Allianzgebetswoche: „Christen sind welttüchtig, nicht weltflüchtig“
Über 340.000 Besucher bei Gebetstreffen im deutschsprachigen Europa
Kassel (idea) – Mit dem Aufruf, sich durch die Kraft der christlichen Botschaft verändern zu lassen und für das Gemeinwesen einzusetzen, ist die Gebetswoche der Evangelischen Allianz am 15. Januar zu Ende gegangen. Im deutschsprachigen Europa beteiligten sich nach Schätzung der nationalen Allianzen an rund 1.500 Orten über 340.000 Christen – etwa so viele wie im Vorjahr: 300.000 in Deutschland, 40.000 in der Schweiz und 4.000 in Österreich. Die Gebetswoche stand unter dem Motto „Verwandelt durch Jesus Christus“. Der Vorsitzende der Deutschen Evangelischen Allianz, Präses Michael Diener (Kassel), sagte zum Abschluss in Kassel, gerade weil Christen um die Herrschaft Gottes wüssten, setzten sie sich für die Gesellschaft ein – auch dann, wenn sie keine mehrheitsfähige Positionen hätten: „Wir sind dankbar für unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung und beten für die irdischen Regenten.“ Bei der Allianzgebetswoche tue man besonders Fürbitte für diejenigen, die nicht in demokratischen Verhältnissen leben dürften und um ihres Glaubens willen verfolgt würden. Im Vertrauen auf Gott seien Christen „welttüchtig und nicht weltflüchtig, mutig und hoffnungsvoll“, so Diener, der im Hauptamt Präses des Evangelischen Gnadauer Gemeinschaftsverbandes (Vereinigung Landeskirchlicher Gemeinschaften) ist. Er begrüßte, dass an vielen Orten in Rathäusern und auf öffentlichen Plätzen für Regierende gebetet wurde und sich mancherorts auch Politiker beteiligten.
Kauder: Glaube ist keine Privatsache
Prominentester Teilnehmer war der Fraktionsvorsitzende der CDU/CSU im Deutschen Bundestag, Volker Kauder. Bei einer Veranstaltung in Wuppertal bezeichnete er die Freiheit der Religionsausübung als das existentiellste Menschenrecht. Im Blick auf die Christenverfolgung sagte er: „Wir dürfen nicht zulassen, dass Regionen in der Welt zu christenfreien Zonen gemacht werden.“ Es gehöre zum christlichen Bekenntnis, bedrängten Mitchristen beizustehen. Zugleich wandte sich Kauder dagegen, den christlichen Glauben mehr und mehr aus der öffentlichen Diskussion in Deutschland zu verdrängen: „Kunst, sexuelle Orientierung, alles das ist öffentlich. Und der Glaube: Privatsache.“
Gebet für Verfolgte war ein Schwerpunkt
Der Generalsekretär der Deutschen Evangelischen Allianz, Hartmut Steeb (Stuttgart), zog eine positive Bilanz der Gebetswoche. Das Verständnis für die geistliche Einheit aller Christen über Kirchengrenzen hinweg sei gewachsen. Die Fürbitte für verfolgte Christen in Ländern wie Nigeria, Somalia, Eritrea, Saudi-Arabien, dem Iran und Nordkorea sei ein Schwerpunkt gewesen. Bei den Gebetstreffen habe man ferner die Botschaft von der ewigen Gemeinschaft mit Gott betont: „Nur wer Ewigkeit hat, hat Zeit. Wir brauchen daher in unserer stressgeplagten Welt wieder neu die Ewigkeitsperspektive.“ Erfreut zeigte sich Steeb auch darüber, dass an vielen öffentlichen Orten gebetet worden sei, zum Beispiel im niedersächsischen Landtag, in Rathäusern, Schulen, Sozialeinrichtungen und Straßenbahnen. In immer mehr Kommunen gebe es monatliche „Gebete für die Stadt“.
Nicht an Demontage von Wulff beteiligen
Der Direktor des Diakonissen-Mutterhauses in Elbingerode (Harz), Pastor Reinhard Holmer, griff im Abschlussgottesdienst in Frankfurt am Main die aktuelle Debatte um Bundespräsident Christian Wulff auf: „Ja, er hat einen Fehler gemacht und die Justiz soll prüfen, ob er sich strafbar gemacht hat. Aber ich will mich nicht beteiligen an der Demontage von Menschen und Ämtern. Das macht unsere Gesellschaft kaputt.“
Gottvergessenheit „würgt das Leben ab“
Der Leiter der evangelistischen Aktion „ProChrist“, Ulrich Parzany (Kassel), warnte in Bielefeld vor den Folgen der Gottvergessenheit: Sie „ist im wahrsten Sinne des Wortes mörderisch. Sie würgt uns das Leben ab“. Parzany rief die rund 600 Besucher zur Mitarbeit an Gottes Mission auf, „damit alle Menschen gerettet werden“. Der frühere CVJM-Generalsekretär wird vom 18. bis 25. März bei einer ProChrist-Evangelisation unter dem Motto „Gott hat uns nicht vergessen“ in Bielefeld sprechen. Der frühere Allianzvorsitzende, der Vorstandsvorsitzende von ERF Medien (früher: Evangeliums-Rundfunk), Jürgen Werth (Wetzlar), sagte in Gummersbach zum Motto der Gebetswoche: „Wir wollen uns von Christus zu einem Menschen verwandeln lassen, in dem seine Liebe wohnt. Jeder Christ eine kleine Filiale des Himmels!“ In Ulm sagte der Vorsitzende des Süddeutschen Gemeinschaftsverbandes, Dietmar Kamlah (Stuttgart), die von Jesus Christius im Leben von Menschen begonnene Veränderung werde in der Ewigkeit abgeschlossen. Es sei tröstlich, dass das irdische Trübsal nicht die letzte Wirklichkeit sei.
