08.10.2012

Deutschland: Freimaurer im Hamburger Michel

Dürfen Christen die Freimaurerei fördern?

Vieles gab es schon in evangelischen Kirchengebäuden: Kinofilme, Disko, Modenschau, Kunstausstellung usw. Warum nicht auch einmal ein Freimaurerkongress? Das scheinen sich die Verantwortlichen der bekanntesten Kirche in Norddeutschland – der Hamburger Hauptkirche St. Michaelis – gefragt zu haben. Auf diese Weise kam es zu einem Novum in Europa: 1.500 Freimaurer aus 50 Ländern zelebrierten ihren Ritus in der lutherischen Kirche. Dazu ein Kommentar des evangelischen Theologen und Weltanschauungsexperten Michael Kotsch (Bad Meinberg).

Die Wahl des Ortes war nicht zufällig: Zum einen wollten die Veranstalter „den schönsten Raum Hamburgs“ haben, zum anderen suchen Freimaurer seit Jahren eine größere Öffentlichkeit, weil die eigenen Mitglieder überaltern und neue sich nur schwer für „geheime Rituale“ gewinnen lassen. Die Hamburger Kirche sieht in den Freimaurern offensichtlich nicht nur einen x-beliebigen Mieter. Die Öffentlichkeitsreferentin des „Michel“ verweist sogar auf langjährige Verbindungen. So tritt der Hauptpastor von St. Michaelis, Alexander Röder, am 19. Oktober im Logenhaus Moorweidenstraße auf.

Weltverschwörer oder Altherrenclub?

Freimaurer polarisieren und faszinieren gleichermaßen. Dazu trägt sicher auch ihre geheimniskrämerische Exklusivität bei. Manche glauben an eine freimaurerische Weltverschwörung, andere halten die Freimaurer nur für einen sozial engagierten Altherrenclub. Zu einer Verschleierung der Verhältnisse tragen die Freimaurer selbst erheblich bei. Verbindungen zu ägyptischen Mysterien oder christlichen Templern gehören zur Mythologie, die die Freimaurerei bis heute umspinnt. Einigen Mitgliedern kommt dieser geheimnisvolle Ruf gerade recht. Romane wie Dan Browns „Das verlorene Symbol“ (2009) prägen das Bild der Freimaurer als globale Verschwörung zur Beherrschung der Welt. Doch davon scheint die Geheimgesellschaft heute weiter denn je entfernt zu sein. Die Mitgliederzahlen sinken, das Publikum wird immer älter. Ein prominenter Aussteiger bei den Freimaurern – Burkhardt Gorissen – zweifelt daran, „dass ein Verein, in dem wohlmeinendes Kleinbürgertum und die Jagd nach Posten und Orden vorrangig sind, die Geschicke der Welt lenkt.“ Von den ehemals 80.000 Mitgliedern im Jahr 1930 sind heute gerademal 14.000 übrig geblieben (weltweit gibt es rund 5 Millionen). Rituale und Geheimniskrämerei haben dazu beigetragen, dass andere exklusive Männerbünde wie die Rotarier oder der Lions-Club den Freimaurern den Rang abgelaufen haben.

Eine fast 300-jährige Geschichte

Als Freigeister und spekulative Denker im 18. Jahrhundert einen Ort suchten, wo sie ihre Ideen unbehelligt von staatlicher Kontrolle austauschen konnten, stießen sie auf die Vereinigungen der Maurer. So kam es am Johannistag 1717 zur Gründung der „Großloge von London und Westminster“. 1723 wurden die „Alten Pflichten“ niedergeschrieben, das bis heute gültige Pflichtenheft der Freimauerei. Zwischenzeitlich ist das ehemals „geheime Papier“ sowohl im Internet als auch in gedruckter Form für jeden Interessierten zu haben. 1737 entstand in Hamburg die erste deutsche Loge. Obwohl sich die Freimaurer nicht als Kritiker des Nationalsozialismus exponierten, wurden sie 1933 verboten und 1949 wieder gegründet.

Von Mozart bis zu Goethe und Schiller

Es ist spannend zu sehen, welche Persönlichkeiten in der Vergangenheit zu den Freimaurern zählten: Mozart, Lessing, Goethe, Schiller, Voltaire, Mark Twain, George Washington, Henry Ford, Louis Armstrong, John Wayne, Charlie Chaplin und viele andere. Realistisch gesehen kann man aus solchen Listen aber nur sehr eingeschränkte Schlüsse ziehen.

Frauen sind nicht erwünscht

Prinzipiell stehen die Freimaurer allen Männern offen. Nur einige nicht offiziell anerkannte Logen nehmen auch oder nur Frauen auf, wie z. B. die „Frauen-Großloge von Deutschland“. Lokale Logen gehören zumeist zu einer nationalen Großloge. An der Spitze jeder Loge steht der Meister, an der Spitze der Großloge der Großmeister.

