10.10.2006

Evolution: Wenn Lehrer keine Fragen mehr stellen dürfen

Der Streit um den Biologie-Unterricht bedroht inzwischen die Meinungsfreiheit

Gefahren für Schüler lauern überall. Derzeit beherrschen nicht Drogen und Gewalt an Schulen die Debatte in überregionalen Tageszeitungen wie der „Frankfurter Rundschau“ und der „Welt“, sondern Biologielehrer, die es „wagen“, im Unterricht neben der Evolutionstheorie auch über alternative Theorien wie den Kreationismus und die Theorie des „Intelligenten Designs“ zu informieren. Zwei dieser Fälle in Gießen haben in Politik und Medien mächtig Staub aufgewirbelt, nachdem der TV-Sender Arte darüber berichtet hatte. Den verantwortlichen Lehrern wird Indoktrination der Schüler vorgeworfen. Den Hintergrund der Debatte beleuchtet idea-Reporter Marcus Mockler.

Erklärungsmodelle für die Entstehung des Lebens gibt es viele. Die wissenschaftlich anerkannteste ist die Evolutionstheorie von Charles Darwin (1809-1882). Sie geht davon aus, dass sich das Leben durch zufällige Veränderungen des Erbguts und den natürlichen Ausleseprozeß ständig weiterentwickelt hat. Die Kurzformel lautet: von der Amöbe zu Goethe. Was nicht übersehen werden darf: Mit dieser Theorie haben sich die meisten Christen (wahrscheinlich auch die Mehrheit der Evangelikalen!) versöhnt. Der einzige Unterschied ist, dass sie die Entwicklung des Lebens nicht für zufallsgesteuert, sondern für vom Schöpfer gelenkt halten.

Unerklärliche Wissenslücken

In den Worten des Wiener Kardinals Christoph Schönborn: „Jedes Denksystem, das die überwältigenden Beweise für einen Plan in der Biologie leugnet, ist Ideologie, keine Wissenschaft.“ Jeden Evolutionskritiker in die Fundamentalistenecke zu stellen, wie das derzeit manche Journalisten und Politiker tun, zeugt deshalb von wenig Sachverstand. Denn man kann es drehen und wenden, wie man will: Die Evolutionstheorie kann auf viele Fragen keine überzeugenden Antworten geben. Bis heute ist völlig unklar, wie vor abermillionen Jahren in einer „Ursuppe“ die erste Zelle entstanden sein soll und wie sich auf der Ebene der Gene eine Höherentwicklung abgespielt haben soll. Bei den Fossilienfunden klaffen unerklärliche Lücken zwischen den Grundtypen der Lebewesen – man müsste in Versteinerungen viel mehr „Übergangswesen“ finden, die eine Evolution in kleinen Schritten belegen.

Was darf ein Biolehrer?

Die Frage ist nun: Darf ein Biologielehrer, nachdem er lehrplangemäß ausführlich das Evolutionsmodell vorgestellt hat, auch auf dessen Schwächen hinweisen? Und darf er andere Modelle im Unterricht mit deren Stärken und Schwächen vorstellen? So geschehen in Gießen an der evangelikalen August-Hermann-Francke-Schule sowie am staatlichen Liebig-Gymnasium.

Rot-grün wittert Gefahr

Nach dem TV-Beitrag auf „Arte“ schlugen die Wellen hoch. Politiker von SPD und Grünen machten das Thema zum Gegenstand einer Landtagsdebatte und forderten Konsequenzen. Kultusministerin Karin Wolff (CDU), die auch der Synode der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau angehört, hat dagegen die Schulen grundsätzlich in Schutz genommen. In einem idea-Beitrag forderte sie ausdrücklich, fächerverbindende Bezüge im Unterricht herzustellen – also auch zwischen Biologie und Religion. Dabei dürfe allerdings nicht persönliche Meinung mit unterrichtlicher Wissensvermittlung zu sehr vermischt werden. Ob der Lehrer an der Liebig-Schule diese Grenze überschritten hat, wird derzeit untersucht.

Der hessische SPD-Landtagsabgeordnete Thorsten Schäfer-Gümbel würde evolutionskritischen Biologie-Lehrern lieber generell einen Maulkorb umhängen. Er verlangt jetzt eine Anhörung im hessischen Landtag. „Wir brauchen eine gesellschaftspolitische Debatte über die Gefahren des Kreationismus“, zitiert ihn die „Frankfurter Rundschau“. Die August-Hermann-Francke-Schule fordert er auf, „sehr schnell für Transparenz“ bei Finanzierung, Organisationsstrukturen und Lerninhalten zu sorgen. Ansonsten gefährdeten die Verantwortlichen die Existenz der Schule. Solche Forderungen sind populistisch, aber substanzlos. Die Finanzen der Schule liegen vor dem Finanzamt bloß, Organisationsstrukturen und Lerninhalte sind vor der Aufsichtsbehörde offen. Und dass die Beschäftigung mit dem Kreationismus – selbst wenn man ihn für unsinnig hält – nennenswerte Gefahren birgt, dafür gibt es keinerlei Indizien. Jedenfalls bringen die Schüler an den beiden Gießener Schulen keine schlechteren, teilweise sogar bessere Abschlüsse zustande als andere Schulen – auch im Fach Biologie!