Kirchenpräsident: Mehr Glaubenscourage bitte!
Bei der Gebetswoche wirkten auch führende Kirchenrepräsentanten mit. Der Kirchenpräsident der Evangelisch-reformierten Kirche, Jann Schmidt (Leer), ermunterte in Lübeck zu mehr Glaubenscourage im öffentlichen Leben, im Beruf und in den persönlichen Beziehungen: „Als Christen sind wir nur dann glaubwürdig, wenn unser Christsein Alltagskraft hat und nicht in der Festtagsverzierung der Advents- und Weihnachtszeit verharrt.“ Schmidt, der auch dem Rat der EKD angehört, sprach vor rund 600 Besuchern in der baptistischen Friedenskirche. Der Kirchenpräsident der Evangelischen Landeskirche Anhalts, Joachim Liebig (Dessau), hatte in einem Gottesdienst zum Auftakt der Gebetswoche in Dessau gepredigt. Dabei warnte er die Kirche vor Machbarkeitsdenken. Sobald sie sich auf Konzepte und menschliche Planungen für ihren Fortbestand verlasse, verlasse sie die Segenszusage Gottes. Allein Gebet, die Heilige Schrift und die Sakramente sicherten den Bestand von Kirche. Das schließe jedoch eine kluge Durchdringung von Sachfragen nicht aus. Aber kein Sachzwang sei für den Fortbestand von Kirche heilsrelevant. Ebenso wenig sei es hinnehmbar, wenn Menschen glaubten, aus eigener Kraft das Evangelium befördern zu können. „Es ist allein Gottes Werk, und wir sind seine ‚unnützen Knechte’“, so Liebig unter Bezug auf Martin Luther (1483-1546).
Bremen: 12-stündige Anbetungs-Nacht
Zum Abschlussgottesdienst in Bremen kamen rund 750 Besucher. Dabei widersprach der frühere Präses des Bundes Freier evangelischer Gemeinden, Peter Strauch (Wetter/Ruhr), der Ansicht, die Erde sei wie ein untergehendes Kreuzfahrtschiff, in das es sich nicht zu investieren lohne. Der Auftrag Gottes, die Erde zu bewahren sei immer noch gültig. Aber Gott werde alles neu machen, sagte Strauch im Blick auf das neutestamentliche Buch der Offenbarung (21,5). An einer Anbetungs-Nacht von Freitag (19 Uhr) bis Samstag (7 Uhr) beteiligten sich rund 200 Jugendliche. 35 hielten bis zum Ende durch. In der Hamburger Hauptkirche St. Michaelis versammelten sich rund 600 Christen. Dabei rief der Geschäftsführer der örtlichen Allianz, Pastor Detlef Pieper, zum verstärkten Gebet für die Hansestadt auf. Sein Traum: „Christen aus unterschiedlichen Gemeinden in einem Stadtteil treffen sich zum Stadtteilgebet. Christliche Leiter treffen sich zum Gebet für unsere Stadt. Jeden Sonntag betet eine Gemeinde für Hamburg.“ In Norderstedt (Schleswig-Holstein) gingen die Christen bei ihrem Abschlussgottesdienst auf die Straße, wie der Baptistenpastor Veit Praetorius mitteilte. Sie beteten vor dem Rathaus, in einem Industriegebiet, einem sozialen Brennpunkt der Stadt sowie vor einer Schule. Sie setzten damit das Motto des Gottesdienstes um „Sucht der Stadt Bestes und betet für sie“.
München: Gebet in der Schule
In München kamen die Beter unter anderem in der privaten evangelischen Lukas-Schule zusammen. Die rund 70 Teilnehmer dankten Gott dafür, dass die Zahl der Bekenntnisschulen auf biblischer Grundlage in Deutschland zunimmt. Außerdem beteten sie für Familien in Not und eine kinderfreundlichere Gesellschaft. In Heidenheim (Ostwürttemberg) wurden zu Beginn der Gebetswoche Unterschriften gegen eine Astrologie-Ausstellung in einem großen Einkaufszentrum gesammelt. Rund 290 Teilnehmer wandten sich insbesondere dagegen, dass in einer „Astro Lounge“ kostenlose Kurzhoroskope erstellt werden. Nach Angaben der Evangelischen Allianz Berlin beteiligten sich dort rund 3.000 Christen an 90 Orten. Gebetstreffen gab es unter anderem in den Rathäusern von Charlottenburg und Reinickendorf. Zum zentralen Abschlussgottesdienst kamen 250 Besucher in die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche.



