Ägypten: Kirchenvertreter und Menschenrechtler in großer Sorge
Unruhen am Nil: Stürzt Ägypten ins Chaos?
Kairo (idea) – Erstmals nach dem Sturz des diktatorischen Regimes von Hosni Mubarak sollen die Ägypter am 28. November ein demokratisches Parlament wählen. Doch die Lage im Land am Nil spitzt sich zu. Am dritten Tag in Folge liefern sich Demonstranten und Polizei schwere Straßenschlachten auf dem Kairoer Tahrir-Platz. Mit Gummigeschossen feuern die Sicherheitskräfte in die Menge. Die Proteste richten sich besonders gegen die Macht des Obersten Militärrats, der die Übergangsregierung stellt. Die Zusammenstöße forderten nach Berichten von Aktivisten bisher mehr als 33 Menschenleben. Kirchenvertreter und Menschenrechtsexperten sind tief besorgt. Pfarrer Axel Matyba von der deutschsprachigen Evangelischen Gemeinde in Kairo sagte gegenüber der Evangelischen Nachrichtenagentur idea: „Die Brutalität, mit der die Soldaten vorgehen, ist unvorstellbar. So kann man nicht mit Menschen umgehen, die protestieren und andere Meinungen vertreten.“ Er sorgt sich auch um die christlichen Kopten und andere religiöse Minderheiten. Es sei nötig, ihren Schutz verfassungsmäßig festzuschreiben. Angesichts der politischen Unsicherheit bestehe die Gefahr, dass der Hass in religiösen Auseinandersetzungen weiter geschürt werde. Der Nahost-Referent der Gesellschaft für bedrohte Völker, Kamal Sido (Göttingen), äußerte sich gegenüber idea pessimistisch: „Der Demokratisierungsprozess wird von der Armee sabotiert. Der Militärrat will die Macht nicht abgeben.“ Da die Kopten an Stabilität interessiert seien, könnten sie die Ausschreitungen nur mit wachsender Besorgnis sehen. Sido wies auf das Erstarken der Muslimbrüder hin: „Das ist eine große Gefahr für die Minderheiten und für die Demokratie.“
Katholiken: Keine gezielten Vernichtungsschläge gegen Christen
Der Seelsorger der deutschsprachigen Katholiken im Nahen Osten, Monsignore Joachim Schroedel (Kairo), erwartet, dass das islamische Religionsgesetz, die Scharia, Grundlage der Rechtsprechung in Ägypten bleiben werde. „Die fundamentalen Rechte für Christen werden deshalb trotzdem eingeklagt und zwar gerade von Intellektuellen und der Jugend. Diese Gruppen wollen weder eine autokratische noch eine religiöse Herrschaft“, sagte Schroedel gegenüber der katholischen Hilfsorganisation „Kirche in Not“ (München). Nach seiner Ansicht gibt es aber „keine gezielten oder systematischen Vernichtungsschläge gegen Christen“.
Evangelikale: „Betet, dass der Herr diese Nation leitet ...
Auch die Weltweite Evangelische Allianz (WEA) ist in großer Sorge. Die Kopten seien als größte religiöse Minderheit besonders bedroht. In einer Erklärung ruft die WEA zur Fürbitte für Ägypten auf: „Betet, dass der Herr diese Nation führt und leitet. Bittet ihn, dass er Führer erwählt, die mit Integrität und Gottesfurcht regieren.“ Freie Wahlen und der Erhalt des Friedens seien weitere wichtige Gebetsanliegen. Von den 83 Millionen Einwohnern sind 90 Prozent Muslime und etwa zehn Prozent Christen, meist Kopten.



