Deutschland: Kongress Christenverfolgung heute
Kongress: Wird der arabische Frühling zur Eiszeit für religiöse Minderheiten?
Verfolgung: Kauder ruft zur Hilfe für irakische Christen auf
Schwäbisch Gmünd (idea) – Für die Aufnahme von weiteren 2.000 bis 3.000 christlichen Flüchtlingen aus dem Irak hat sich der Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Volker Kauder (Berlin), ausgesprochen. Er glaube nicht, dass dies die wirtschaftliche Existenz Deutschlands gefährde, sagte er bei einem Kongress zum Thema Christenverfolgung, der vom 23. bis 26. Oktober in Schwäbisch Gmünd stattfindet. Kauder ist Schirmherr der vom Christlichen Gästezentrum Schönblick und der Evangelischen Nachrichtenagentur idea (Wetzlar) in Zusammenarbeit mit rund 20 Hilfsorganisationen veranstalteten Tagung. Vor mehr als 400 Teilnehmern sagte der Politiker, dass es zu den Pflichten von Christen gehöre, bedrängten Glaubensgenossen beizustehen. Nach seinen Angaben bilden Christen die größte verfolgte Religionsgemeinschaft der Welt. Es gebe Bestrebungen, große Gebiete zu christenfreien Zonen zu machen, etwa im Nahen Osten. So sei die Zahl der Christen im Irak in den vergangenen Jahren um mehr als 50 Prozent auf 300.000 zurückgegangen. In der Türkei seien heute etwa 0,2 Prozent der Bevölkerung Mitglied einer Kirche; vor 100 Jahren seien es 20 Prozent gewesen. Die Entwicklung in Ägypten nannte Kauder dramatisch: „Der arabische Frühling könnte sich für die koptischen Christen zu einer Eiszeit entwickeln.“ Es gebe keine Anzeichen dafür, dass das Ende einer Diktatur automatisch zu Religionsfreiheit führe. Alle blutigen Konflikte zwischen ägyptischen Muslimen und Christen seien von fanatischen Muslimen ausgegangen. Allerdings seien junge Christen immer weniger bereit, den Beschwichtigungsbemühungen ihrer geistlichen Führer zu folgen. Bei Besuchen in Kairo habe er erfahren, dass die Bereitschaft zunehme, sich gegen Übergriffe zu wehren. Kauder forderte, dass die künftige ägyptische Verfassung die Gleichberechtigung aller Bürger garantiere.
Religionsfreiheit erreichen statt Religionen schützen
Kritisch äußerte sich Kauder zu Versuchen islamischer Geistlicher und Politiker, weltweit ein neues Verständnis von Religionsfreiheit durchzusetzen. Der von ihnen angestrebte internationale Schutz von Religionen solle vor allem religiöse Vorschriften schützen, etwa das islamische Verbot eines Religionswechsels. Dazu sagte Kauder: „Wir wollen keine Religionen schützen, sondern für jeden einzelnen Menschen Religionsfreiheit erreichen.“ Dazu gehöre das Recht, seinen Glauben zu bekennen, auszuüben und zu wechseln. Religionsfreiheit sei ein zentrales Menschenrecht, für das sich Mitglieder der Bundesregierung bei allen Auslandsreisen einsetzten.
Leiden gehört zum Glauben
Auf die Bedeutung des Leidens wies der frühere Leiter der evangelischen Organisation „Hilfe für Brüder“, Pfarrer Winrich Scheffbuch (Stuttgart), in einer Bibelarbeit hin. Den Berichten des Neuen Testamentes zufolge gehörten Verfolgung und Leiden zu den unausweichlichen Konsequenzen des christlichen Glaubens. Die ersten Christen hätten es als besondere Ehre verstanden, für Jesus Christus zu sterben. Bis heute sei das Verhalten von Christen in Bedrängnis und Verfolgung „ein größerer Beweis für die Echtheit des Glaubens als Frömmigkeit, gutes Leben und theologische Weisheit“, so Scheffbuch. Die Gewissheit, dass allein Jesus der Weg, die Wahrheit und das Leben sei, habe verfolgten Gemeinden zu allen Zeiten Kraft zum Durchhalten gegeben. Nach Angaben des Direktors des Internationalen Instituts für Religionsfreiheit der Weltweiten Evangelischen Allianz, Prof. Thomas Schirrmacher (Bonn), leben rund 200 Millionen Christen in Ländern ohne Religionsfreiheit. Menschenrechtsorganisationen schätzten, dass weltweit rund 100 Millionen Christen von Verfolgung betroffen seien.
Steinmeier: Christenverfolgung geht uns alle an
Der Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion, Frank-Walter Steinmeier, schrieb in einem Grußwort: „Die Verfolgung von Christen geht uns alle an.“ Es sei nicht akzeptabel, dass ein elementares Grundrecht wie die Religionsfreiheit verletzt werde. Wer Christenverfolgung anprangere, dürfe aber auch bei der Diskriminierung anderer Gläubiger kein Auge zudrücken. Der EKD-Ratsvorsitzende, Präses Nikolaus Schneider (Düsseldorf), richtete ebenfalls einen schriftlichen Gruß an die Teilnehmer. Nach seinen Worten beobachtet die EKD „bereits seit Jahren mit großer Sorge“ die Lage der bedrängten und verfolgten Christen. Gemeinsam mit den Partnerkirchen mache man sich dafür stark, „dass sie in Frieden leben können, ihre Würde respektiert wird und sie alle bürgerlichen Freiheiten ihrer Länder genießen können“. Der württembergische Landesbischof Frank Otfried July (Stuttgart) schrieb: „Dieser Kongress trägt dazu bei, dass die Namen der Verfolgten dem Vergessen entrissen werden, indem sie vor Gott und der Welt genannt werden.“ Der Generalsekretär der Weltweiten Evangelischen Allianz, Geoff Tunnicliffe (New York), appellierte in seinem Gruß an die Regierungen der westlichen Demokratien, ihr Engagement für Religionsfreiheit zu institutionalisieren. Es reiche nicht, dass sich einzelne Politiker oder Parteien dafür einsetzten. Notwendig seien ständige Abteilungen in den Außenministerien, damit die Beurteilung der Menschenrechtssituation in anderen Ländern unabhängig von Wahlausgängen erfolgen könne.