Bibel, Totenschädel und eine Sanduhr

Wer bei einer örtlichen Freimaurerloge Mitglied werden will, wird erst einmal über einige Zeit hinweg zu Veranstaltungen eingeladen. Wenn sich ein persönliches Verhältnis entwickelt hat, muss ein Mitglied für den Neuling bürgen. Der wird dann in einer „geheimen“ Initiation in den Orden eingeweiht. Man könnte die Freimaurerei auch als letzte aktive Mysterien-Religion bezeichnen. Mitglied wird man durch eine geheime Einweihungszeremonie. In der „Dunklen Kammer“ soll der Novize vor einer aufgeschlagenen Bibel, einem Totenschädel, einer Kerze und einer Sanduhr über sich und das Leben nachdenken. Dann wird er mit verbundenen Augen aus dem schwarz gestrichenen Raum vor den „Meister vom Stuhl“ – meist der Vorsitzende der Loge – gebracht. Bevor man ihm die Augenbinde abnimmt, wird er mit verschiedenen Symbolen wie Feuer, Wasser und Erde konfrontiert.

Mit dem Hammer an die Tempelarbeit

Danach werden „heilige Sprüche“ über ihm ausgerufen. In übertragenem Sinn soll er so durch den Tod gehen. Wenn er am Ende der Zeremonie wieder sehen kann und von seinen „Brüdern“ begrüßt wird, ist er für die Freimaurer ein neuer Mensch – von neuem geboren. Die in den Riten der Freimaurer benutzen Symbole entstammen der Welt mittelalterlicher Steinmetze: Als „Steine“ werden die Menschen bezeichnet, die in den „Dom der Menschlichkeit“ eingefügt werden. Mit dem „Spitzhammer“ sollen die Freimaurer den „rauen Stein“ – ihre Persönlichkeit – bearbeiten. Das „Winkelmaß“ soll darüber Auskunft geben, ob „der Stein“ schon rechtwinklig ist, ob der Mensch sich gerecht verhält. Mit der „Kelle“ werden „die Steine“ miteinander verbunden, es geht um die harmonische Gemeinschaft. Der „Zirkel“ überträgt die Maße vom Bauplan auf das Gebäude: Die Regeln der Freimaurerei sollen im Leben angewandt werden. In der Betrachtung dieser Werkzeuge soll der Mensch sich und die Welt, richtig und falsch erkennen. Das ist – abgesehen von immer gleichen liturgischen Zeremonien – der Hauptinhalt freimaurerischer Tempelarbeit.

Eine ganz eigene Welt

Für den, der einmal Mitglied geworden ist, entwickelt sich die Freimaurerei zu einer eigenen Welt. Abgesehen von einer esoterischen Lebensphilosophie werden Reisen, Bücher, Zeitschriften und eigene Freizeitaktivitäten angeboten. Zweimal im Monat treffen sich die „Brüder“ gewöhnlich, einmal zur „Tempelarbeit“, zum anderen zu einem Diskussions- und Gesprächsabend. Außerdem gehören Ausflüge, Treffen mit anderen Freimaurern, Vortragsveranstaltungen und Bankette zum Programm. Daneben werden auch religiöse Bücher angeboten. Die Spannbreite reicht von Paul Joseph Weilands „Ein Messias aus Galiläa. Was Christen nicht wissen – aber sollten“, in dem behauptet wird, das Christentum sei durch Paulus und nicht durch Jesus begründet worden, bis zu June Jones‘ „König der Hexen. Die Welt des Alex Sanders“, einer Biografie über den Mitbegründer der Wicca- Hexen. Die meisten Freimaurer sind sozial engagiert. Die Hamburger Loge „Zur unverbrüchlichen Einigkeit“ unterhält z. B. ein Wohnhaus für schwerstpflegebedürftige Menschen.

Weder Religion noch Politik

Freimaurer legen Wert darauf, weder Partei noch Religion zu sein. Das wirkt angesichts des religiösen Wortschatzes, einer eigenen Bibelausgabe (häufig die meist verbreitete Ausgabe des Landes mit einem speziellen Vorwort und einem eigenen Register), zahlreicher Symbole und Riten, ethisch verpflichtender Leitlinien, der Rede vom „Allmächtigen Baumeister aller Welten“ unglaubwürdig. Als primäres Ziel der Freimaurerei nennen die Logen eine ethisch-moralische Vervollkommnung des Menschen. Dazu sollen auch Diskussionen und die geheimnisumwitterten Rituale dienen. In ihren Statuten ist den Mitgliedern verboten, über Religion oder Politik zu diskutieren.

