18.06.2017

Kohl: Ohne Gottes Hilfe keine Einheit

Ein Nachruf des Fernsehmoderators Peter Hahne

Kurz vor seinem tragischen häuslichen Unfall 2008: Ich saß mit Helmut Kohl zum Essen im Innenhof des Berliner ZDF-Studios, Edelgastronomie war nichts für den Bodenständigen. Eine Schulklasse sah uns und kam immer näher, wie gebannt und mit aufgerissenen staunenden Augen, geradezu ehrfürchtig. Bis ein Mädchen die Stille durchbrach: „Sie stehen bei uns im Geschichtsbuch.“ Kohl, nah am Wasser gebaut, brauchte ein Taschentuch. Ich riet ihm: Sprechen Sie auf Jugend-Veranstaltungen, das könnte ihr Auftrag sein. Andere hatten geraten, sich doch das zu erwartende Ausbuhen wegen der Spendenaffäre zu ersparen. Er machte einen Test: Universität Erfurt, proppenvolles Audimax. Die Studenten hingen an seinen Lippen, man hätte eine Stecknadel fallen hören können, Ovationen im Stehen!

Eine Frage, die ich an unseren Herrn in der Ewigkeit habe: Warum ausgerechnet er, der wirklich etwas zu sagen hatte, nach seinem schweren Sturz 2008 zum Schweigen verurteilt war, während andere ihre oft belanglosen Weisheiten in Talkshows aufblähen durften. Die Krise des Konservativ-Christlichen in seiner CDU, drängende Probleme Europas und dessen Wertegerüst: Helmut Kohls Stimme hätte überzeugen können, vor allem die Jugend.

Helmut Kohl war Staatsmann, kein Schönredner. Niemand wurde mit solcher Häme verspottet wie er: Birne, Saumagen, Pfälzer Dialekt – doch dieser Mann aus der Provinz wurde zum einzigen deutschen Weltpolitiker nach Adenauer. Sein entschlossenes Handeln und seine persönlich-familiären Kontakte zu den Mächtigen im Schicksalsjahr 1989 war ein Glücksfall der Geschichte. Die Landkarten der Welt mussten neu gedruckt werden. Nach Kohl war die alte Welt Makulatur.

Wäre es nach SPD oder EKD gegangen, wir hätten keine Wiedervereinigung, das gehört zur historischen Wahrheit. Das wird heute gern weggeheuchelt. Helmut Kohl war konsequent-christlich, auch wenn er damit aneckte. Für ihn sind weder Europa noch Deutschland oder die CDU „wertneutral“. Grundgesetz und Kultur binden uns an Gott und damit an sein Wort. Was er privat über die offizielle evangelische Kirche dachte, bleibt vertraulich. Öffentlich kritisierte er vor allem, dass die EKD 1989 zur deutschen Einheit „erbärmlich geschwiegen“, noch nicht einmal die Glocken geläutet habe,wie zum Beispiel bei Zechenschließungen. Demütig bekannte das „lebende Denkmal Helmut Kohl“: Ohne Gottes Hilfe wären Freiheit und Einheit nie erreicht worden.

Er suchte den Schulterschluss mit den Evangelikalen, holte sich auf zahllosen Begegnungen Rat und geistliche Unterstützung, nicht zuletzt von einem führenden Mann der Deutschen Evangelischen Allianz, Paul Deitenbeck (1912-2000), oder dem Präses des Gnadauer Verbandes, Kurt Heimbucher (1928–1988). Alles diskret, das war der Preis des Vertrauens.

Typisch das Finale seiner Amtszeit: Großer Zapfenstreich vor dem abendlichen Dom zu Speyer, er ließ das Musikcorps der Bundeswehr spielen: „Nun danket alle Gott!“ Danke, Helmut Kohl!