28.06.2017

Heftige Kontroverse um die „Ehe für alle“

Katholische Kirche und Evangelikale lehnen das Vorhaben strikt ab

Bad Blankenburg (idea) – Die voraussichtliche Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Partnerschaften stößt in den Kirchen auf ein unterschiedliches Echo. Während Evangelikale und Katholiken das Vorhaben klar ablehnen, äußern sich Vertreter der evangelischen Kirche eher zurückhaltend oder teilweise zustimmend. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hatte am 26. Juni eine überraschende Kehrtwende vollzogen und eine mögliche Abstimmung im Bundestag zur „Gewissensentscheidung“ erklärt – also ohne Fraktionszwang. Auf Drängen der SPD soll nun noch in dieser Woche über die sogenannte „Ehe für alle“ entschieden werden. Die Deutsche Evangelische Allianz erklärte in einer am 28. Juni in Bad Blankenburg veröffentlichten Stellungnahme, sie halte „am Eheverständnis von Mann und Frau und Familie“ fest: „Sie sind die Keimzelle einer jeden Gesellschaft. Wird dieses Eheverständnis aufgelöst, werden sich weitere Fragen ergeben: etwa, ob auch Polygamie oder Geschwisterehen legalisiert werden sollten.“

Das Grundgesetz versteht die Ehe als Beziehung zwischen Mann und Frau

Der evangelikale Dachverband verweist darauf, dass das Grundgesetz „Ehe und Familie“ unter den besonderen Schutz der staatlichen Ordnung stellt. Ehe werde im Geist der Verfassung „als Beziehung zwischen einem Mann und einer Frau verstanden, die potenziell offen ist für Kinder“. In einer „gleichgeschlechtlichen Ehe“ könnten auf natürlichem Wege keine Kinder entstehen: „Das ist keine Diskriminierung, sondern eine Feststellung.“ Für gleichgeschlechtliche Paare gebe es mit dem Lebenspartnerschaftsgesetz ein eigenes Rechtsinstitut. Zwischen Ehe und Lebenspartnerschaft werde nach dem juristischen Grundsatz differenziert, „Gleiches gleich und Ungleiches ungleich zu behandeln“ sei. Die Allianz nimmt auch Stellung zu dem Gesetzantrag der Bundesländer Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg, Schleswig-Holstein und Thüringen, der am 30. Juni im Bundestag verabschiedet werden soll. Darin heißt es: „Gleichgeschlechtlichen Paaren ist bis heute die Ehe verwehrt, was eine konkrete und symbolische Diskriminierung von Menschen aufgrund ihrer sexuellen Identität darstellt.“


Grundrechte nicht nach gesellschaftlichen Strömungen uminterpretieren

Der Antrag formuliert, so die Allianz, in der Begründung sehr deutlich, dass es im Kern bei der Öffnung der Ehe nicht nur um die Beseitigung von Diskriminierung gehe. Der unscharfe Begriff der „symbolischen Diskriminierung“ werde mit einer „Änderung des Eheverständnisses“ durch den „gesellschaftlichen Wandel“ begründet. Die Allianz nennt es „verfassungsrechtlich bedenklich“, die im Grundgesetz formulierten Grundrechte nach den jeweiligen gesellschaftlichen Strömungen umzuinterpretieren, oder sie aus wahltaktischen Gründe infrage zu stellen. Der Gesetzesantrag führe zu einer „normativen Veränderung des Ehebegriffs“. Wenn schon von einer Gewissensfrage gesprochen werde, dann müsste sie der Allianz zufolge lauten: „Kann ich mit meinem Gewissen vereinbaren, einer Neuinterpretation der Ehe und damit des Grundgesetzes aus Gründen einer ‚symbolischen Diskriminierung‘ zuzustimmen, da konkreten Diskriminierungen ja bereits durch die Lebenspartnerschaft entgegengewirkt werden kann?“ Unterzeichnet ist die Stellungnahme vom Vorsitzenden der Deutschen Evangelischen Allianz, Pastor Ekkehart Vetter (Mülheim/Ruhr), seinem Stellvertreter, Pastor Siegfried Winkler (München), Generalsekretär Hartmut Steeb (Stuttgart) und dem Beauftragten der Allianz am Sitz des Bundestages und der Bundesregierung, Uwe Heimowski.


Bekennende Gemeinschaften: Die „Ehe für alle“ ist widergöttlich

Gegen eine Einführung der „Ehe für alle“ wendet sich auch die Konferenz Bekennender Gemeinschaften in den evangelischen Kirchen Deutschlands. „Ein solcher Schritt bedeutet letztlich die Aufhebung der Ehe, widerspricht eindeutig den Aussagen der Bibel, ist nicht vereinbar mit dem christlichen Menschenbild und widergöttlich“, erklärte der Vorsitzende des theologisch konservativen Zusammenschlusses, Pastor Ulrich Rüß (Hamburg) gegenüber der Evangelischen Nachrichtenagentur idea. Sie sei das Ergebnis einer „individualistischen Genderideologie“. Es sei „unfassbar“, dass die evangelische Kirche in ihren Leitungsgremien diese Entwicklung gefördert habe.

