27.09.2011

Deutsche Evangelikale profitieren von US-Christen

Viele Organisationen gäbe es ohne anglo-amerikanische Impulse nicht

Marburg (idea) – Die meisten evangelikalen Organisationen in Deutschland verdanken ihre Entstehung geistlichen Impulsen aus Großbritannien und den USA. Darauf hat der Leiter der Forschungsstelle Neupietismus an der Evangelischen Hochschule Tabor, der Kirchenhistoriker Prof. Frank Lüdke (Marburg), hingewiesen. Er sprach auf dem 2. Theologischen Symposium der Forschungsstelle, bei dem sich rund 30 Experten am 23. und 24. September in Marburg mit den englisch-amerikanischen Einflüssen auf den deutschen Neupietismus befassten. Mit diesem Begriff wird vor allem die Gemeinschaftsbewegung innerhalb der evangelischen Volkskirche bezeichnet, die seit Ende des 19. Jahrhunderts im Evangelischen Gnadauer Gemeinschaftsverband (Vereinigung Landeskirchlicher Gemeinschaften) organisiert ist. Wie Lüdke sagte, seien im 19. Jahrhundert wesentliche Anstöße zur Erneuerung des Christentums in Deutschland aus dem anglo-amerikanischen Bereich gekommen. Er nannte dafür drei Gründe: So habe England als die damals führende Weltmacht eine Art Leitkultur dargestellt. Gleichzeitig sei das englische Christentum zu Beginn des 19. Jahrhunderts durch die methodistischen Einflüsse weitaus lebendiger gewesen als die Kirchen in Deutschland. Außerdem habe der Pragmatismus der US-Amerikaner die Bereitschaft gefördert, neue Formen christlichen Lebens auszuprobieren.

Evangelische Allianz als Schaltstelle

Eine wichtige Schaltstelle zur Übertragung der anglo-amerikanischen Einflüsse sei die 1846 in London gegründete Evangelische Allianz gewesen. Schon elf Jahre später habe der dritte internationale Kongress der Allianz in Berlin auch dem Christenbund in Deutschland zum Durchbruch verholfen. Lüdke vermutet: „Die heutige Gemeinschaftsbewegung und die meisten Freikirchen gäbe es wohl ohne Impulse aus England und den USA gar nicht.“ Nach seinen Worten übt das englischsprachige Christentum eine unverändert starke Anziehungskraft vor allem auf Evangelikale in Deutschland aus. Sie übernähmen die Ideen jedoch nicht komplett, sondern passten sie den hiesigen Verhältnissen an. Eine der einflussreichsten Persönlichkeiten der Nachkriegsjahrzehnte sei der US-Baptistenpastor Billy Graham (92) gewesen, der vor schätzungsweise 210 Millionen Menschen in 185 Ländern predigte – auch mehrfach in Deutschland. 1993 war er der erste Hauptredner der Evangelisation ProChrist. Als Impulsgeber neuerer Zeit nannte Lüdke unter anderen Bill Hybels, den Gründer der Willow-Creek-Gemeinde bei Chicago. Sie wurde durch ihre Gottesdienste für Kirchendistanzierte bekannt. Durch Kongresse und Schulungen entstand eine internationale Bewegung, die mehr als 12.000 Gemeinden in 45 Ländern verbindet.

Letzte große europäische Erweckung war in Wales

Der Theologe Wolfgang Reinhardt (Kassel) regte an, ein wissenschaftliches Zentrum zu schaffen, das die Erweckungsbewegungen auf allen Kontinenten erforscht und vergleicht. Er sprach über die Erweckung in Wales von 1904 bis 1906, den letzten großen geistlichen Aufbruch in Europa, der ein ganzes Land erfasst hat. Dort sollen sich rund 100.000 Menschen bekehrt haben. Als Folge seien etwa Alkoholismus und Kriminalität deutlich zurückgegangen, so Reinhardt. Die Ereignisse in Wales hätten Erweckungen auf allen Kontinenten ausgelöst. Auch in Deutschland sei es zu lokalen Aufbrüchen gekommen. Pietisten, darunter adlige Frauen wie Eva von Tiele-Winckler (1866-1930), seien nach Wales gereist und hätten dann ihre Erfahrungen in der Heimat weitergegeben. Reinhardt definierte eine Erweckung als außergewöhnliche Erfahrung der Nähe Gottes, die dazu führe, dass zunächst Christen ihre Schuld vor Gott und voreinander er- und bekennen. Weitere Kennzeichen seien massenhafte Bekehrungen und soziale Veränderungen. Reinhardt bedauerte, dass das Interesse in pietistischen Kreisen an früheren Erweckungen relativ gering sei. Es gelte, in den Gemeinden und in der Forschung neues Interesse dafür zu wecken.