Leere Kirchenbänke, fehlende Mitarbeiter und frustrierte Pfarrer…
(Ruhpolding) Leere Kirchenbänke, fehlende Mitarbeiter und frustrierte Pfarrer: Das ist zwar oft der gemeindliche Alltag in vielen christlichen Gemeinden und Kirchen, muss aber nicht sein. Alternative Modelle wie eine lebendige Gemeinde aussehen kann, hat Pfarrer Gerhard Henßler aus dem Evangelischen Kirchspiel Rückeroth (Westerwald) im Rahmen des SPRING-Festivals beim Seminar „Profil-Gemeinden im ländlichen Raum“ vorgestellt: „Die bisherigen Formen der Gemeindebildung und -entwicklung müssen ergänzt werden“, ist sich Henßler sicher. Dass dies ein langer Prozess sein kann, machte der Referent deutlich.
„Die Voraussetzungen für die Gemeindearbeit haben sich stark verändert. Nachbarschaftliche Beziehungen nehmen ab, durch das Handy ist man zwar an allen Orten erreichbar, aber die Menschen sind doch ohne Heimat. Außerdem gibt es immer weniger religiöses Vorwissen in unseren Orten“, so Henßler. Der 59-jährige ist Pfarrer in einer kleinen Westerwaldgemeinde mit neun Ortsteilen und knapp 1.700 Protestanten. Als Kirchengemeinde habe man sich mehrere Grundsätze gegeben. „Wir sind Missionsgemeinde. Das heißt auch, dass der biblische Missionsbefehl nach einem Kirchenvorstandbeschluss über dem Leben und der Arbeit unserer Gemeinde steht.“ Dies bedeute auch verschiedene Frömmigkeitsstile zuzulassen, die das kirchliche Leben bereichern.
Zudem wolle man keine Programm- sondern eine Beziehungsgemeinde sein: „Da kann ich es gut aushalten, dass wir keinen Kindergottesdienst haben und auch keinen Gemeindebrief herausgeben. Es geht nicht darum möglichst viele Gruppen zu haben, sondern um echte gelebte Beziehungen.“ Das Konzept scheint aufzugehen: Die Zahl der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nähert sich der 100-Personen-Grenze. Die Menschen vor Ort sollen die Menschen vor Ort erreichen, Netzwerke knüpfen und unter den Gegebenheiten zusammenarbeiten.
Die bisher Nicht-Erreichten werden zum Kriterium der Gemeindearbeit gemacht
Im Gemeindeleben sei viel Experimentierfreude gefragt. Wichtig sind dabei eine flache Hierarchie und die Tatsache, dass Menschen immer vor Strukturen gehen. „Die bisher Nicht-Erreichten werden zum Kriterium der Gemeindearbeit gemacht“, so der Gemeindepfarrer. Für die Praxis gelte es zu fragen, wer in unseren Kirchenbänken fehle und warum? „Wir müssen uns auf das Profil unserer Gemeindeglieder einstellen, da kann es auch passieren
„Eine erfolgreiche Gemeinde ist diejenige, die eine neue Gemeinde hervorbringt“ Dabei seien die landeskirchlichen Rechte zu respektieren und nutzbar zu machen. Dies dürfe kein Alleingang sein, sondern müsse unter dem Dach einer bereits vorhandenen Gemeinde geschehen. Unbedingt zu stellende Fragen sind aus Henßlers Sicht: Welche Vision hat meine Gemeinde? Wer kann Partner sein? Welche Gruppen werden zurzeit nicht erreicht? Worüber möchte ich mich in drei Jahren in meiner Gemeinde freuen?
Konkret werden die Veränderungen nicht nur in der gestiegenen Zahl der Mitarbeiter, sondern auch in zahlreichen Alpha-Glaubenskursen. Den Gottesdienst bestimmt eine einfache Liturgie, die sonntägliche Kinderbetreuung ist gewährleistet und das Sündenbekenntnis wird beispielsweise durch das Ablegen eines Steines unter dem Kreuz symbolisiert. „Auch Misserfolge und Konkurrenz werden kommen, deswegen geht die Gemeindepflanzung nur mit jeder Menge Herzblut“, betonte der Theologe. „Was müssen wir weglassen um das Eigentliche noch besser zu machen. Wenn man sich darüber im Klaren ist, trägt die Arbeit Früchte.“



