen kurzen Ausschnitt einer Situation, die zuerst natürlich nur von einer Seite dargestellt wird. Dabei ist es eine Herausforderung zu verstehen, ob es sich tatsächlich um Machtmissbrauch oder einen Machtkampf handelt, bei dem es vor allem darum geht, wer gewinnt. Religiöser Missbrauch ist etwas leichter zu identifizieren, weil dieser ja an der Wortwahl zu erkennen ist. Leider sind nicht alle Gemeinden, Pastoren oder Gemeindeleitungen offen für Gespräche. Sollte das Gespräch von Seiten der Gemeinde, der Gemeindeleitung, dem Pfarrer oder Pastor verweigert werden, suchen die Clearingbeauftragten das Gespräch mit den Allianzvorsitzenden vor Ort. Die DEA kann auf Grund ihrer Struktur nicht sanktionieren. Die Allianzverbände vor Ort können es gegebenenfalls. Ob es möglich ist, hängt davon ab, wer Mitglied in der örtlichen Allianz ist.Hinderlich ist auch, wenn ein Gemeindebund meint, eine solche Situation innerhalb seines eigenen Systems klären zu müssen. Wer im System bleiben ‘muss', ist häufig blind für die eigenen Anteile. Die DEA hat mit der Clearingstelle eine Möglichkeit eingerichtet, mit der Flagge gezeigt wird und deutlich wird: Macht- und religiösen Missbrauch wollen wir nicht - wir holen das Thema aus der Tabuzone. Wir tun etwas dagegen. Dabei sind wir Clearingbeauftragte dann ganz stark auf das Wort angewiesen.

Können die Clearing-Beauftragten sagen, welche Gemeindeform besonders anfällig ist für religiösen Missbrauch?

Wir kennen Beispiele aus katholischen, evangelischen und freikirchlichen Gemeinden ebenso, wie aus christlichen Werken jeder religiöser Anbindung. Machtmissbrauch kann sowohl von „oben", das heißt von der Leitung her, als auch von „unten", etwa durch Mobbing des Leiters, stattfinden. Allerdings gibt es Leitungsstrukturen, die Machtmissbrauch von „oben" begünstigen. Da beobachten wir erschreckt die vielen autoritativen Gemeindegründungen.

Religiöser Missbrauch findet eher in Gruppierungen statt, in denen vermittelt wird, dass der Gläubige „hier den richtigen Glauben", die „Wahrheit" findet. Häufig, aber natürlich nicht immer, berichten Missbrauchsopfer in dem Zusammenhang vom Einstiegssatz: „Gott hat mit dir etwas Besonderes vor".

Wie will die DEA in Zukunft Verantwortliche in den Gemeinden, Werken und Verbänden für das Thema sensibilisieren?

Wir hatten nun Anfang Mai die Fachwerkstatt mit Experten zum Thema Macht- und religiöser Missbrauch. Das war eine erste Maßnahme, um viele Experten in Deutschland an einen Tisch zu bekommen. Das ist auch gelungen. Im nächsten Schritt möchten wir die Leitungsebenen der verschiedenen Gemeindebünde, Werke und gemeindlichen Einrichtungen mehr für das Thema sensibilisieren. Dazu erstellen wir zunächst aus den Beratungen und Ergebnissen der Fachwerkstatt heraus eine Handreichung für Verantwortliche in Gemeinden und Verbänden. Ziel ist, das Thema aus der Tabuzone zu holen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Die Fragen stellte Norbert Schäfer.

Hilfe und Informationen zum Thema:

Literatur zum Thema:

  • Blue, Ken: Heilung erfahren nach geistlichem Missbrauch, 1997, Brunnen Verlag
  • Kessler, Martina & Volker: Die Machtfalle. Machtmenschen in der Gemeinde, 2012, Brunnen Verlag
  • Tempelmann, Inge: Geistlicher Missbrauch: Auswege aus frommer Gewalt - Ein Handbuch für Betroffene und Berater, 2012, SCM R. Brockhaus Verlag

Von: nob/ Pro