Das Verhältnis zum Christentum

Auf Anfrage stehen die Freimaurer dem christlichen Glauben positiv gegenüber. Das Bild, das die Geheimgesellschaft der Öffentlichkeit vermittelt, lässt tatsächlich manche Ähnlichkeiten zu christlichen Überzeugungen erkennen: Der Glaube an einen Gott und ein Leben nach dem Tod, der Einsatz für Bedürftige, das Engagement für Freiheit und Toleranz zum Beispiel. Gleichzeitig will man aber auch allen anderen Religionen gegenüber offen sein. In islamischen Ländern liegt ein Koran auf dem Altar statt der sonst obligatorischen Bibel. In Publikationen der Freimaurer werden Konfuzius oder Buddha ebenso lobend erwähnt wie Jesus Christus. Bei den Einweihungen der Hochgradmaurerei werden Zitate aus vielen Religionen zu einem religiösen Potpourri verbunden. Man muss die Freimaurerei ja nicht bekämpfen – sie aber publikumswirksam zu unterstützen, kann wohl auch nicht Aufgabe der Kirche sein. Und als genau solch eine Werbung kann die Bereitstellung der lutherischen Hauptkirche St. Michaelis in Hamburg angesehen werden, wie das Presseecho deutlich macht. Für die Evangelische Kirche sollte sich jedoch grundsätzlich die Frage stellen, ob die Freimaurerei mit christlichen Überzeugungen vereinbar ist. Bei Gesprächen zwischen der EKD und Freimaurern wurde 1973 immerhin ein Widerspruch in der zentralen Frage der Errettung des Menschen „allein aus Gnade“ festgestellt.

Nur die EKD hält es für möglich, Freimaurer und Christ zu sein

Dennoch kann man Mitglied der EKD und in einer Freimaurerloge sein. Dagegen halten es die anglikanische Kirche und auch zahlreiche orthodoxe Kirchen für unmöglich, gleichzeitig Freimaurer und Christ zu sein. Die 1980 im Freimaurer-Magazin „Humanität“ veröffentlichten „Thesen bis zum Jahr 2000“ stellen fest: „Systeme weltanschaulich-religiöser Art, die alleinige Verbindlichkeit beanspruchen können, gibt es nicht.“ Damit wird wohl auch der christliche Glaube abgelehnt, der eine absolute Gültigkeit für sich in Anspruch nimmt. Auf der Homepage heißt es dazu: „Wir sagen, es gibt viele Wege, die zum Ziel führen, z.B. durch Diskussionen und Gespräche, durch die Kunst, Schauspiel, Musik, Malerei etc., vielleicht auch die Religion.“ Jede Religion wird lediglich als ein Weg unter vielen betrachtet, um die freimaurerische Selbstvervollkommnung zu erreichen. „Als Maurer gehören wir nur der allgemeinen Religion an …“ ist dazu in den „Alten Pflichten“ der Freimaurerei zu lesen.

„Rom“ lehnt Freimaurerei strikt ab

Für die katholische Kirche ist seit langem klar: Freimaurerei und christlicher Glaube schließen sich aus. Kirchenvertreter monierten: 1. Eine relativistische Grundüberzeugung bezüglich des Glaubens, 2. Eine Verneinung objektiver Wahrheitserkenntnis, 3. Eine Nivellierung jeder Religion als gleichwertigen und unvollkommenen Versuch Gott zu finden, 4. Eine unpersönliche Gottesvorstellung als „Allmächtige Baumeister aller Welten“, 5. Eine Abwertung Jesu als bloßes moralisches Vorbild und weisen Lehrer, 6. Eine Herleitung des christlichen Glaubens von einer „astralen Urreligion der Babylonier und Sumerer“, 7. Quasireligiöse Ritualhandlungen, die Eingang bieten sollen in eine höhere geistige Welt, 8. Eine Selbsterlösung durch freimaurerische Rituale ohne christliche Gnade, 9. Eine esoterische Uminterpretation biblischer Begriffe und Symbole, sowie 10. Den Totalitätsanspruch der Freimaurerei für ihre Mitglieder auf Leben und Tod. Trotz zahlreicher positiver Aspekte freimaurerischer Bemühungen überwiegen die Spannungen zwischen den Überzeugungen des Geheimklubs und den Grundlagen christlichen Glaubens.

Die Freimaurerei im Wandel

Doch die Freimaurerei befindet sich im Wandel. Einige „Brüder“ streben nach einer Modernisierung und rituellen Entschlackung des Geheimbundes, so auch der Altgroßmeister Jürgen Holtorf: „Die Logen der Zukunft werden mehr sein als nur Geselligkeitsvereine mit Brauchtumspflege und einem geistigen Anspruch. Sie werden aufklärerischen Geist und esoterisches Erleben verbinden und […] den Menschen über Selbsterkenntnis zu Selbstverantwortung und vernunftbezogenem Leben aus eigener Kraft ermutigen.“ Christlicher Glaube ist spätestens dann für Freimaurer nicht mehr von Nöten.

Quelle: idea vom 8.10.12