Einander dienen – gemeindenahe Diakonie

Monatliches Allianzgebet für Oktober 2009

Der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und sein Leben gebe als Lösegeld für Viele.
(Markus 10,45)
Dienet einander, ein jeder mit der Gabe, die er vom Herrn empfangen hat, als gute Haushalter der mannigfaltigen Gnade Gottes.
(1. Petrus 4,10)
Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe. Die Liebe aber ist die Größte unter ihnen.
(1. Korinther 13,13)

„Diakonie ist nicht, was eine Gemeinde auch noch macht, sondern was sie ausmacht.“

Gefragt, was denn das Schlüsselwort für „Diakonie“ ist in den drei vorangestellten Bibeltexten, was würden Sie sagen? Das Wort „dienen“ oder „Liebe“? Ich schlage einmal das eher unauffällige Wörtchen „einander“ vor. Wir kennen es gut: „Nehmt einander an“, „habt acht aufeinander“, „einer trage des andern Last“, „dient einander“. Das unscheinbare Wort beschreibt die Lebendigkeit einer christlichen Gemeinde.

Wenn wir einander begegnen, einander grüßen, uns nach einander erkundigen, miteinander beten, singen, Abendmahl feiern, einander informieren, einander zuhören und klagen dürfen, dann ist das Diakonie. So fängt sie an, ganz unspektakulär. „Einander“ ist zudem ein Wort der Gegenseitigkeit. Es widersteht dem Gefälle von „oben“ und „unten“, von Helfenden und Hilflosen. Denn wir sind alle Diakoniefälle Gottes, und zu bestimmten Zeiten unseres Lebens handfeste Diakoniefälle auch füreinander.

„Seht, wie sie einander lieben“ wurde schon in der frühen Kirche zum geflügelten Wort von Außenstehenden über die Christen. Das ist nicht Romantik. Denn von Jesus lernen wir, dass der Blick der Liebe nicht nur das Fromme oder Heile sucht und findet. Er lenkt unser Sehen auf zerbrochenes, schuldiges und beschädigtes Leben. Gemeinde ist dazu da, dass solches Leben unter dem Evangelium der Gnade und in einer heilenden Gemeinschaft Schutz finden kann.

Wir sehen die große Krankheitslast vieler Menschen. Dann die Brüche, die viele bewältigen müssen: Scheidung, Arbeitsplatzverlust, Tod. Dann die Armut, vor allem von Kindern, oft in verwahrlosten und familiär instabilen Verhältnissen. Und Migranten, die nicht selten orientierungs-, heimatlos und manchmal schutzlos unter uns leben.

In der diakonischen Nachfolge Jesu verstecken wir uns nicht hinter Kirchenmauern. „Wir brauchen eine zweite Bekehrung, die Bekehrung zur Welt“, sagte Blumhardt – nicht, damit wir wieder Weltkinder würden, sondern damit wir das „Hingehen“ nicht verlernen, das Hingehen in die Welt, die Gott liebt. Darum ist Diakonie immer weltbezogen.

Dabei ist die Fantasie der Liebe gefragt. In der Gemeinde schafft sie sich konkrete Formen der Hilfe: Ein Hauskreis, in dem man sich mit seinem Leben öffnen darf; eine Besuchergruppe, die Kranke nicht allein lässt und in der man sich aufs Gespräch, Gebet und Segnen versteht;  eine Selbsthilfegruppe, die Menschen die Verarbeitung von Trauer oder Sucht erleichtert; gemeindeübergreifende Nachbarschaftshilfe in Verbindung mit der Diakoniestation; Gruppen für Kinder und Jugendliche, in denen sie Vertrauen, Stabilisierung und konkrete Hilfe erfahren können; auch Bildungsarbeit für Eltern in Erziehungsfragen, Eheseminare, Kurse für pflegende Angehörige und vieles andere. Gott will zeigen, was dran ist – für Ihre Gemeinde und für Sie persönlich.

Ulrich Laepple ist Pfarrer und theologischer Referent für diakonisch-missionarischen Gemeindeaufbau bei der Arbeitsgemeinschaft Missionarische Dienste (AMD) im Diakonischen Werk der EKD

 

Zur Vorbereitung und Gestaltung

Wir sind selber „Diakoniefälle“ Gottes. Es ist gut, dass ich mir vor Augen führe, wo ich Gottes Hilfe gebraucht habe, wo ich schwach war. Auch, wo mich eine Schwester, ein Bruder oder andere Menschen aufgefangen oder gestützt haben. Die Willow-Creek-Gemeinde gebraucht das Wort „wounded healer“ und meint damit: Die Wunden, die mir im Leben geschlagen wurden, können für mich zur Gabe und Aufgabe für andere werden: die Trauer, die ich aus meinem eigenen Leben kenne, lässt mich anderen, die trauern, nahe sein. Die Pflege meiner dementen Mutter macht mich fähig und bereit, mich Menschen mit Demenz zuzuwenden.

In unseren Gemeinden sind wir oft „betriebsblind“. Wir tun Vieles. Manchmal spüren wir, dass es gut wäre, es daraufhin zu überprüfen, ob wir wirklich in der Spur Jesu sind, also nah genug an der Lebenswelt und Lebensnot der Menschen, ob unsere Gemeinde transparent ist für die Liebe Gottes. Das Gespräch in der Gemeindeleitung, im örtlichen Allianzkreis, in Gruppen und Diensten ist notwendig und kann Klarheit bringen.

Zum Beten

Dank

  • für Schwestern und Brüder und alle Menschen, die mir in meinem Leben ein Netz waren, das mich in schwerer Zeit gehalten hat
  • für die Gemeinden mit ihren diakonisch tätigen Ehrenamtlichen und Hauptamtlichen, für Einrichtungen der Diakonie, für erfahrene beraterische oder ärztliche Hilfe in den medizinischen Diensten und Pflegediensten in unserem Land
  • für vorbildliche diakonische Aufbrüche und Projekte in zahlreichen Gemeinden und Werken

Buße und Bekenntnis

  • dass unsere Taten so oft hinter den Worten zurückbleiben
  • dass Gemeinden (auch die eigene?) so mit sich selbst beschäftigt sind
  • dass unsere Gemeinden sich oft scheuen, über Milieugrenzen hinweg „Licht der Welt“ zu sein

Bitte

  • dass Gott unseren Gemeinden zeigt, zu wem er sie sendet, wem sie zum Nächsten werden sollen
  • dass Gottes Leben schaffender Geist Menschen erweckt zu einer neuen, erfinderischen und tätigen Liebe und sie zu einer Gemeinschaft des Heils und des Heilens macht
  • um Kraft zum Tragens eigenen Leides und Mittragen fremden Leides
  • dass Gottes ewiges Reich bald komme und die unfassliche Leidenslast so vieler Menschen und Völker auf der Erde wegnimmt