04.10.2011

Iran: Leben eines Pastors hängt am seidenen Faden

Iranisches Todesurteil: Vizegouverneur schiebt neue Vorwürfe nach: Vergewaltigung und Erpressung

Teheran (idea) – Das Leben des zum Tode verurteilten iranischen Pastors Youcef Nadarkhani hängt weiterhin am seidenen Faden. Dem 35-jährigen Leiter einer 400 Mitglieder zählenden Untergrundgemeinde droht der Tod durch den Strang als Strafe für „Verbreitung nichtislamischer Lehre“ und „Abfall vom islamischen Glauben“. Gegen das in einem Wiederaufnahmeverfahren bestätigte Urteil des Obersten Gerichtshofs und die drohende Hinrichtung erheben sich internationale Proteste. Jetzt behauptet ein hoher iranischer Offizieller, es gehe bei der Verurteilung gar nicht um den Glauben. Vielmehr sei Nadarkhani ein Zionist, Vergewaltiger und Erpresser.

Bundesregierung interveniert

Die Bundesregierung hatte am 29. September den amtierenden iranischen Geschäftsträgerin Berlin, Mortesa Therani, einbestellt. Das Kanzleramt übermittelte ihm die „dringende Aufforderung“ an seine Regierung, auf Nadarkhanis Hinrichtung zu verzichten. Der Iran habe sich mit der Unterzeichnung des „Internationalen Pakts über bürgerliche und politische Rechte“ völkerrechtlich verpflichtet, religiöse Minderheiten zu schützen. Zuvor hatte bereits Menschenrechtler und mehrere Politiker – darunter CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe – gegen die drohende Hinrichtung des Pastors protestiert. Auch der britische Außenminister William Hague und das geistliche Oberhaupt der Anglikaner, Erzbischof Rowan Williams (London), schalteten sich ein. Protest kommt auch von der Weltweiten Evangelischen Allianz (WEA), die 600 Millionen Evangelikale repräsentiert. Ferner fordern Menschenrechtsorganisationen wie „Amnesty International“ und die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) die Freilassung Nadarkhanis.

Weltallianz: Neue Vorwürfe sind fingiert

Unterdessen bringt Gholomali Rezvani – stellvertretender Gouverneur der Provinz Gilan, wo das Wideraufnahmeverfahren im Fall Nadarkhani stattfand – neue Vorwürfe gegen den Pastor ins Spiel. Gegenüber der Nachrichtenagentur Fars erklärte Rezvani, in der Islamischen Republik Iran werde niemand wegen der Wahl seiner Religion hingerichtet. Nadarkhani müsse sich vielmehr für Sicherheitsverbrechen verantworten; er sei ein „Zionist“, „Vergewaltiger“ und Erpresser“. WEA- Generalsekretär Geoff Tunnicliffe (Binghamton/US-Bundesstaat New York) bezeichnete diese nachträglichen Vorwürfe als „fingiert“. Letztlich gebe das Regime dadurch zu, dass die Todesstrafe für den „Abfall vom Islam“ nicht zu rechtfertigen sei. Indem man neue „falsche Anklagen“ erhebe, gebe man zu, dass die iranische Justiz „gegen ihr Gewissen“ handele. Die WEA-Kommission für Religionsfreiheit ruft die iranischen Behörden auf, Nadarkhani freizusprechen und ihn freizulassen. Sein Anwalt, Mohammadali Dadkhah, zeigt sich trotz der neuen Vorwürfe zuversichtlich, dass sein Mandat nicht hingerichtet wird. Das Verfahren sei noch in der Schwebe.

Pastor sagt sich nicht von Jesus los

Nadarkhani war als 19-Jähriger vom Islam zum Christentum übergetreten. Später protestierte er auch gegen den islamischen Pflichtunterricht an Schulen. 2010 wurde er wegen „Abfalls vom Islam“ und „Verbreitung nicht-islamischer Lehren“ zum Tode verurteilt; Ende Juni 2011 bestätigte der Oberste Gerichtshof das Urteil in letzter Instanz. Im Wiederaufnahmeverfahren stellte das Gericht in Gilan offiziell fest, dass Nadarkhani vor seinem Glaubenswechsel Muslim gewesen sei. Sein Leben retten könne er nur, wenn er sich vom christlichen Glauben lossage. Darauf lässt sich der Pastor nicht ein. In Iran gilt das islamische Religionsgesetz Scharia, das den „Abfall vom Islam“ mit dem Tode bedroht.

Untergrundgemeinden in Gefahr

Wenn Nadarkhani gehenkt würde, wäre eine große Zahl iranischer Christen von der Hinrichtung bedroht, warnt der Vorstandssprecher der IGFM, Martin Lessenthin (Frankfurt am Main). Die IGFM und die Evangelische Nachrichtenagentur idea hatten Nadarkhani im Dezember 2010 als „Gefangenen des Monats“ benannt und zur Unterstützung für ihn aufgerufen. Er ist verheiratet und hat zwei Söhne, die sechs bzw. acht Jahre alt sind. Seine Ehefrau, Fatemeh Pasandideh, war ebenfalls wegen ihres Glaubens inhaftiert, ist aber wieder auf freiem Fuß. Von den 74,2 Millionen Einwohnern Irans sind 99 Prozent Muslime. Die Zahl der Konvertiten zum christlichen Glauben wird auf 250.000 geschätzt. Ferner gibt es bis zu 150.000 meist orthodoxe armenische und assyrische Christen.