12.01.2018

Helmut Matthies: Journalist, Prophet und Brückenbauer

Nach fast vier Jahrzehnten an der Spitze von idea hat Helmut Matthies das Amt des Gesamtleiters 2017 aus Altersgründen abgegeben. Eine Würdigung durch den Wegbegleiter und langjährigen idea-Redaktionsleiter Wolfgang Polzer.

Helmut Matthies Foto: DEA/idea

Mit dem Jahr 2017 ist eine Ära in der evangelischen Publizistik zu Ende gegangen. Helmut Matthies (67) hat die Leitung der Evangelischen Nachrichtenagentur idea nach 40 Jahren in jüngere Hände gelegt. Seinen Nachfolger, Matthias Pankau (41), der zuvor für die Berichterstattung aus Mitteldeutschland zuständig war, hat er selbst herangezogen. Ich habe 34 Jahre lang Seite an Seite mit Matthies gearbeitet. Ich weiß: Lobreden sind ihm abhold. Daher müssen ein paar Schlaglichter genügen.

Der Journalist

Der Journalist Matthies ist im besten Sinne ein „Überzeugungstäter“. Seine Überzeugung: Das Evangelium muss unter die Leute. „Die großen Taten Gottes verkündigen“ – so der Auftrag der Gründungsväter von idea – deckt sich mit seinem ursprünglichen Wunsch, Missionar zu werden. Sein Handwerk hat er bei der führenden deutschen Nachrichtenagentur dpa gelernt. Das prägt. Solide Meldungen, in denen Klartext gesprochen wird und bei denen die Fakten bis ins Kleinste stimmen – das war seine Maxime. Das Ziel: Durch idea sollen die Leser erfahren, was sie sonst nirgends lesen können. Unbeirrt fasste Matthies heiße Eisen an und wusste die Nachricht vom Kommentar zu trennen – wenn aber Meinung, dann auch furchtlos und klar. Ein Beobachter meinte, das Kürzel idea stehe für „Informationsdienst der deutlichen evangelischen Ansprache“. Das stimmt, brachte Matthies aber nicht nur Freunde ein: Viel Feind – viel Ehr! Vor Fehlern allerdings hatte er Angst wie der Torwart vorm Elfmeter. Wenn sie trotzdem passierten, bereiteten sie dem Perfektionisten geradezu körperliche Schmerzen.

Der Theologe

Der Glaube wurde Matthies nicht in die Wiege gelegt. Seine Eltern, Gastwirte in Peine (Niedersachsen), waren nicht besonders religiös. Vielmehr habe der Schoko-Pudding, mit dem eine Pfarrfrau den schmächtigen Helmut aufpäppelte, in ihm den Glauben an Jesus geweckt, erzählte er. Das hat ihn geprägt – bis dahin, dass er den Belegexemplaren von ideaSpektrum oft Tütchen mit Gummibärchen beilegte – zur Überraschung von Freund und Feind. Auch die abschreckenden Erfahrungen mit Betrunkenen in der elterlichen Wirtschaft haben bei ihm Spuren hinterlassen. Lebenslang ist Helmut Matthies Mitglied im Blauen Kreuz, lässt die Finger vom Alkohol. Das hat ihn aber nicht davon abgehalten, mehr als einen Kirchenmann, der nach durchzechter Nacht orientierungslos umherirrte, ins Hotel zu geleiten.

Ein einschneidendes Ereignis in seiner Jugend war für Matthies das „Wunder von Lengede“. In dem kleinen Nachbarort von Peine ereignete sich am 24. Oktober 1963 ein schweres Grubenunglück, bei dem elf eingeschlossene Bergleute nach 14 Tagen wie durch ein Wunder gerettet wurden. Die Rettung von geistlich verlorenen Menschen durch Jesus Christus blieb eines der Leitmotive von Matthies.

