09.03.2010

Nigeria: Bewohner eines christlichen Dorfes mit Macheten zerstückelt

Bei Kämpfen zwischen Muslimen und Christen sind 500 Menschen getötet worden. Immer wiederkommt es zu Pogromen gegen christliche Dörfer in Nigeria. Unter den Opfern soll sich auch ein drei Monate altes Baby befinden. Von Johannes Dieterich

STUTTGARTER ZEITUNG Nr. 56 (Dienstag, 9. März 28, 2010) Der Konflikt in Nigeria kommt nicht zur Ruhe: Einem neuerlichen Ausbruch der Gewalt zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen in dem zentralnigerianischen Bundestaat Plateau sind vermutlich bis zu 500 Menschen zum Opfer gefallen. Ursprünglich aus dem Norden stammende muslimische Mitglieder der Nomadenstämme Hausa und Fulani griffen am frühen Sonntagmorgen drei nur wenige Kilometer südlich der Provinzhauptstadt Jos gelegene Dörfer an und richteten unter der überwiegend christlichen Berom-Bevölkerung grausige Blutbäder an.

“Wir rechnen mit 500 oder sogar noch mehr Toten", sagte der Sprecher des nigerianischen Bundesstaats, GregoryYerilong. Augenzeugenberichten zufolge schossen die Angreifer zunächst wild in die Luft, um die Dorfbewohner aus ihren Hütten zu vertreiben, und töteten die Fliehenden anschließend mit Machetenhieben. "Hilflose Menschen, wie Kinder, Frauen und ältere Männer, die nicht mehr rennen konnten, wurden zu Tode gehackt", sagte Mark Lipdo vom christlichen Hilfswerk Stefanusstiftung gegenüber der BBC. Unter den Opfern soll sich sogar ein drei Monate altes Baby befunden haben. In dem Dorf Ratt seien praktisch alle Hütten angezündet worden, hieß es. Zahllose Menschen verbrannten offenbar in ihren Hütten. Außer Ratt wurden auch die Dörfer Zot und Dogo Nahawa angegriffen. Um zu verhindern, dass die Gewalt auch auf die Provinzhauptstadt Jos übergreift, versetzte die RegierungdieArmee inAlarmbereitschaft.

In Jos wird davon ausgegangen, dass es sich bei den jüngsten Angriffen um Racheakte handelt. Bereits Ende Januar waren bei Zusammenstößen in derselben Region rund 400 Menschen umgekommen. Damals hatte es sich bei den Opfern sowohl um muslimische Hausa und Fulani sowie um christliche Beroms gehandelt. Der Konflikt zwischen den verschiedenen Bevölkerungs- und Religionsgruppen wird vom Streit um knappes Weideland verschärft.

Schon im November 2008 waren während bewaffneter Auseinandersetzungen im Zusammenhang mit Lokalwahlen im Bundesstaat Plateau mehr als 700 Menschen getötetworden.

Eigentlich hatte die Armee Ende Januar eine nächtliche Ausgangssperre verhängt, doch der Schutz des Militärs erwies sich als ineffektiv. "Wir haben keinerlei Vertrauen mehr in die Sicherheitskräfte", sagte Peter Gyang, der beim jüngsten Massaker in Dogd Nahawa sowohl seine Frau wie seine beiden Kinder verlor.

Den fortgesetzten Gewalttätigkeiten wird auch insofern besondere Bedeutung beigemessen, als sich Nigeria gegenwärtig in einem politischen Machtvakuum befindet. Präsident Umaru Yar'Adua ist derzeit schwer krank, sein Stellvertreter Goodluck Jonathan hat vorübergehend die Amtsgeschäfte übernommen, er wird allerdings von Yar'Aduas Gefolgsleuten nicht anerkannt.

Im kommenden Jahr finden in dem bevölkerungsreichsten Land Afrikas wieder Wahlen statt: ein Anlass, bei dem es in dem Vielvölkerstaat regelmäßig zu Unruhen kommt. Die vor allem in den nördlichen Bundesstaaten lebenden Muslime gehen davon aus, dass sie für eine weitere Legislaturperiode den Präsidenten stellen können - so sieht es die nigerianische Verfassung vor. Doch Jonathan, der sich für den "natürlichen" Nachfolger Yar'Aduas hält, ist Christ und aus dem Süden.