20 Jahre Mauerfall und die deutsche Identität

Monatliches Allianzgebet für November 2009

Bibeltexte:
Psalm 96 in Auswahl; Nehemia 9 in Auswahl

Es war bei einem meiner ersten Seminare zum Thema „Deutschland – einig Vaterland“ in den 90er Jahren. In der Mitte des Raumes lag eine Deutschlandfahne. Eine der Teilnehmerinnen schaut mich irritiert an: „Was soll denn das – eine Deutschlandfahne?! Meine Jungen zu Hause haben ganz viele Fähnchen und Wimpel – aber eine deutsche darf nicht dabei sein. Das will ich nicht!“ Später, wieder bei solch einem Seminar, berichtet ein polnischer Teilnehmer: „Ich war ganz irritiert am Anfang. Die deutsche Fahne hier vorn auf dem Tisch. Ich dachte: ‚Nein, das kann doch nicht sein’.“ Ganz schnell wurde deutlich, auch wenn es in solch einem Seminar um die Fragen der deutschen Einheit geht: viel tiefer geht es um die Fragen unserer Identität!

Identität wird von Geschichte geprägt. Da taten sich Abgründe auf, eine gestörte Identität in beiden Teilen Deutschlands – zerstört durch die Macht unsagbarer Schuld, zerstört durch Diktatur und Gewalt, durch Missbrauch, durch die Wunde der Teilung. Die Fahne irritiert. Das fiel mir in vielen Situationen auf. Warum eigentlich? Die Fahne ist ein Symbol für die Identität; ein Zeichen, mehr nicht, aber dies eben doch. Und die Irritationen zeigten etwas von der gestörten Identität – Angst vor Missbrauch, vor Machthaberei, vor erneuter Schuld und Verletzung. Mir wurde es immer mehr zu einem Anliegen, dass wir „normal“ werden, fröhlich im Blick auf unser Land; die Fahnen schwingen, und das ohne Überheblichkeit, ohne feindselige Parolen, ohne schlimme Verdächtigungen.

Viele Christen haben in vergangenen Jahren dafür gebetet: Heilung für unser Land. Heilung der Identität als Deutsche. Wenn ich jetzt bei einem Seminar oder Gottesdienst die deutsche Fahne dabei habe, fragt niemand mehr irritiert nach. Es ist nicht mehr bedrohlich, beängstigend, verdächtig. Ich glaube nach wie vor, dass Gott auch so etwas wie eine Fußballweltmeisterschaft gebrauchen kann, um Gutes zu tun. 2006 – solch ein Fahnenmeer – wie sonst wäre das möglich geworden? Freuen wir uns über diese Veränderung und beten wir, dass diese Veränderung nicht nur ein Zeichen betrifft, sondern wirklich unsere Herzen! Wie bei einer schweren Erkrankung oft eine erhöhte Sensibilität und Gefährdung zurückbleibt, so auch hier. Es gilt, fröhlich zu feiern, was Gott geschenkt hat und wachsam zu sein, damit nicht unbemerkt, aus vergifteten Wurzeln im Verborgenen wieder Schaden aufwächst. Es braucht anhaltendes Gebet und Wachsamkeit.

Mir helfen die alttestamentlichen Beter, um für unser Land zu beten. Bei Nehemia und Daniel z. B. kann ich lernen, wie wir für unser Land und Volk beten können. Anbetung Gottes, Bekenntnis der Schuld, Bitte um Vergebung – und das immer im solidarischen WIR. Da werden nicht die Schuldigen gesucht, sondern da wird von frommen Männern bekannt „wir haben gesündigt“. Dieses Wir stiftet Identität. Das müssen wir noch üben: Zwischen Ost und West, zwischen Arm und Reich, zwischen Kirchen und Konfessionen, zwischen Jung und Alt. Wir Deutsche sind reich beschenkt von Gott, wir sind geliebt, von ihm versöhnt, gerufen, ausgerüstet mit Gaben zum Dienst in der Welt.

Astrid Eichler ist Gefängnis-Pfarrerin in Berlin-Tegel, außerdem als Referentin und Autorin im Land unterwegs (z.B. www.emwag.de). Die Wende hat sie als Dorfpfarrrerin in Brandenburg erlebt.

 

Zur Gestaltung und zum Beten

Hilfreich ist, wenn der Raum das Thema wiederspiegelt, wenn die Augen mitbeten. Hilfen dazu können sein: Eine Deutschlandfahne, eine Landkarte, ein Plakat oder ähnliches mit der Nationalhymne, Bilder von historischen Ereignissen, besonders aus den Jahren 1989/90 vom Mauerfall und der Wiedervereinigung, aber auch Bilder, die etwas zeigen von der Vielfalt und Schönheit unseres Landes.

Typische Bilder, Spezialitäten oder Kuriositäten aus verschiedenen Bundesländern können dies vertiefen.

Eine Diashow könnte ein Element zur Gebetsmotivation an diesem Abend sein.

Wie wäre es, wenn die Nationalhymne gemeinsam gesungen wird und dazu ein paar Gedanken geäußert werden?

In Kleingruppen könnte es Zeit zum Austausch geben:

  • 9. November 1989 – wie habe ich diesen Tag erlebt?
  • Woran erinnere ich mich besonders gern?
  • Wofür will ich danken?

Dank

  • für das Wunder der friedlichen Revolution und den Mauerfall
  • für Vergebung und Heilung, die wir empfangen haben
  • für die Menschen, die sich für Freiheit und Gerechtigkeit engagiert haben und engagieren

Buße

  • über Gleichgültigkeit, Undankbarkeit und Habgier
  • über extreme und rassistische Strömungen in unserem Land
  • über zunehmende Gottlosigkeit und Atheismus

Bitte

  • um wachsende Einheit zwischen Ost und West
  • um eine neue Mentalität des Miteinander Teilens
  • um Wachsamkeit und den Geist der Gebets für unser Volk

Liedvorschläge

  • Nun danket alle Gott (EG 321)
  • Wach auf, wach auf du deutsches Land (EG 145)
  • O Herr gieße Ströme lebendigen Wassers aus