07.12.2017

China: Das Christentum wächst

Martin Luther in der Volksrepublik China

Im kommunistischen China wächst das Christentum. Während die offiziellen Kirchen staatlichen Auflagen unterliegen, entwickeln sich immer mehr Untergrundgemeinden. Johannes Wallmann, emeritierter Professor für Kirchengeschichte an der Ruhr-Universität Bochum, war vor kurzem zehn Tage in China und traf auch evangelische Christen aus Untergrundkirchen.

Wer heute die Volksrepublik China besucht, wird entweder als Tourist die Große Mauer besichtigen oder als Geschäftsmann mit chinesischen Firmen verhandeln, aber kaum mit Mitgliedern der evangelischen Kirche in Verbindung kommen. Ich konnte das auf einer zehntägigen Reise nach Schanghai.

Meine Frau, Professorin für Kirchengeschichte an der Theologischen Fakultät der Humboldt-Universität Berlin, war von der Abteilung für deutsche Sprache, Geschichte und Kultur der Shanghai International University eingeladen worden, im Jahr des Reformationsjubiläums für deutschsprachige chinesische Studenten Vorlesungen über Martin Luther und die Reformation zu halten. Ich begleitete sie auf eigene Kosten überallhin. Wir waren untergebracht im Gästehaus der Universität Schanghai und merkten sofort, wie schwierig es für einen Europäer ist, mit Chinesen in Kontakt zu kommen. Selbst an der Rezeption des aus vielen europäischen Ländern besuchten Gästehauses der Universität spricht kein Chinese Englisch.

Die offiziellen Kirchen unterliegen Auflagen

Die uns begleitende Studentin erzählte uns, sie sei Mitglied der evangelischen Kirche, allerdings nicht der offiziellen Kirche, sondern einer Untergrundkirche. Wir wussten, dass unter den fünf in China anerkannten Religionen – Buddhismus, Taoismus, Hinduismus, Christentum und Islam – das Christentum am stärksten wächst. Den größten Zuwachs hat die evangelische Kirche, wie sie in China genannt wird, wo es keine lutherische Kirche gibt, sondern alle protestantischen Kirchen in einer Kirche zusammengefasst sind, die man wegen ihres biblizistischen Charakters evangelikale Kirche nennen könnte. Die beiden offiziell anerkannten christlichen Kirchen unterliegen Auflagen. Die katholische musste sich von der Verbindung zum Papsttum lösen, die evangelische darf keine Verbindung zum Ausland – vor allem zu den meist nordamerikanischen Mutterkirchen – haben. Früher hießen viele protestantische Kirchen in China methodistische Kirche.

Treuebekenntnisse zum kommunistischen Staat

Während unseres Aufenthalts fand in Peking der Kongress der Kommunistischen Partei statt, auf dem der allmächtige Parteichef Xi Jinping seine mehrstündige Rede hielt, in der er auch die Religionen erwähnte. Das in China ausbrechende „Religionsfieber“ macht ihm offensichtlich Sorge. Kurz vor dem Kongress hatte die staatliche Religionsbehörde die Würdenträger der in China anerkannten fünf Religionen nach Peking zitiert. Sie sollten das Konzept der „Sinisierung der Religion“ studieren und befolgen, auf das sie die Religionsbehörde einschwor. Sinisierung heißt: Alle Religionen sollen sich auf eine Weise entwickeln, mit der sie sich in die chinesische Kultur integrieren. Alle Verbindungen zum Ausland sollen abgebrochen werden. Der Vorsitzende der evangelischen Kirche, Fu Xianwei, gestand zu, dass sich die christliche Religion in der Theologie und der kulturellen Ausrichtung mehr „sinisieren“ müsse. Auch der Vorsitzende der katholischen Kirche und die Vorsitzenden der übrigen religiösen Gemeinschaften gaben ähnliche Treuebekenntnisse ab. Alle offiziell anerkannten Kirchen beugen sich dem Konzept der Sinisierung. So werden sie in der Öffentlichkeit anerkannt, und man sieht in Schanghai zuweilen Kirchengebäude mit dem Kreuz auf dem Dach.

Untergrundkirchen: Rapides Wachstum

Aber die Untergrundkirchen beugen sich dem Konzept der Sinisierung nicht. Sie wachsen schneller als die offiziellen Kirchen. Unsere Studentin sprach von einem rapiden Wachstum. Die Zahl der Konversionen zum Christentum – meist zu den Untergrundkirchen – gehe in die Millionen. Zwar sind die Christen im Verhältnis zu der Gesamtzahl der Chinesen (1,4 Milliarden) eine verschwindende Minderheit, für den, der aus Deutschland kommt, aber ein erfreuliches Zeichen. Die Gemeinden haben keine Kirchen, sondern treffen sich in Häusern. Der Staat weiß das natürlich, hat vermutlich seine Spitzel in den Versammlungen, lässt sie meist gewähren, schlägt aber dann gewaltsam zu, löst die Gottesdienste auf und verschleppt Gemeindeleiter. Im vergangenen Jahr kamen der Vatikan und die chinesische Kirche zu einem Übereinkommen über Bischofsernennungen, so dass man auf eine Überwindung der Spaltung der katholischen Kirche hoffen konnte. Xi Jinping sprach auf dem Parteitag von der Verschärfung der Bestimmungen der Sinisierung, was wenig Anlass für solche Hoffnung gibt. Die Bestimmungen zielen darauf, alle religiösen Aktivitäten außerhalb des staatlich anerkannten Rahmens zu erschweren. Das kann die evangelischen Hauskirchen betreffen. Organisatoren von „illegalen religiösen Versammlungen“ können mit Strafen von umgerechnet 35.000 Euro belangt werden. Auch wer Versammlungsorte zur Verfügung stellt, muss mit hohen Geldstrafen rechnen. Wir wollten am Sonntag einen evangelischen Gottesdienst besuchen. Unsere Studentin riet uns, einen Gottesdienst der offiziellen Kirche zu besuchen. Die Räume, in der die Gottesdienste der Untergrundkirche stattfinden, seien zwar reichlich besucht, aber unwirtlich, und wir brächten die Gemeinde vielleicht in Schwierigkeiten.

Reiches deutsch-jüdisches Leben in Shanghai

Wir besuchten auch das Museum für die aus Deutschland bei Beginn des Zweiten Weltkriegs nach Schanghai geflohenen ca. 20.000 deutschen und österreichischen Juden, für die Shanghai der einzige Fluchtort verblieb, weil die Japaner, die im Krieg mit China Schanghai besetzt hielten, sie ohne Visum einreisen ließen. Die deutschen und österreichischen Juden, von amerikanischen jüdischen Organisationen unterstützt, führten ein reges Leben, druckten deutschsprachige Zeitungen, gründeten Wiener Cafés mit deutschen Torten, ein Kleindeutschland mit reicher Kulturlandschaft (Theater und Konzerten). Sie kamen erst in Bedrängnis, als nach dem Angriff auf Pearl Harbour im Dezember 1941 Japan mit den USA in Krieg geriet. Sie wurden in Ghettos von der chinesischen Bevölkerung isoliert und verloren die Hilfe aus den USA. Deutsche SS-Leute versuchten, die Japaner zur Verfrachtung der Juden auf Schiffe zu bewegen, wo sie vergast werden sollten. Nur weil die Japaner das nicht taten, konnten die Juden überleben, unter ihnen Michael Blumenthal, bis 2014 Leiter des Jüdischen Museums in Berlin.

Quelle: idea