Ministerium: Schulen arbeiten unbeanstandet

Das Kultusministerium sieht keinen Anlaß einzuschreiten. Dessen Pressesprecher Christian Boergen weist gegenüber idea darauf hin, dass die Evolutionslehre Pflichtprogramm an Schulen ist, durchaus aber auch die Auseinandersetzung mit konkurrierenden Theorien stattfinden könne. Die Schüler sollen dabei Argumente kennenlernen und sich eine eigene Meinung bilden. Über die beiden Schulen hat es laut Boergen keine Beschwerden im Blick auf den Biologieunterricht gegeben. „Uns ist kein Fall bekannt, dass Schüler gegen die Evolutionstheorie indoktriniert worden sind. Und es hat auch nie einen Antrag einer evangelikalen Bekenntnisschule gegeben, die Evolution aus dem Biologie-Unterricht zu verbannen.“ „Sehr merkwürdig“ findet Boergen es, dass in den Massenmedien der Eindruck erweckt werde, „fundamentalistische Lehren“ seien in Gießener Schulen – mit Wissen der Behörden – Teil des Biologieunterrichts. Dafür aber gebe es keinen stichhaltigen Beweis.

Kampf mit Unwahrheiten

Lothar Jost, Leiter der August-Hermann-Francke-Schule, wundert sich ohnehin, mit welchen Methoden die von ihm geleitete Einrichtung in Mißkredit gebracht werden soll. In Medienbeiträgen hieß es etwa, in Biologiebüchern seien Stellen geschwärzt worden und im Biologieunterricht die Arche Noah behandelt worden: „Nichts davon ist wahr. Bei uns werden keine Buchpassagen geschwärzt – und das von Kritikern vorgelegte Arbeitsblatt, das angeblich in Biologie in Klasse 8 zum Einsatz gekommen ist, stammt nachweislich aus dem Religionsunterricht Klasse 7.“ In der aufgeheizten Atmosphäre steht inzwischen jeder unter Generalverdacht, der einer Freikirche angehört. So hat es Arno Bernhardt erlebt, Leiter der staatlichen Schulaufsicht für den Landkreis Gießen und Vogelsberg. Weil er selbst Mitglied der Freien evangelischen Gemeinde in Dautphetal-Mornshausen (bei Marburg) ist, musste er „auf eigenen Wunsch“ die Untersuchung des Vorfalls an der Liebig-Schule abgeben, da ihm Befangenheit unterstellt wurde. Der pensionierte Gießener Schulamtsdirektor Gerhard Keiner hat bei einer Podiumsdiskussion sogar von freikirchlichen „Seilschaften“ gesprochen: „Da gibt es viele Leute in hohen Positionen, die sich gegenseitig hochziehen.“ Roß und Reiter hat er nicht genannt.

Wenn Forscher zweifeln

Erschreckend an diesen Vorgängen ist nicht, dass sich die Politiker und Medien so massiv für die Evolutionslehre stark machen. Erschreckend ist, dass sie jede abweichende Meinung zum Schweigen bringen wollen. Dabei sind es renommierte Wissenschaftler, die ihre Zweifel am Evolutionsmodell äußern. Der niederländische Physiker Prof. Cees Dekker zum Beispiel, der als Pionier bei der Arbeit mit kleinsten Kohlenstoffröhrchen gilt (Nanotechnik) und sich seit sechs Jahren extrem erfolgreich mit den Bausteinen des Lebens in der Zelle befaßt. Die Wochenzeitung „Die Zeit“ (Hamburg) widmete Ende September seiner wissenschaftlichen Leistung und seiner Evolutionskritik einen großen Artikel. Der im vergangenen Jahr mit dem Otto-von-Guericke-Forschungspreis ausgezeichnete Mikrobiologe Prof. Siegfried Scherer von der Technischen Universität München gehört ebenfalls zu denen, die sich mit den massiven Erklärungslücken der Evolutionstheorie nicht zufrieden geben wollen. Natürlich können Dekker wie Scherer mit ihrer Kritik irren. Aber sind ihre wissenschaftlichen Anfragen so gefährlich, dass man Schüler im Biologieunterricht nicht damit konfrontieren darf? Scherer plädiert übrigens dafür, im Biologieunterricht lediglich die Schwachstellen der Evolutionslehre aufzuzeigen. Modelle, die den Glauben an eine schöpferische Kraft voraussetzen – etwa der biblische Schöpfungsbericht – gehören seiner Überzeugung nach in den Religionsunterricht.

Kein Kurswechsel

Die gute Nachricht zum Schluß: Weder beim hessischen Kultusministerium noch bei der August-Hermann-Francke-Schule sieht man die Notwendigkeit, die seitherige Praxis des Biologieunterrichts zu ändern. Schulleiter Jost: „Wir halten uns an die staatlichen Pläne, und die sehen auch die Behandlung ergänzender Themen vor. Das hessische Schulgesetz räumt uns sogar noch größere Freiheiten ein. Wir werden deshalb so weiter arbeiten wie bisher.“ Auch Ministeriums-Pressesprecher Christian Boergen sieht keinen Handlungsbedarf: „Im Biologieunterricht ist Evolution Pflicht, der Rest ist Kür.“