10.07.2017

Deutschland: Christen beim G20-Gipfel

"Wir haben auch Ohnmacht des Gebets erlebt" - Vertreter von Kirchen und Organisationen ziehen eine gemischte Bilanz

In unmittelbarer Nähe zum JesusCenter habe es einen Schwelbrand in der Sparkasse gegeben. Der Brand schlug – Gott sei Dank – nicht in ein offenes Feuer um. Foto: Privat/idea

Hamburg (idea) – Christliche Organisationen haben angesichts der schweren Ausschreitungen während des G20-Gipfels (7.–8. Juli) in Hamburg eine gemischte Bilanz gezogen. Viele sind über das Ausmaß der Gewalt sehr erschrocken. Gleichzeitig sind sie überzeugt, dass ihre Gebete auch positive Auswirkungen hatten. Beim Treffen von Spitzenpolitikern der 20 wichtigsten Industrie- und Schwellenländer war es zu Ausschreitungen gekommen. 476 Polizisten wurden verletzt, 186 Personen festgenommen. Der Präsident der Bundespolizei, Dieter Romann, sprach von einer neuen Dimension linksterroristischer und autonomer Gewalt. Der Leiter des evangelikalen JesusCenters mitten im Schanzenviertel von Hamburg, Holger Mütze, sagte der Evangelischen Nachrichtenagentur idea: „Wir haben Bewahrung erlebt – es hätte viel schlimmer kommen können.“ Der 54-Jährige leitet seit fast 25 Jahren die Einrichtung, in der Bedürftige beraten und betreut werden. Die linksradikalen Gewalttäter seien perfekt organisiert gewesen: „Es war lebensgefährlich.“ Wenn man das im Blick habe, könne man nur dankbar sein.

Oettinghaus: Es gab eine diabolische Gewaltorgie, aber auch Gebetserhörungen

Der Leiter des Runden Tisches Gebet der Koalition für Evangelisation in den evangelischen Kirchen, Bernd Oettinghaus (Frankfurt am Main), sagte idea, dass man auch die Ohnmacht des Gebets angesichts der „maßlosen, ja diabolischen Gewaltorgie“ gespürt habe. In der Anarchie habe das Böse seine teuflische Fratze gezeigt: „Die Polizei griff nicht mehr ein. Die Täter konnten machen, was sie wollten.“ Noch nie habe er sich einer solchen Ohnmacht ausgesetzt gefühlt. Manche „Gaffer“ hätten das Treiben amüsiert beobachtet. In unmittelbarer Nähe zum JesusCenter habe es einen Schwelbrand in der Sparkasse gegeben. Trotz mehrfacher Telefonate sei über zweieinhalb Stunden lang keine Feuerwehr erschienen. Dass der Brand nicht in ein offenes Feuer umschlug, sei ein „Geschenk des Himmels“ gewesen. Oettinghaus zufolge waren die meisten Demonstranten friedlich – etwa bei der größten Anti-G20-Demo unter dem Motto „Grenzenlose Solidarität statt G20“ mit nach Veranstalterangaben 76.000 Teilnehmern. Das Miteinander der Christen bezeichnete Oettinghaus als „genial“. An den sechs festen Gebetsstandorten hätten sich konkrete Hilfe und Gebet gemischt. So habe die Heilsarmee etwa Demonstranten, denen die Schuhe kaputtgegangen seien, andere aus der Kleiderkammer geschenkt. An „mobilen Gebetstruppen“ hätten sich über 50 Christen beteiligt. Ähnlich äußerte sich der Vorsitzende der Evangelischen Allianz Hamburg, Pastor Matthias Wolff: „Wir haben viel für Ruhe und Frieden gebetet. Das ist leider nicht so, wie wir es uns gewünscht hätten, eingetroffen.“ Positiv sei aber beispielsweise der engagierte Einsatz der Bürger nach dem Gipfel gewesen. Viele hätten freiwillig geholfen, die Straßen zu säubern.

Auch 12.000 christliche Schüler haben gebetet

Laut dem Sprecher der Abteilung Schule und Hochschule des Erzbistums Hamburg, Christoph Schommer, nahmen am Morgen des 6. Juli gut 10.000 katholische und rund 1.500 evangelische Schüler an einem Gebet für Frieden und gegen Armut, Flucht sowie Naturzerstörung teil. Die katholischen Schüler träfen sich seit 2015 jeden Donnerstag an ihren Schulen zum Gebet. Anlässlich des Gipfels habe man drei Donnerstage den Themen der Veranstaltung gewidmet. Am 13. Juli werde man noch einmal speziell dafür beten und dabei sicherlich, so Schommer, im Vorfeld auch über die Ausschreitungen sprechen.

Bischöfin Fehrs: Die Andachten waren ein mutmachendes Zeichen

Die Bischöfin im Sprengel Hamburg und Lübeck der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland (Nordkirche), Kirsten Fehrs, sagte idea, dass die hemmungslose Gewalt sie erschreckt habe: „Diese hasserfüllten Attacken auf Wohngebiete haben nichts mehr mit Protest zu tun. Leider verblassen angesichts dieser Bilder die friedlichen Kundgebungen, die es ja auch gab.“ Die Kirchen hätten mehr als 40 Friedensgebete angeboten, zudem habe es eine interreligiöse Auftaktveranstaltung mit Vertretern aller Weltreligionen in der Universität Hamburg gegeben und einen ökumenischen Gottesdienst in der Hauptkirche St. Katharinen mit 1.000 Teilnehmern: „All diese Andachten, in denen wir ausdrücklich auch für die Teilnehmer am G20-Gipfel gebetet haben, waren ein mutmachendes und hoffnungsvolles Zeichen.“ Für den unermüdlichen Einsatz der Polizei- und Notfallseelsorge sei sie dankbar: „Die Polizistinnen und Polizisten haben Unglaubliches geleistet, Gesundheit und Leben riskiert bei diesem Einsatz.“

„Kirche muss auch Linksextremismus bekämpfen“

Laut dem Vorsitzenden der Konferenz Bekennender Gemeinschaften in den evangelischen Kirchen Deutschlands, Pastor Ulrich Rüß (Hamburg), muss künftig der Linksextremismus ebenso bekämpft werden wie der Rechtsextremismus. Bisher sei bei der Kirche dort kein Engagement erkennbar, sagte Rüß idea: „Von Staat, Parteien, vor allem aber auch von den Kirchen erwarte ich, dass endlich genauso der Linksextremismus bekämpft wird zum Schutz der Demokratie und der Bürger.“

World Vision: Die Versprechen müssen umgesetzt werden

Bei den Hilfswerken waren die Reaktionen auf die Erklärungen der G20 gemischt. Der Vorsitzende des christlich-humanitären Hilfswerks World Vision Deutschland, Christoph Waffenschmidt (Friedrichsdorf bei Frankfurt am Main), sagte gegenüber idea, dass auf dem Gipfel wesentliche Entscheidungen getroffen worden seien. Er hoffe, dass die dort gemachten Versprechen, mehr Mittel für Hungernde bereitzustellen, nun auch umgesetzt werden. Andere Organisationen äußerten sich enttäuscht und kritisierten Allgemeinplätze. Dem katholischen Hilfswerk Misereor zufolge gab es keine wegweisenden Entscheidungen für eine gerechtere Gestaltung der Globalisierung oder die Bekämpfung von Klimawandel und Armut.