16.10.2017

Österreich: Auf den Kanzler ohne Konfession folgt wohl ein Katholik

Wahlsieger Sebastian Kurz sprach 2016 beim „Marsch für Jesus“ in Wien

Der bisherige Außenminister Sebastian Kurz bedankt sich bei den Unterstützern seiner konservativen Österreichischen Volkspartei (ÖVP), nachdem sie die Nationalratswahl in Österreich gewonnen hat. Foto: picture-alliance/Photoshot /idea

Wien (idea) – Der künftige Bundeskanzler von Österreich wird voraussichtlich ein praktizierender Katholik sein: Sebastian Kurz. Der 31-jährige bisherige Außenminister hat mit seiner konservativen Österreichischen Volkspartei (ÖVP) die Nationalratswahl am 15. Oktober gewonnen. Die ÖVP wurde nach Angaben des Innenministeriums (Stand: 16.19 Uhr) mit 31,5 Prozent der Stimmen klar stärkste Kraft. Dahinter folgen die rechtskonservative Freiheitliche Partei (FPÖ) mit 27,1 Prozent und die Sozialdemokratische Partei (SPÖ/26,8 Prozent), die derzeit mit Christian Kern – er ist konfessionslos – den Bundeskanzler stellt. Kurz besuchte nach eigenen Angaben am Wahltag den Sonntagsgottesdienst in seiner Taufkirche Gatterhölzl. In einem Interview mit der Kirchenzeitung der Erzdiözese Wien im Februar sagte er: „Der Glaube spielt für mich eine wichtige Rolle. Durch meinem Beruf habe ich leider allzu oft wenig Zeit für den Messbesuch, aber mir sind die Besuche an den Feiertagen gemeinsam mit der Familie sehr wichtig.“ Im vergangenen Jahr sprach Kurz bei der Abschlusskundgebung des „Marsches für Jesus“ in Wien. Bundeskanzler Kern nahm damals demonstrativ an der „Regenbogenparade“ der Homosexuellen teil. Als Außenminister setzte sich Kurz immer wieder für verfolgte Christen ein.

Strache: Ich bin Katholik und Christ

Möglicher Koalitionspartner für die ÖVP ist die FPÖ. Deren Chef Heinz-Christian Strache – er bezeichnete sich einmal als „Katholik und Christ“ – sagte im Vorfeld der Wahl: „Für uns Freiheitliche ist es wichtig, dass eine weitere Zuwanderung gestoppt wird, Asylverfahren beschleunigt werden und, im Falle eines negativen Bescheides, eine sofortige Abschiebung in das Heimatland eingeleitet wird. Das betrifft natürlich auch hier in Österreich straffällig gewordene Migranten.“ Eine erneute Koalition von ÖVP und SPÖ gilt als unwahrscheinlich. Neben den drei großen Parteien sind im Parlament auch die liberale Partei NEOS (fünf Prozent) – ihr Vorsitzender Matthias Strolz ist katholisch – und die Liste Pilz (4,1 Prozent) des ehemaligen Mitbegründers der Grünen, Peter Pilz. Er tritt für eine strikte Trennung von Staat und Kirche ein. Die Grünen (3,3 Prozent) scheiterten an der Vier-Prozent-Hürde.

Evangelische Allianz freut sich über die hohe Wahlbeteiligung – Für Politiker beten

Die Österreichische Evangelische Allianz begrüßte in einer Stellungnahme die hohe Wahlbeteiligung von fast 80 Prozent: Das zeigt, dass die Bürgerinnen und Bürger engagiert von ihrem Wahlrecht Gebrauch gemacht haben. Ein gutes Zeichen für gelebte Demokratie.“ Der Wahlausgang überrasche nicht, wenn man die Entwicklung in den letzten Monaten verfolgt habe. Die Allianz ruft dazu auf, für die Koalitionsgespräche, Sebastian Kurz und die beteiligten Politiker zu beten: „Möge Gott ihnen Weisheit schenken, zu erkennen und gemeinsam zu benennen, welche Themen der politischen Arbeit wichtig sind und in Zukunft angegangen werden müssen. Wir beten, dass in den kommenden Wochen und Monaten Entscheidungen getroffen werden, die sich segensreich für Österreich und Europa auswirken.“ Vorsitzender des evangelikalen Dachverbandes in Österreich ist der Generalsekretär des dortigen Bibellesebundes, Hans Widmann (Bad Goisern/Oberösterreich). Als Generalsekretär amtiert Christoph Grötzinger (Bürmoos bei Salzburg).

Evangelikaler Medienexperte: Österreicher besinnen sich zurück auf christliche Werte

Der Herausgeber des christlichen Online-Portals GLAUBE.at, Sven Kühne (Telfs bei Innsbruck), sieht in dem Wahlergebnis eine Rückbesinnung der Österreicher auf christliche Werte. Dafür setzten sich die ÖVP und die FPÖ ein. Neben dem Schutz für verfolgte Christen wollten beide Parteien Kinder und Familien fördern sowie die Glaubens- und Gewissensfreiheit absichern. Zugleich engagierten sich ÖVP und FPÖ unter anderem gegen Spätabtreibungen, Euthanasie, Leihmutterschaft, die verfrühte Sexualerziehung an Schulen sowie gegen die sogenannte „Ehe für alle“. Kühne ist auch Vorstandsmitglied der Österreichischen Evangelischen Allianz.

„Freikirchen in Östereich”: ÖVP und FPÖ griffen am ehesten evangelikale Anliegen auf

Der Vorsitzende der „Freikirchen in Österreich”, Reinhold Eichinger (Wien), erklärte, man stehe keiner Partei nahe, unterstütze aber Abgeordnete, die in besonderem Maße christliche Werte vertreten: „Bedauerlicherweise standen solche Werte, wie schon bei den letzten Wahlgängen, bei den Parteien nicht sonderlich im Vordergrund.” Gezielte Anfragen zu Themen, die für die Evangelikalen im Lande von Bedeutung seien, hätten am ehesten die ÖVP und die FPÖ aufgegriffen. Es sei anzunehmen, daß viele Christen diese Parteien unterstützt hätten. Der Wahlsieger Sebastian Kurz habe sich bislang aber nicht auffallend für christliche Werte exponiert.

Muslime sind in Österreich die zweitgrößte Religionsgemeinschaft

Von den 8,5 Millionen Einwohnern Österreichs sind 5,2 Millionen römisch-katholisch. Zweitgrößte Religionsgemeinschaft sind Muslime (700.000). Orthodoxe Kirchen haben etwa 400.000 Mitglieder, die Evangelische Kirche Augsburgischen Bekenntnisses 288.000, die Evangelische Kirche Helvetischen Bekenntnisses 13.000 und die „Freikirchen in Österreich“ zusammen 19.000.