19.05.2017

Religiöser Machtmissbrauch ist in vielen Gemeinden ein Tabuthema

Deutsche Evangelische Allianz veranstaltete Fachtagung in Bad Blankenburg

Bad Blankenburg (idea) – Religiöser Machtmissbrauch ist in vielen christlichen Gemeinden und Werken nach wie vor ein Tabuthema. Darin waren sich Teilnehmer einer Fachtagung im thüringischen Bad Blankenburg einig. Dazu eingeladen hatte die Deutsche Evangelische Allianz. Sie unterhält seit 2015 eine sogenannte Clearingstelle. Betroffene, die unter Machtmissbrauch oder Manipulation leiden, können sich an einen von sechs ehrenamtlichen Beauftragten wenden. Wie der Generalsekretär der Deutschen Evangelischen Allianz, Hartmut Steeb (Stuttgart), der Evangelischen Nachrichtenagentur idea sagte, gingen in den vergangenen beiden Jahren rund 20 Anfragen bei der Clearingstelle ein. Das sei vergleichsweise wenig, bedeute seiner Ansicht nach aber nicht, dass das Problem des Machtmissbrauchs in Gemeinden kleiner sei als angenommen. Allerdings sei die Hürde für Betroffene hoch, sich Hilfe zu suchen: „Oft erwarten die Menschen auch von niemandem mehr Hilfe, weil sie vielleicht schon Abfuhren erlebt haben.“

Wenn es heißt „Der Herr hat mir gesagt“, ist Vorsicht geboten

Eine der Beauftragten der Allianz, die psychologische Beraterin Martina Kessler (Gummersbach), hält einen autoritären Führungsstil für besonders gefährlich. Solche Leiter manipulierten andere beispielsweise mit Aussagen wie „Der Herr hat mir gesagt“. Auch Bibelzitate würden gern angeführt, um den eigenen Kurs zu rechtfertigen. So könne etwa die Aufforderung „Betet ohne Unterlass“ dazu missbraucht werden, sämtliche Probleme „wegzubeten“, anstatt Konflikte zu bearbeiten. Um Machtmissbrauch in Gemeinden vorzubeugen, soll dem Thema künftig auch an theologischen Ausbildungsstätten mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden. Die Deutsche Evangelische Allianz hatte mit der Einrichtung der Clearingstelle auf die ARD-Fernsehsendung „Mission unter falscher Flagge – Radikale Christen in Deutschland“ vom August 2014 reagiert. Darin waren fünf charismatische bzw. pfingstkirchliche Organisationen mit Kontakten zur Allianz beschuldigt worden, geistlichen Machtmissbrauch betrieben zu haben. Der damalige Vorsitzende der Deutschen Evangelischen Allianz, Michael Diener (Kassel), hatte eingeräumt, dass Übergriffe „bei einzelnen Mitgliedern wirklich vorkamen und leider weiterhin vorkommen können“.