Seinen vertrauensvollen Glauben behielt Matthies auch im Theologiestudium nach den kulturrevolutionären 68er Jahren unter anderem bei Prof. Helmut Thielicke (1908–1986) in Hamburg und später in seiner Vikariatszeit in der hessen-nassauischen Kirche, die er neben seiner Tätigkeit bei idea absolvierte. Kirchenpräsident Helmut Hild (1921–1999) begleitete den konservativen Jungtheologen auf seinem steinigen Weg zum Pfarrer, denn auf die vorherrschende Bibelkritik konnte er sich nicht einlassen. Wunder wie die Jungfrauengeburt oder die leibliche Auferstehung Jesu sind für Matthies nicht verhandelbar; er steht zum Glaubensbekenntnis ohne Wenn und Aber. In Interviews mit hohen Kirchenrepräsentanten wie der früheren EKD-Ratsvorsitzenden und „Luther-Botschafterin“ Margot Käßmann bestand er auf einer klaren Antwort auf die Frage, ob das Grab Jesu wirklich leer war. Allerdings fällt es auch Matthies schwer, schwierige, oft blutrünstige Bibelstellen mit der Liebe Gottes zu verbinden.

In ethischen Fragen verbindet er Menschenliebe mit den klaren Vorgaben der Bibel. So begegnet Matthies homosexuellen Männern und Frauen mit Hochachtung. Aber eine „Trauung“ gleichgeschlechtlicher Partner kann er nicht gutheißen, denn die Kirche könne nicht das segnen, was Gott nicht segnen will.

Der Prophet

Dass der Prophet im eigenen Land nichts gilt, sagte schon Jesus (Markus 6). Das hat auch Matthies erfahren, besonders in seinem beherzten Auftreten gegen Kommunismus und Islamismus. Als erzkonservativ und islamfeindlich wurde er oft genug abgekanzelt. In den siebziger Jahren, in denen der Neo-Marxismus in der evangelischen Kirche unselige Urständ feierte, veröffentlichte er mit Studienkollegen das „Rotbuch Kirche“. Wie berechtigt diese Kritik war, zeigte sich später. In der Zeit des Kalten Krieges scheute sich idea trotz heftiger Widerstände nicht, immer wieder auf die Christenverfolgung unter kommunistischer Herrschaft, einschließlich der DDR, hinzuweisen. Viele „Gefangene des Monats“ waren dankbar dafür, dass ihr Schicksal nicht vergessen wurde. Heute wird der Hinweis auf die Christenverfolgung in der islamischen Welt bisweilen als kontraproduktiv für das religiöse Miteinander kritisiert. Aber idea verschließt die Augen nicht vor dieser bitteren Realität und veranstaltet alle zwei Jahre den Kongress „Christenverfolgung heute“.

Als Prophet hat sich Helmut Matthies besonders im Blick auf die Wiedervereinigung Deutschlands erwiesen. Als diese Vorstellung noch für die allermeisten unerreichbar schien, hielt er beharrlich daran fest, dass das Land nicht auf Dauer geteilt bleiben könne. Immer wieder reiste er in die DDR, wurde an der Grenze schikaniert, von der Stasi bespitzelt; er musste Bischöfe konspirativ auf Toiletten interviewen. Umso kurioser ist es, dass ausgerechnet die Stasi dafür sorgte, dass ideaSpektrum unter evangelischen Führungskräften in der DDR kursieren konnte. Das Ministerium für Staatssicherheit hatte nämlich einen Pastor als Spitzel auf idea und das Missionswerk „Licht im Osten“ angesetzt, der seine Glaubwürdigkeit bei Westbesuchen damit zu untermauern versuchte, dass er etliche Exemplare der „feindlichen“ Zeitschrift unter die Leute bringen konnte.

Das alles änderte sich unmittelbar nach der Öffnung der innerdeutschen Grenze. Matthies ließ Tausende Exemplare von ideaSpektrum Woche für Woche in einem hoffnungslos überladenen Pkw in die DDR transportieren und sicherte idea damit einen breiten und treuen Leserstamm vor allem in Sachsen und Thüringen. „Wiedervereinigung – was sonst?“ hatte er am 4. Oktober 1989 einen Kommentar in ideaSpektrum betitelt. „Wiedervereinigung – nur das nicht!“ schallte es ihm im übertragenen Sinne aus der evangelischen Kirche entgegen – selbst dann noch, als am 9. November in Berlin die Mauer fiel und sich im badischen Bad Krozingen die EKD-Synode mit dem Feminismus befasste.

Aus seiner Liebe zu den östlichen Teilen Deutschlands bis hin zu den heute zu Polen und Russland gehörenden Ostgebieten hat Helmut Matthies nie einen Hehl gemacht. Auch das hat man ihm bisweilen böswillig als nationalistisch ausgelegt. Dabei geht es ihm vor allem um den Respekt vor Christen, die unter verschiedenen Diktaturen treu zu ihrem Glauben standen. Die beliebten idea-Freundeskreisreisen gingen unter seiner Ägide immer in östliche Gefilde.

