11.01.2012

Haiti: Zwei Jahre nach dem Beben-Haiti braucht weiter Hilfe

Christliche Organisationen kümmern sich vor allem um notleidende Kinder

Port-au-Prince/Marburg (idea) – Vor zwei Jahren zerstörte ein Erdbeben große Teile Haitis. Durch die Naturkatastrophe vom 12. Januar 2010 starben rund 200.000 Menschen; über zwei Millionen wurden obdachlos. Noch immer leben mehr als 500.000 Menschen in Zeltstädten. Nach Einschätzung von Hilfsorganisationen wird der Karibikstaat noch lange auf Unterstützung aus dem Ausland angewiesen sein.

4,6 Milliarden US-Dollar (3,2 Milliarden Euro) wurden bei Geber-Konferenzen bereitgestellt. Dennoch seien die Überlebenschancen und Perspektiven für 4,3 Millionen Minderjährige unzureichend, so UNICEF, das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen. Für 2012 fehlten rund 17 Millionen Euro, langfristig würden weitere 21 Millionen Euro benötigt. Zahlreiche christliche Hilfsorganisationen teilen die Skepsis. „Der Aufbau kommt nur schleppend voran, viele Menschen haben weiter kein Zuhause und keine Arbeit“, so das internationale Kinderhilfswerk „Compassion“ (deutscher Zweig in Marburg). Es hat seit 1968 in Haiti 230 Projekte für mehr als 66.000 Kinder aufgebaut. Bis zur Wiederherstellung aller in der Hauptstadt Port-au-Prince zerstörten Einrichtungen werde es noch einige Jahre dauern, da es schwer sei, Ingenieure mit Erfahrung in erdbebensicherem Bauen zu finden. Auch solides Baumaterial sei rar. Deshalb konzentriere sich das Werk darauf, mittellose Kinder finanziell zu unterstützen, schwer verletzte Kinder medizinisch zu versorgen, Pastoren in posttraumatischer Seelsorge zu schulen und Kleinkredite an Eltern zu vergeben, damit sie sich eine Existenz aufbauen können.

World Vision verbessert Hygiene

Das christlich-humanitäre Hilfswerk World Vision (deutscher Sitz in Friedrichsdorf/Taunus), engagiert sich in langfristigen Entwicklungsprojekten außerhalb der Hauptstadt. Seit Oktober 2010, als in Haiti eine Cholera-Epidemie ausbrach, führt World Vision Hygiene-Maßnahmen durch. Dazu gehörten der Zugang zu sauberem Wasser, Wasserspeicher, Cholera-Behandlungszentren und Aufklärungsmaßnahmen über Vorbeugung und Behandlung dieser Krankheit. Das Cholera-Programm habe rund 200.000 Menschen erreicht, berichtet der Leiter des World Vision Gesundheitsprogramms in Haiti, Lesly Michaud.

Kindernothilfe fördert Bildung

Die Kindernothilfe (Duisburg) begleitet in 22 Projekten rund 17.000 Kinder und ihre Familien. In einem Armenviertel von Carrefour, der zweitgrößten Stadt Haitis, baut sie eine große Schule wieder auf. Im größten Zeltlager von Port-au-Prince, Sineas, das sich nach Ansicht der Hilfsorganisation voraussichtlich zu einem Stadtteil verfestigen wird, fördert die Kindernothilfe Alphabetisierungs-, Handwerks- und Wirtschaftskurse. Bildung sei eine wesentliche Voraussetzung dafür, dass ein funktionierender Stadtteil entstehen könne, sagt der Vorstandsvorsitzende Jürgen Thiesbonenkamp.

Johanniter: Basisversorgung bei der Gesundheit

Vor allem medizinische Hilfe leistet der Johanniterorden (Berlin). Die Johanniter Unfall-Hilfe unterhält in der Stadt Leogane eine mobile Orthopädiewerkstatt, die bereits Hunderte amputierte Menschen mit Prothesen versorgt hat. Außerdem baute sie in der Region acht Gesundheitszentren für rund 80.000 Einwohner. Die Christoffel Blindenmission (Bensheim bei Darmstadt), unterstützt rund 20 Rehabilitationszentren für Körperbehinderte. Darunter sind viele, für die es vor dem Erdbeben keine Reha gab. Die Diakonie-Katastrophenhilfe (Stuttgart) errichtete rund 1.200 sturm- und erdbebenfeste Häuser im Westen und Südosten Haitis sowie drei Gesundheitszentren. Außerdem wurden Schulen wieder aufgebaut. Sehr kritisch beurteilt die Hilfs- und Menschenrechtsorganisation medico international (Frankfurt am Main) die Arbeit der internationalen Geber. Es gebe keine Konzepte für einen Weg aus der Armutsfalle.

Schlaglöcher auf dem Weg zu mehr Gerechtigkeit

Chancen für eine tiefgreifende Veränderung sieht hingegen die Micha-Initiative der Weltweiten Evangelischen Allianz. Unter Federführung einiger Evangelikaler sei es gelungen, Politiker, Kirchenvertreter und Hilfswerke von der Notwendigkeit gemeinsamen Handelns zu überzeugen. Dadurch könne es gelingen, die wirtschaftlichen, geistigen und politischen „Schlaglöcher“ auf dem Weg zu mehr Gerechtigkeit auszubessern. Die Micha-Initiative motiviert Christen zum Einsatz für Armutsbekämpfung und globale Gerechtigkeit. Von den 9,6 Millionen Einwohnern Haitis sind 55 Prozent katholisch, 15 Prozent Baptisten, 8 Prozent Pfingstkirchler, 3 Prozent Adventisten, 1,5 Prozent Methodisten und 0,7 Prozent Anglikaner. Der Rest ist konfessionslos oder gehört anderen Religionen an. Nach Schätzungen hängen gleichzeitig etwa 70 Prozent der Bevölkerung dem Voodoo-Kult an.