Katholische Kirche bedauert drohende Auflösung des bisherigen Ehebegriffs

Der Vorsitzende der (katholischen) Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx (München), spricht sich ebenfalls gegen eine Öffnung der Ehe für homosexuelle Partnerschaften aus: „Die Deutsche Bischofskonferenz betont, dass die Ehe – nicht nur aus christlicher Überzeugung – die Lebens- und Liebesgemeinschaft von Frau und Mann als prinzipiell lebenslange Verbindung mit der grundsätzlichen Offenheit für die Weitergabe von Leben ist.“ Man sei der Auffassung, dass der Staat auch weiterhin die Ehe in der bisherigen Form schützen und fördern müsse. Marx: „Wir bedauern, wenn dieser Ehebegriff aufgelöst werden soll und damit die christliche Auffassung von Ehe und das staatliche Konzept weiter auseinandergehen.“ Es sei auch wegen der von vielen Seiten geäußerten erheblichen verfassungsrechtlichen Bedenken „völlig unangemessen, eine solche gesellschaftspolitische Grundentscheidung in diesem überstürzten Verfahren zu fällen“.


ZdK-Präsident: Erstaunlich, wie ein nebenrangiges Thema hochgezogen wurde

Der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Thomas Sternberg (Münster), äußerte Zweifel, ob ein einfaches Gesetz für eine Gleichstellung homosexueller Partnerschaften ausreiche. Wenn die Mütter und Väter des Grundgesetzes unter dem besonderen Schutz für Ehe und Familie „die Beziehung zwischen Mann und Frau und die Orientierung der Kinder verstanden haben, kann man das nicht so einfach übergehen“, sagte er der Katholischen Nachrichten-Agentur. Sternberg äußerte sich irritiert darüber, welche Bedeutung die Gleichstellung homosexueller Lebensgemeinschaften bei den Parteien plötzlich erhalten habe. Angesichts der weltweiten Probleme sei es erstaunlich, wie ein solch „nebenrangiges Thema“ hochgezogen werde.


EKD kritisiert Entscheidung unter Zeitdruck

Ein Sprecher der EKD äußerte sich auf idea-Anfrage kritisch zum Eiltempo bei der Entscheidung. Ehe und Familie stünden unter dem besonderen Schutz der staatlichen Ordnung. „Es ist bedauerlich, dass diese Frage jetzt unter dem Zeitdruck einer zu Ende gehenden Legislaturperiode entschieden werden soll“, so der Sprecher.


Landesbischöfin hat Problem mit Ehebegriff für homosexuelle Partnerschaften

Die Landesbischöfin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, Ilse Junkermann (Magdeburg), hat mit dem Ehebegriff für homosexuelle Partnerschaften ein Problem. Gegenüber dem Mitteldeutschen Rundfunk sagte sie: „Die Notwendigkeit, die da wäre, ist Respekt. Dafür habe ich mich seit 20 Jahren eingesetzt, dass es Adoptionsrecht gibt. Aber der gleiche Name belastet sozusagen das Verständnis zwischen der besonderen Beziehung zwischen Mann und Frau.“

Chef eines großen Diakoniewerks: Endlich wird das Thema angefasst

Der Vorstandsvorsitzende des Evangelischen Johanneswerkes, Ingo Habenicht (Bielefeld), begrüßte, dass das Thema „‚Ehe für alle‘ endlich bundespolitisch angefasst wird“. Gleichzeitig bedauere man, „dass die Diskussion, nachdem sie so lange verzögert wurde, nun in kurzfristiger Wahlkampf-Hektik verfällt“. Das Evangelische Johanneswerk ist ein großer diakonischer Träger mit 6.500 Mitarbeitern. Es macht sich laut Habenicht „schon sehr lange für die Gleichberechtigung von verantwortungsvollen Partnerschaften stark“. Familienfreundlichkeit schließe „für uns ausdrücklich auch gleichgeschlechtliche Beziehungen ein“. Die Ökumenische Arbeitsgruppe „Homosexuelle und Kirche“ nennt die „Ehe für alle“ in einer Mitteilung zutiefst christlich. Sie definiere das Zusammenleben in lesbischen und schwulen Partnerschaften als gleichwertig und mache umständliche, diskriminierende Sonderbestimmungen überflüssig. Bisher können sich homosexuelle Partnerschaften in vier EKD-Gliedkirchen trauen lassen: den evangelischen Kirchen in Baden, Berlin-Brandenburg, Hessen-Nassau und im Rheinland.