Start in die Stille
Monatliches Allianzgebet für Dezember 2009
Am nächsten Morgen verließ Jesus lange vor Sonnenaufgang die Stadt und zog sich an eine abgelegene Stelle zurück. Dort betete er.
(Markus 1,35)
Herr, höre doch, was ich sage; achte auf mein Seufzen und Stöhnen!
Verschließ die Ohren nicht, wenn ich um Hilfe schreie, du mein König und mein Gott! An dich wende ich mich mit meiner Bitte. Früh am Morgen hörst du mein Rufen, in der Frühe trage ich dir meine Sache vor und warte auf deine Entscheidung.
(Psalm 5,2–4)
„Wenn es still wird, wird’s gefährlich.“ Dieser Grundsatz gilt in der Natur – denn wenn sich größere Raubtiere auf die Jagd begeben, verstummen die potenziellen Opfer und verstecken sich. Alle Tiere verhalten sich ganz still, sie hören genau hin und erst wenn die Gefahr vorüber gezogen ist, dürfen sie sich wieder rühren. Im Alltag des 21. Jahrhunderts gibt es kaum noch Stille. Ja, es scheint fast, als ob die Stille selbst zu einer Gefahr mutiert sei. Von vielen Menschen wird Stille als Bedrohung empfunden, weshalb viele sie meiden und nur wenige sie suchen. Sie unterbricht auf unangenehme Weise unser Leben und nur selten genießen wir sie. Eigentlich gibt es Stille nur dann, wenn aktiv Raum für sie geschaffen wird: in Pausen, im Urlaub, am Sonntag, bei Retraiten oder Stille-Tagen.
In der Bibel gehört Stille zum täglichen Leben dazu. Jedoch nicht unter der alleinigen Perspektive, dass dadurch ein gesunder Ruhepol gegenüber der Alltagshektik geschaffen wurde – so wie Gott ruhte, nachdem er die Welt geschaffen hatte. Es ist gut und richtig, Momente der Stille in den Alltag zu integrieren, um zur Ruhe zu kommen oder einfach mal abzuschalten. In der Bibel ist im Zusammenhang mit Stille jedoch noch eine höhere Dimension beschrieben, die uns in unserem Alltagsleben allzu oft schwer fällt oder verloren geht: In der Stille begegnet uns Gott.
Die Sehnsucht nach der Begegnung mit Gott trieb alle biblischen Persönlichkeiten (z.B. Mose, Elia, David) in die Stille. Denn dort beteten sie – nicht nur um ihre eigenen Gedanken vor Gott auszusprechen, sondern auch um auf Gott zu hören und von ihm her Entscheidungen zu erwarten (Psalm 5,4). In der Stille, im Gebet erlebten und erhielten sie Berufung, Zuspruch, Herausforderung, Klarheit, Mut, Dankbarkeit, Ziele, Visionen und Perspektiven.
Jesus selbst suchte die Stille und das Gebet zu Beginn seiner Wirkungszeit (Markus 1,35). Während intensivster Einsätze nahm er sich immer wieder die Freiheit – trotz wartender Menschenmassen – sich zurückzuziehen, um zu beten und in der Stille Gott zu begegnen (Lukas 5,16). Und auch unmittelbar vor seinem Tod und der Auferstehung suchte er ein letztes Mal in einer Zeit der Stille und des Gebets im Garten Getsemane Antworten auf seine Fragen und Zugang zu Gottes Gedanken (Lukas 22,39–44).
Der Weg in die Stille ist kein leichter. Aber er dient der Begegnung mit dem lebendigen Gott. Praktische Übungen (Stilleübungen, längere Zeit der Stille vor dem Gebet) können dabei helfen. Sie erleichtern es unserem Geist, dem Körper hinterher zu kommen bzw. in eine Haltung der Ruhe und der Konzentration einzutreten. Zugleich können aber gerade diese Übungen unangenehm sein. Und wenn sich „der Körper“ nicht wohl fühlt, ist es erst recht schwer zur Ruhe zu kommen und in die Stille einzutreten. In diesem Sinne können Übungen hilfreich, aber auch störend sein. Es lohnt sich, zu experimentieren: Ganz persönlich, aber auch in der Gebetsgruppe.
Dr. Christian Brenner ist Generalsekretär des Bibellesebundes, Mitglied des Hauptvorstandes der Deutschen Evangelischen Allianz und einer der Initiatoren des „Jahr der Stille 2010“
Zur Vorbereitung und Gestaltung
Im Advent 2009 beginnt das „Jahr der Stille 2010“. Dabei handelt es sich um eine gemeinsame Initiative verschiedener christlicher Kirchen, Werke und Einrichtungen. Das „Jahr der Stille 2010“ will helfen, Balance zu finden. Ein gesundes Gleichgewicht zwischen Arbeit und Ruhe. Gottes faszinierenden Lebensrhythmus entdecken, den er selbst in uns angelegt hat. Neue Impulse bekommen über das fruchtbare Wechselspiel von Aktion und Stille. Stille einbauen lernen in den ganz normalen Alltag von Beruf, Familie und Gemeinde.
Zur Unterstützung ist ein Ideenheft mit vielen Impulsen und Anregungen für Mitmacher und Multiplikatoren erschienen. Es kann unter www.jahr-der-stille.de kostenlos bestellt werden.
Als konkrete Anregung für Gebetskreise empfiehlt sich eine Zeit der Stille und Konzentration, bevor gemeinsame Gebete gesprochen werden. Diese Zeit sollte ruhig mehrere Minuten umfassen – denn oft steigen wir aus hektischen Erfahrungen in Gebetszeiten ein, ohne uns zu vergegenwärtigen, dass wir im Gebet dem lebendigen Gott begegnen. Stillephasen können diesen Einstieg erleichtern.
Zum Beten
Lob und Dank
- für Gottes Nähe und Zuspruch in der Stille und im Gebet
- für seine Güte und Treue, mit er uns täglich begegnet
- für die Gebetsanliegen, die er in der zurückliegenden Zeit erhört hat
Buße und Bekenntnis
- dass wir oft wortreich ohne konkrete Erwartung auf Erkenntnis und Einsicht beten
- dass wir im Gebet eher Redende, aber nicht Hörende sind: wir beten ohne die Erwartung, dass Gott uns unmittelbar antworten möchte – und gehen damit über sein Reden hinweg
- dass wir vielfach ihm zwar unsere Gebete bringen, aber uns nicht für das interessieren, was Gott daraus macht
- Vergebung für unehrliche Gebete
Bitte
- um Gottes Handeln in unserem Leben und im Leben unserer Freunde und Nachbarn, die Gott noch nicht kennen
- für die Akzeptanz der Entscheidungen Gottes
- für Momente der Ruhe und der Begegnung mit Gott – für uns selbst, aber auch die Menschen in unserem Umfeld: herausgeforderte Freunde, Entscheidungsträger in der Gemeinde, Vorgesetzte, Politiker
Liedvorschläge
- Seid still und erkennt, Verfasser: unbekannt, Bearbeitung: Diethelm Strauch
- Leben aus der Quelle, Text und Melodie: Lukas Di Nunzio
- Stille vor dir, Text und Melodie: Carsten Groß