Der Brückenbauer

Matthies wurde oft als „Hardliner“ und „Erzevangelikaler“ wahrgenommen. In Wahrheit war er ein Brückenbauer zwischen den verschiedenen Strömungen des Protestantismus und den Konfessionen. So brach er Anfang der achtziger Jahre die evangelikalen Barrieren zur charismatischen und zur Pfingstbewegung nieder und berichtete etwa von den Berliner Kongressen des Pfingstpastors Volkhard Spitzer sowie den charismatischen Gottesdiensten von Pastor Wolfram Kopfermann in Hamburg. In den vergangenen Jahrzehnten kamen zunehmend Katholiken in idea zu Wort; der Kongress christlicher Führungskräfte wurde ökumenisch ausgerichtet. Zu führenden Köpfen der EKD wie dem früheren Kirchenamtschef Valentin Schmidt oder dem ehemaligen Ratsvorsitzenden Nikolaus Schneider pflegt er freundschaftliche Kontakte. Politiker unterschiedlicher Couleur empfing Matthies mit gewinnendem Charme. Manche waren zu Tränen gerührt, wenn sie erfuhren, dass bei idea jeder Arbeitstag mit einer kurzen Andacht beginnt. Bischöfinnen und Bischöfe kamen zu Besuch und mussten natürlich eine Andacht halten. Umso mehr muss es Matthies geschmerzt haben, dass ausgerechnet zum Ende seines Dienstes die EKD-Synode den lange als Zeichen der Anerkennung gewährten Zuschuss für idea strich und einige wenige evangelikale Wortführer von idea abrückten.

Der Chef

Matthies war der unbestrittene „Chef“ von idea. Er hatte – in Absprache mit dem Vorstand und seinem väterlichen Mentor Horst Marquardt – das letzte Wort. Damit ist idea gut gefahren. Von einem winzigen Werk mit vier Mitarbeitern hat es sich zu einem Medienunternehmen mit über 50 Angestellten entwickelt. Die Nutzer in sozialen Medien, im Internet, Pressedienst, ideaSpektrum und Fernsehen gehen jährlich in die Millionen. Hinzu kommen die erfolgreiche Medienagentur „zeichensetzen“ und der alle zwei Jahre veranstaltete Kongress christlicher Führungskräfte. Natürlich ist das nicht das alleinige Verdienst des Chefs, aber Matthies war der Motor dieser Entwicklung; er verkörperte geradezu idea. Ja, er forderte seine Mitarbeiter, aber niemals so sehr wie sich selbst. Eine 60- bis 70-Stunden-Woche war für ihn normal. Oft ging er über seine Grenzen hinaus. 1997 schwebte er wochenlang zwischen Leben und Tod. So viel Arbeit hat er niemals von seinen Mitarbeitern erwartet, Einsatz aber schon. Seine Devise: „Geht nicht gibt’s nicht“. Wenn ein Redakteur klagte, dass es mit der verlangten Recherche nicht klappen wollte, erwiderte er: „Haben Sie schon dafür gebetet?“ Und oft ging es dann doch.

Dann war da noch der Pfarrer und Seelsorger Matthies. Mehr als einmal hat er ein Brautpaar, das sich bei idea fand, getraut. Etliche Freunde hat er beerdigen müssen. Für viele schwer Erkrankte hat das idea-Team Tag für Tag gebetet. Wenn ein Mitarbeiter Sorgen hatte, war der Chef immer zu sprechen – trotz eines übervollen Terminkalenders. Keiner verließ seinen Raum ohne Hilfe, Zuspruch und Gebet.

Natürlich hatte der Chef auch Schwächen. Delegieren war nie seine starke Seite. Am liebsten kümmerte er sich um alles – vom Toilettenpapier bis zur Vorstandssitzung. Und gelitten hat er auch, zum Beispiel unter den ständigen Streitereien, Intrigen und Angriffen in der evangelischen Welt.

Noch viel wäre zu berichten über Lutherbrot und Weihnachtsstollen, von Tablet und Papierbergen, von Matthies’ Liebe zur Operette und zum Paul-Gerhardt-Lied „Geh aus, mein Herz, und suche Freud“… Am 1. Februar wird er offiziell verabschiedet und sein Nachfolger Matthias Pankau in sein Amt eingeführt. Dann kann man ja noch mal nachfragen.

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