Gebetstreffen für Frauen

Was für eine Familie

 

Bibeltext:

Lukas 15, 11-32


Eine bekannte Geschichte. Doch sind uns die Personen wirklich vertraut?

Um einen anderen Zugang zu diesem Gleichnis zu bekommen, wollen wir uns die verschiedenen Personen genauer anschauen und überlegen, wo wir es in unserem Umfeld mit solchen Persönlichkeiten zu tun haben oder ob wir uns vielleicht selbst darin entdecken.

Zuerst fällt uns der jüngere Sohn auf. Mit welchen Worten kann man ihn charakterisieren? Da lässt sich einiges entdecken: weltoffen, lebensdurstig, unternehmungslustig, voller Sehnsucht, mit vielen Wünschen und Träumen, aber auch dreist (er fordert das Erbe noch zu Lebzeiten des Vaters!). Später erleben wir ihn anders: nachdenklich, gescheitert, hungrig, voller Reue, zur Umkehr fähig.

Den älteren Sohn könnte man so beschreiben: fleißig, treu, recht- schaffen, sparsam, aber auch wütend, neidisch, verurteilend, bitter. Wo begegnen uns solche Menschen? In wessen Rolle finden wir uns wieder? So gesehen entdecken wir, dass beide Söhne den Vater brauchen. Er kommt beiden entgegen, möchte mit beiden feiern, möchte, dass es ihnen gut geht.

Wenn man den Vater beschreiben will, so fällt zuerst seine Großzügigkeit auf, mit der er den jüngeren Sohn ziehen lässt. Er gibt ihn frei und wartet gleichzeitig auf seine Rückkehr. Seine Liebe ist überwältigend, aber auch seine Geduld, mit der er dem Älteren nachgeht.

Das Gleichnis beschreibt uns auch Gottes große Familie, die wir Gemeinde nennen. Wir treffen darin unterschiedliche Persönlichkeiten. Nur in Verbindung mit dem Vater können die Unterschiede überbrückt werden. Wenn wir miteinander beten, dann haben wir Grund, den liebevollen Vater zu loben. Wir dürfen aber auch Unter- schiede vor ihm aussprechen. Doch zuerst sollten wir uns selbst in unserer Beziehung zu ihm sehen. Das hilft uns, auch in unseren Familien oder Gemeinden eine neue Perspektive zu gewinnen. 

Zur Gestaltung des Treffens:

Die Persönlichkeitsmerkmale der beiden Söhne lassen sich gut im Gespräch erarbeiten. Wo begegnen uns derartige Persönlichkeiten? Was bedeutet das für unser Zusammenleben in der Familie? Lässt sich das auch auf die Gemeinde übertragen? Welchen Platz in der Familie Gottes nehmen wir ein? Wie können wir als Frauen die Großzügigkeit und Liebe Gottes für uns annehmen und wie können wir sie weitergeben? „Wenn ich bedingungslose Liebe suche, wo sie nicht zu finden ist, bin ich der verlorene Sohn.“ Henri Nouwen 

Gebetsanliegen:

Dank:

Wir sagen Gott, wie sehr wir uns über seine Liebe freuen und was für ein unvergleichlicher Vater er für uns ist. Wir danken dafür, dass wir in seine Familie gehören.

Stille:

Wir nehmen uns Zeit, um uns zu hinterfragen: Wo stehe ich gerade in der Familie Gottes und wo meiner Familie?

Buße:

Wir bitten um Vergebung, weil wir Gott weglaufen und meinen, unser Leben selbst in die Hand nehmen zu können. Wir brauchen seine Vergebung, wo sich unser geistliches Leben festgefahren hat. Wo urteilen wir über andere?

Bitte:

Wir bitten Gott für die Menschen, die ihm davonlaufen; ebenso wie für die, die in Bitterkeit und Gesetzlichkeit erstarren. Wir bitten für Einheit in Verschiedenheit. Wir beten für unsere Familien und für die Arbeit mit Frauen in den Gemeinden.

Margitta Rosenbaum (Arbeitsgemeinschaft Biblische Frauenarbeit)
Die Arbeitsgemeinschaft Biblische Frauenarbeit (ABF) bündelt seit 1987 die Frauenarbeit in der Deutschen Evangelischen Allianz. Sie bietet biblische Wegweisung für Frauen in den Auseinandersetzungen unserer Zeit an.
Die Arbeitshilfe IMPULSE gibt Anregungen für den Frauenkreis.

Ein Impuls zum Gebetstreffen für Frauen

Herzenssache: Gastfreundschaft

Ich habe sie von ihrer schönsten Seite kennengelernt: Auf einer langen Zugfahrt, von Vellore nach Goa in Südindien. 28 Stunden sind wir unterwegs. Nach der Nacht wachen die Passagiere allmählich auf. Durch den Zug kommen Tee- und Kaffeeverkäufer. Für ein paar Rupees bieten sie einen Becher an, rufen dabei laut: „Tai!“ oder „Koppee!“ Als der nächste Teeverkäufer kommt, bestellt der 60-jährige Inder in unserem Abteil mehrere Becher, bezahlt und gibt uns den Tee. Wir sind eingeladen. Und protestieren: „Wir können unseren Becher doch selbst bezahlen!“ Aber wir haben keine Chance. Zusammen trinken wir Tee und unterhalten uns über Gastfreundschaft. Und er erklärt: „Versteht ihr? Ihr seid Gäste in meinem Land! Ihr reist allein. Euer Gastgeber ist nicht hier. Also übernehme ich seine Aufgaben, bis sich unsere Wege wieder trennen.“

Gastfreundschaft ist kein Ereignis, sondern eine Haltung. Eine Lebenseinstellung. Wie Demokratie. Sie findet nicht zu besonderen Gelegenheiten statt. Sie bestimmt die Atmosphäre. Muss immer wieder geübt werden. Ob eine Gesellschaft gastfreundlich oder demokratisch ist, erkennst du nicht an Feiertagen, zu Weihnachten oder am Tag der Bundestagswahl. Du liest es täglich in der Zeitung. Du hörst es in ihrer Sprache. Du siehst es in ihrer Werbung.

Gastfreundschaft ist eine Freiheit. Sie heißt willkommen. Ist die Gegenbewegung zur Abschottung. Zur Ausgrenzung. Sie ist neugierig. Sie schenkt. Sie teilt – nicht ein in „Wir“ und „Die anderen“.

Gott – ist ein großzügiger Gastgeber. Wir sind Gäste. Alle. Von Geburt an. Willkommen in dieser Welt! An einem Tisch, den wir nicht gedeckt haben. Sonne, Wind, Liebe, Freundschaft, Brot, Wein oder Musik sind Teil der Festtafel. Wie Tai und Koppee.

Von Christina Brudereck, gefunden im SCM-Journal 2015 (Witten)